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Die Schule als Staatsmonopol. — Die Lehrer als Staatsbeamte.

Ein Nebenerfolg, den die Staaten mit der Uebernahme des allgemeinen religiösen und elementaren Unterrichts gewannen, war, daß sie nun die Handhabe hatten, auch die selbständig entstandenen städtischen Schulen in staatliche Regie zu nehmen. Diese bildeten ja anfänglich den einzigen wirklichen Unterricht. Wie wenig die Reformatoren selbst bei ihren Bemühungen um allgemeine religiöse Unterweisung des Volkes die Vorstellung einer „Volksschule“ hatten, ist daraus zu ersehen, daß sie, wenn sie von „Schulen“ sprechen, dabei immer nur an die gewissermaßen höheren Schulen dachten, die von den städtischen Regierungen zur Förderung der städtischen Wirtschafts- und Verwaltungs-Interessen gepflegt wurden: „So oft er auf die Schule zu sprechen kommt, ist es ihm um den kirchlichen Nachwuchs zu tun“, sagt Spranger von Luther („Luther“ in der Sammlung pädagogischer Aufsätze: „Kultur und Erziehung“, 1925, Quelle & Meyer, Leipzig, S. 22). „Für die niederen Schulen fordert er vor allem christliche Zucht und Lehre, d. h. vor allem Lesen der Schrift und die Erlernung des kleinen Katechismus“. „Von staatlichen Schulen, nationaler Bildung und weltlichen Wissen steht in seinen Schriften nichts“ (ebd. S. 23). An die Christen in Riga schrieb er (de Wette, Bd. I, II, S. 595): „Ich habe nun viel gepredigt und geschrieben, daß man in Städten sollte gute Schulen aufrichten, damit man gelehrte Männer und Weiber aufzöge, daraus christliche gute Pfarrer und Prediger würden und das Wort Gottes reichlich im Schwange bliebe“. Ebenso sagt er in dem „Sermon, daß man die Kinder zur Schule halten solle“: „Ich halte aber, daß auch die Obrigkeit hier schuldig sei, die Untertanen zu zwingen, ihre Kinder zur Schule zu halten. Denn sie ist wahrlich schuldig, die obgesagten Aemter und Stände zu erhalten, daß Prediger, Juristen, Pfarrherren, Schreiber, Aerzte, Schulmeister und dergleichen bleiben; denn man kann deren nicht entbehren“ (Heppe, S. 5).

Auch Melanchthon kennt noch keinen anderen Zweck der Schule, als den der Erziehung von Predigern u. a. Beamten. In dem sogenannten „Sächsischen Schulplan“, der das letzte Kapitel des „Unterricht der Visitatoren an die Pfarrherren im Kurfürstentum Sachsen“ bildet, heißt es: „Es sollen auch die Prediger die Leute vermahnen, ihre Kinder zur Schule zu tun, damit man Leute aufzieht, geschickt zu lehren und sonst zu regieren“. —

Diese städtischen Schulen in die Gewalt zu bekommen, lag nun wahrlich im Interesse des Staates. „Denn die weltliche Gewalt ... braucht Theologen, dann aber auch Juristen und Kanzlisten“, wie Luther an anderer Stelle noch einmal konstatiert (Spranger, „Politik und Pädagogik“, S. 19). Und die Bevölkerungsschichten, aus denen sich die Schüler dieser Schulen rekrutierten, waren die herrschenden Klassen, auf die die Regierung noch aller Orts angewiesen war. Ein Zögling des Dessauer „Philanthropin“, K. Spaziers, berichtet in seiner Autobiographie:

„Der größte Teil der Zöglinge war aus dem Adel, also meistens zu Militär- oder Zivildiensten[7], die übrigen meist zum Kaufmannstand und anderen praktischen Berufsarten7, die wenigsten zu eigentlichen Gelehrten bestimmt“ (zitiert bei K. A. Schmid, IV, 2, S. 255).

Die sogenannten Lateinschulen lebten noch ganz im Geiste der alten Kloster- usw. Schulen: Die Frankfurter Schulordnung von 1654 stellt z. B.
noch den Gebrauch der deutschen Sprache innerhalb der Schule in eine Reihe mit Gotteslästerung und strafbaren Unanständigkeiten![8] Alle diese, sowohl Latein- wie deutsche Schulen in den Städten wurden nun im Laufe des 16. Jahrhunderts mit konfessionellem Religionsunterricht durchsetzt und der allgemeinen staatlichen Schulorganisation mehr oder weniger einverleibt, wobei jedoch die scharfe Scheidung zwischen Stadt- und Land-Schulen aufrechterhalten bleibt. (Schon dies läßt erkennen, daß von einer eigentlichen allgemeinen Volksschule damals noch keine Rede war.) Uebrigens wurden die „Deutschen Schulen“ dabei allenthalben ziemlich stiefmütterlich behandelt: In der Württembergischen großen Kirchen- und Schul-Ordnung von 1559 z. B. befassen sich von den rund 100 Seiten Text nur die letzten 6 mit ihnen. Dagegen werden die „Partikularschulen“, also die Bildungsstätten für den ersten Unterricht in Latein und Griechisch, sorgsam behandelt; freilich eben namentlich in dem Sinne, daß man nun auch diese Schülerschaft „mit dem Gebet und Katechismo“ und mit „Psalmensingen“ „christlich auferzog“. — Immerhin wurde grundsätzlich Errichtung deutscher Schulen in allen Flecken mit Meßnereien vorgeschrieben. Jedoch: „von Büchern nur Fibel mit Katechismus, Sprüche Salomonis, Jesus Sirach und Neues Testament zugelassen“ (Schmid, S. 209).

Die Hauptsorge der Fürsten war nunmehr, sich das völlige Monopol des Unterrichts zu sichern, also zu verhüten, daß irgend jemand außer ihnen noch Schule halte und damit die Möglichkeit habe, auf andere Weise auf die Kinder einzuwirken.

Schon gleich im Anfang des preußischen Volksschulwesens wendet sich ein Königliches Reglement von 1738 nachdrücklich gegen die privatim, verächtlich sogenannten „Klippschulen“ in Berlin, und das Preußische Schulreglement Friedrichs II. vom 12. August 1763 verordnet in § 15: „Daher denn alle Winkelschulen, sie mögen von Manns- oder Weibs-Personen gehalten werden, hiedurch bey Strafe gänzlich verboten seynn sollen“.

Wie die Napoleonische Schulgesetzgebung alle Privatschulen unmöglich zu machen bestrebt war, sahen wir bereits. Auch das Allg. Preuß. Landrecht wurde schon zitiert, das a. a. O. in § 6 noch ausdrücklich vorsieht, sogar „auf dem Lande und in kleineren Städten, sollen keine Neben- und sogenannte Winkel-Schulen ohne besondere Erlaubnis geduldet werden und solche, wenn etwa wirklich genehmigt, der Staatsaufsicht unterstellt sein. Ebenso verordnet, um noch ein Beispiel anzuführen, das Preußische „Reglement für die Privatschulen in den Städten und Vorstädten Berlins“ vom 16. Oktober 1738 gleich in § 1:

„Es muß sich niemand des Schulehaltens anmaßen, sondern ein jeder bei dem Inspector und den Predigern des Kirchspiels, wo er Schule halten will, sich melden, von ihnen sämtlich examinirt werden und wenn er tüchtig befunden, auch deshalb ein schriftliches Testimonium erhalten, resp. sich dem evang.-reformirten Kirchen-Directorio und Magistrat allhier sistiren und Confirmation suchen. Ohne solch Testimonium des Ministerii wird keiner angenommen.“

Das ließe sich ja nun als eine dankenswerte Fürsorge dafür auslegen, daß der Unterricht der Kinder nur wirklich fähigen Personen anvertraut werden sollte. Aber bei staatlichen Verordnungen, welche den Behörden eine bestimmte Auswahl unter den Bewerbern um Amt und Tätigkeit vorschreiben, werden wir immer sehr mißtrauisch sein müssen darüber, welche Grundsätze denn nun für diese Auswahl zur Anwendung gelangen. So finden wir denn im erwähnten Gesetz alsbald unter II vorgeschrieben:

„§ 1. Vor allen Dingen müssen sowohl die Schulmeister, wie die Schulmeisterinnen das Zeugnis einer wahren und ungeheuchelten Gottseligkeit haben und mit einem exemplarischen Christenwandel in der Schule, bei öffentlichem Gottesdienst und überall ihren Kindern vorgehen, ja gegen jedermann sich unsträflich zu beweisen suchen.

§ 2. Und da sie solcher Gewalt die Erkenntnis der Wahrheit in reinem Gewissen zu bewahren trachten sollen, so müssen sie sich vor allen unnützen und der Gottseligkeit hinderlichen Nebenmeinungen und Irrtümern hüten, hingegen bei den heilsamen Worten unseres Herrn Jesu Christ und bei der Lehre von der Gottseligkeit sorgfältig bleiben, damit sie ihre Kinder auf den Grund lauterlich führen und bauen können, den sie selber legen.“

Das klingt ziemlich harmlos. Damit war aber gleich von Anfang an Vorsorge getroffen, daß vermittelst der den Pastoren überlassenen Direktive und Kontrolle nur solche Personen an die Jugend herankamen, von deren Gesinnungstüchtigkeit der Staat Wahrung seiner Interessen erwarten konnte.

Durch das Generalschulreglement vom 23. Sept. 1763, welches endgültig die allgemeine Schulpflicht einführte, wurde dann aber auch die Lehrertätigkeit als ein besonderer neuer staatsamtlicher Beruf anerkannt und nunmehr, während er bisher lediglich ein Accessorium des Pfarramtes gewesen war und seine Beaufsichtigung der Kirche obgelegen hatte, unter die ordentliche Aufsicht und Leitung einer eigenen Staatsbehörde gestellt. Auch jetzt wurde aber noch den kirchlichen Anschauungen in der Schule durchaus Rechnung getragen und in keiner Weise den aufklärerischen Lehren, welche die Zeit beherrschten, in der Schule irgendwelcher Einfluß eingeräumt. (Heppe, S. 33.) Man sieht: Der König, obwohl persönlich durchaus von der Unsinnigkeit der kirchlichen Lehren überzeugt, ließ bewußt das Volk in diesem Glauben bestärken. Er hatte keineswegs Neigung, dem Volke wissenschaftliche Wahrheiten zur Hebung seiner Geistesverfassung nahe zu bringen. Die Schule war eine Einrichtung des Staates und sollte dessen Machtinteressen dienen; denen aber konnte Aufklärung und Bildung des Volkes unter Umständen abträglich sein.

Auch die Lateinschulen, ja sogar die städtischen Schreib- und Rechen-Schulen wurden in solchem Sinne meist religionisiert und „erfuhren durch deutsche Psalmen, gute Sprüche aus der Schrift und den Katechismus eine wertvolle Ergänzung“ (Schmid II, S. 204). Die Lehrer an den Lateinschulen waren und blieben meist Theologen, erhielten aber Beamtencharakter, indem sie dem Bürgermeister einen Amtseid ableisten mußten.

Aber der Beamtencharakter der Lehrer gab dem Staat noch nicht genügende Sicherheit seiner Schulherrschaft. Zunächst erfolgte jetzt Vereinheitlichung der Lehrbücher, damit der einzelne Lehrer ja nicht irgendwie Möglichkeit habe, individuelle Seitensprünge zu machen. Sodann wurde die staatliche Schulverwaltung selbst vereinheitlicht: Unter Friedrich II. wurde dem Oberkonsistorium 1750 die zentrale Aufsicht über das gesamte Schulwesen des Staates übertragen (Clausnitzer-Rosin, S. 15). Sein Nachfolger schuf dann für die Schulverwaltung ein besonderes selbständiges „Oberschulkollegium“, dem sämtliche Anstalten von den Universitäten bis zu den Landesschulen unterstellt wurden. Nach Heppe („Gesch. d. dtsch. Volksschule“ III, S. 48) geschah dies namentlich „aus dem Grunde, . . . . um . . . . die Schule so besser zur Dienerin seiner orthodoxen Religionsansichten zu machen“ und „dem Götzen der Aufklärung die Wege zu verschließen . . . . Hierzu schien vor allem die vollständige Centralisation der Verwaltung des Unterrichtswesens erforderlich zu sein, damit von Einer Centralbehörde aus Ein Geist allen Schulen eingehaucht und in denselben erhalten werden könnte.“

Schließlich wurde das Schulbeamtentum nun jeweils einem vom Konsistorium ganz unabhängigen rein weltlichen Schulkollegium oder Schuldirektorium als oberster Behörde unterstellt, das direkt von der höchsten Landesbehörde ressortierte; so in Preußen 1787 durch denselben Minister v. Zedlitz.

Gegen diese rein staatliche Organisation des Schulwesens erhob sich hier und da lebhafter Widerstand der Geistlichkeit. (In Braunschweig z. B., wo der rationalistische J. H. Campe zum Leiter des Schuldirektoriums ernannt wurde, mußte das letztere infolge heftigen Einspruchs der Kirche zunächst wieder aufgehoben werden.) Aber im allgemeinen setzte sich die reine Verstaatlichung des Schulwesens nunmehr durch.

Auch die geistige Ausbildung der Lehrerschaft selbst in einem seinen Wünschen und Interessen entsprechenden Sinne ließ der Staat sich nunmehr angelegen sein. Er richtete dafür früher oder später besondere Lehrerseminare ein, in denen die späteren Erzieher der Jugend in gesinnungstüchtiger Weise planmäßig vorbereitet wurden. Daß man sie auch in fachlicher Hinsicht dabei entsprechend vorzubereiten suchte, soll natürlich nicht bestritten werden. Aber das lag den Regierungen doch erst in zweiter Linie am Herzen. (Friedrich II. z. B. legte, zum Schmerz seines Ministers Zedlitz, den Hauptwert darauf, daß als Lehrer Personen angestellt wurden, welche die — Seidenraupenzucht verstanden und zu pflegen bereit waren, die er aus staatswirtschaftlichen Gründen in Preußen einzuführen suchte; erst in zweiter Linie fiel dann ihre Vertrautheit mit der (damals maßgebenden) „Vorteilhaften Lehrart des Pfarrers Fuhrmann in Berlin“ ins Gewicht.)

[7] Für diese Schichten wurden denn weiterhin namentlich die Ritterakademien und die Realschulen eingerichtet.

[8] „Die anders denn latine oder etwas Ungebührliches oder Gottlästerliches reden, sollen je nach Gelegenheit der Uebertretung gezüchtigt werden.“

Die Schule

Ein Frevel an der Jugend


von: Walther Borgius

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Inhalt:

I. Geschichtliches
Ursprünglich freies Aufwachsen der Kinder.
Der Staat als Wurzel des Gehorsams.
Die Jünglingsweihen.
Anfänge des Schulwesens.
China.
Die Antike.
Die Kirche als Schulherrin.
Die spätmittelalterlichen „Stadtschulen“.
Die Reformation und die Schule.
Streben zur Vereinheitlichung des Volkes.
Staatliche Volksschulen.
Der „Bet-Ernst“.
Der Pietismus.
Die Schuldisziplin.
Die Toleranzidee.
Die Schulen des neueren Frankreichs.
Die Schule des neuen Preußen.
Die Schule als Staatsmonopol. — Die Lehrer als Staatsbeamte.
Das Prüfungs-Unwesen.
Das Berechtigungswesen.
Schule und Revolution von 1789.
Süverns Entwurf eines allgemeinen Schulgesetzes.
Die Reaktion.
Bismarck und der Liberalismus.
Die Schulfinanzen zwischen Zollmisere und Sozialistenangst.
Kampf Kaiser Wilhelms gegen die Sozialdemokratie.
Militärische Vorbereitung der Jugend.
Staatsbürgerliche Erziehung.
Die Fortbildungsschule.
Die Produktionsschule.
Das Ethos der Arbeit.
Die Staatsschule, der Fluch der Kindheit.
Das moderne Ausland.
Vereinigte Staaten von Nordamerika.
Australien.
Italien.
Rußland.
Kollektivunterricht und Individuum.

II. Grundsätzliches
Die Weltgeschichte.
Die Geographie.
Die deutsche Sprache.
Fremdsprachen.
Die Naturwissenschaften.
Die Mathematik.
Turnen.
Kunst.
Interesselose Kinder.
Die künftigen Formen des Aufwachsens der Kinder.
Das Spiel, die natürliche Funktion des Kindes.
Eingriffe der Schule ins Privatleben.
Die Sklaverei des Kindes.
Die Beseitigung der Schule.
Die Finanzierung der Neuordnung.

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