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LeseprobeSeltsam: Wenn von Bildung gesprochen wird, denken die meisten an
Schule. Und oft genug an deren Versagen. Diese so üblich und normal
gewordene Verwechslung von Bildung und Schule ist ebenso erstaunlich
wie die Gleichsetzung von Gesundheit und Medizin oder von Kommuni-
kation und Telefon.
Indem Bildungsfragen üblicherweise als Schulfragen verstanden werden, verkommen sie zu pädagogischen Angelegenheiten, über die zu entscheiden bestimmte Personen sich besonders berufen fühlen: zuvörderst die Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen pädagogischen Richtungen, die Schulbürokraten, die Lehrerschaft, die Eltern. Auch die Politik greift hie und da Fragen der Bildung auf: beispielsweise wenn ein gutes Thema für eine unverbindliche programmatische Rede benötigt wird oder, vor allem, wenn Wahlkampf herrscht.
Den Medien scheint die Bildung dann ein besonderes Thema zu sein,
wenn ihnen die Schule wieder Anlaß gibt, die deutsche Bildungskatastrophe zu beklagen: Wenn eine neue internationale Untersuchung das schulische Versagen offenbart; oder wenn die Gelegenheit gegeben ist, sich an Merkmalen wie der schulischen Gewalt zu laben.
Auch die Wirtschaftsverbände greifen Bildungsfragen auf, um der Schule ihre Not mit dem Nachwuchs zuzuschreiben.
Die Aufzählung jener, die das Thema Bildung mißbrauchen und daraus eine Schulfrage machen, ließe sich fortsetzen. Und ebenfalls die Aufzählung jener, die ein Versagen der Schule zum Anlaß nehmen, deren Verbesserung zu fordern - als ob dies der Forderung nach Bildung und ihrer Förderung gleichkäme!
Schulkritik? Sie ist wahrlich so alt wie die Schule selbst und hat sich allem Anschein nach als modisches Diskussionsthema fest etabliert - ohne daß durch die lange Tradition diese Schulkritik an Stringenz gewonnen hätte!
Woran liegen solche Mißstände? solche Mißverständnisse? Vielleicht tragen zwei emotionale Belastungen, die - wie mir scheint - Verschulte lebenslang mit sich schleppen, zum allgemeinen Unbehagen bei:
...
Zugegebenermaßen würde ich diese so radikale und kritische Infragestellung der schulischen Institution nicht wagen, wenn sie wenigstens erfolgreich wäre: entweder hinsichtlich der "Brauchbarkeit" der vermittelten Kenntnisse; oder hinsichtlich der totalen Erziehung, so daß viele der auf ihre subtile Manipulation sogar stolzen Betroffenen zumindest glücklich wären. Ist dem so? Offensichtlich nicht! Wieviele - heute junge - Menschen sollen noch auf dem Altar der ideologischen Tabus "geopfert" werden, weil dieses Versagen der Schule inzwischen die Grenzen des Hinnehmbaren und Vertretbaren zwar überschreitet, die verblendeten "zivilisierten" Erwachsenen dies aber ignorieren? Das gewiß schmerzvolle Anerkennen ist allerdings die Voraussetzung für radikalere, vor allem
sinnvolle, menschliche und logische Schritte.
Zweifelsohne mangelt es nicht an Menschen, die mit aufopferungsvollem Heroismus versuchen, die Schule zu reformieren, sie zu verbessern. Ich halte dies für völlig fehl am Platze! Weshalb? Weil die schulische Institution und der frei sich bildende Mensch aus meiner Sicht schlicht unvereinbar sind. Und statt des m. E. widersinnigen Versuchs, die Schulprobleme beispielsweise reformerisch anzugehen - solche Unlösbarkeit bezeichne ich, trotz aller guten Absicht, dennoch als „Quadratur des Kreises“ oder
als Sisyphusarbeit -, denke ich, daß jeder sensible, an Lebendigkeit, Freiheit und Würde interessierte Mensch sich selbstverständlich der Frage widmen wird, welche Bedingungen den Prozeß des sich bildenden Subjekts und der bildungsfreundlichen Kultur optimieren können. Eröffnet nicht just dieser grundlegende Wandel im Verständnis von Bildung und ihres Erfahrens neue, originelle Horizonte? Diese Reflektion möchte Sie also zu einer Wanderung in eben diese Richtung einladen, gemäß dem chinesischen Motto: "Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem Schritt!"
HINWEIS: Dieser Auszug ist dem Kapitel "Steter Tropfen höhlt den Stein..." aus dem Buch "Schluß mit Schule! - das Menschenrecht, sich frei zu bilden" von Bertrand Stern entnommen und für diese Webseite angepasst. Es unterliegt den Bestimmungen des Copyrights und darf ohne schriftliche Genehmigung des tologo verlags in keiner Weise vervielfältigt werden.
224 Seiten |
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