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Musterkind Ekkehard von Braunmühl

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Musterkind
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im: tologo verlag
Seiten: 114
erschienen: 2007
ISBN: 978-3-9810444-6-1
Preis: 9,90 EUR
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Leseprobe

Zum Abendbrot hat mir Mutti extra noch mal Wackelpudding gemacht. Allerdings roten, weil kein grüner mehr da war. Den roten esse ich auch gern, aber den grünen liebe ich. Normalerweise. Normalerweise brauche ich auch keinen Appetit für Wackelpudding. Für roten sowieso, aber erst recht für grünen. Also ich meine: nicht.

Aber ich wollte trotzdem nichts essen. Mutti brachte den Wackelpudding (eine ziemlich große Schüssel) zurück in den Kühlschrank. Alle waren sehr besorgt um mich. Tee und Zwieback mußte ich zur mir nehmen.

"Wir haben deiner Schwester einen Brief geschrieben", sagte Papi plötzlich und zog einen Umschlag aus dem Jackett. Dann mußte ich Annettes Nachnamen und Adresse nennen. Papi schrieb es auf den Umschlag. Eine Briefmarke war schon drauf. Nachher sah ich, dass der Brief auch schon zugeklebt war. Mutti erklärte mir, ich sollte den Inhalt nicht erfahren, ich brauchte Ruhe und Schonung.

"Aber ich bin doch so neugierig", bettelte ich . " Ihr könnt gar nichts Besseres gegen meine Unruhe tun, als mir zu sagen, was ihr geschrieben habt."

Mutti sah Papi an. Der sagte, irgendwie zwischen ärgerlich und tröstend: "Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Wir haben Elena nur den Schwarzen Peter zurückgegeben."

Mir schoß etwas durch den Kopf. Was wäre, wenn mein Vater mich jetzt zum Briefkasten schicken würde? Wäre ich schon gut genug erzogen, um den Brief nicht heimlich aufzumachen und zu lesen?

Meine Mutter hat mich öfters so auf die Probe gestellt. Zum Beispiel läßt sie manchmal ihre Tasche offen herumstehen oder das Portemonnaie. Sie hat es sogar zugegeben. Als kleines Kind habe ich ihr nämlich mal ein paar Mark stibitzt. Als sie mich damals erwischte und so unheimlich tragisch-traurig anschaute (einfaches Ausschimpfen kommt für eine richtige Erzieherin natürlich nicht in Frage!), war ich so verzweifelt, daß sie mich schließlich sogar tröstete und meinte, sie hätte selbst verführt.

Später habe ich dann einmal einen Zettel in ihre Tasche gelegt, auf den ich geschrieben hatte: Liebe Mutti! Willst Du mich wieder zum Stehlen verführen?

Ich glaube, das war das erste Mal, daß wir uns ausführlich über das Vertrauen zwischen Eltern und Kindern unterhalten haben. Mutti erklärte mir, daß sie großes Vertrauen zu mir hat, aber selbstverständlich kein blindes Vertrauen. Sie kann mich ja nicht andauernd überwachen. Also stellt sie mich ab und zu auf die Probe. Einfach um zu sehen, wie weit mein Gewissen schon entwickelt ist. Man kann einem Menschen ja nicht von außen ansehen, wieviel Vertrauen er verdient.

Auf diese Weise hat meine Mutter mich so weit gefördert, daß ich normalerweise, das kann ich ehrlich sagen, überhaupt nicht mehr stehlen, lügen oder etwas anderes Unrechtes tun kann. Nur in diesem Fall weis ich nicht genau, was passiert wäre. Die Neugierde war sooo groß! Glücklicherweise hält mein Vater von solchen Pädagogentricks nicht viel. Er marschierte höchstpersönlich zum Briefkasten.

Als er draußen war, sagte meine Mutter: " Papi hat den Brief geschrieben. Es war seine Idee. Erst wollte er nur seine ganze Wut rauslassen. Da habe ich widersprochen. Jetzt ist der Brief so, daß deine Schwester es vielleicht verstehen kann. es hängt ganz von ihr ab. Wir haben jedenfalls das Tischtuch nicht endgültig zerschnitten."

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