header left      header right

Keine Hausaufgaben und den ganzen Tag Pause Jerry Mintz

Folgen Sie uns auf Twitter Folgen Sie uns auf FaceBook

Keine Hausaufgaben und den ganzen Tag Pause
border right
border right
border bottom
im: tologo verlag
Seiten: 146
erschienen: 2008
ISBN: 978-3-940596-05-5
Preis: 12,90 EUR
warenkorb

Leseprobe

Eine demokratische Gemeinschaft ist eine Gruppe von Menschen, die die Macht und die Möglichkeit haben, Entscheidungen über ihre Gemein- schaft zu treffen, wobei es hoffentlich Menschen sind, die einander zuhören können. Dazu können Menschen aus vielen verschiedenen Altersgruppen und sehr unterschiedlichen Verhältnissen gehören. Es kann sogar eine Gemeinschaft im Internet oder eine Lebensgemeinschaft sein. Und es kann eine Schule sein.

Es gibt einige Schulen, in denen Entscheidungen technisch gesehen nicht demokratisch getroffen werden, wo aber wirklich jeder dem an- deren zuhört und respektiert, was andere zu sagen haben, ob es nun Erwachsene oder Kinder sind. Ich denke hier ausdrücklich an die „Stork Family School“ in der Ukraine, die 1998 Gastgeber der Internationalen Konferenz für demokratische Bildung (International Democratic Educa- tion Conference – IDEC) war.

An der Stork Family School respektieren sich Kinder und Erwachsene gegenseitig und aus diesem Grund waren sie legitime Gastgeber der IDEC. Sie wissen, dass in ihren Vorgehensweisen ein demokratischer Anteil fehlt und sie wollten dies verstehen und mehr darüber erfahren. Aber der von den Mitgliedern der Gemeinschaft gezeigte gegenseitige Respekt bedeutet, dass sie etwas gemeinsam machen, ohne dass die Erwachsenen die Anführer sind. Ich habe an der Stork Family School Kinder erlebt, die bis spät in die Nacht mit Erwachsenen in Konferenzen gearbeitet haben, Lieder und Sketche geschrieben haben, die am nächsten Tag aufgeführt wurden, und dabei vollkommen gleichberechtigt waren.

Was den demokratischen Gemeinschaften ihre Dynamik verleiht, ist die viel stärkere Autorität, von der die getroffenen Entscheidungen getragen werden. Wenn Entscheidungen nicht von einer einzelnen geachteten Persönlichkeit getroffen werden, sondern dies durch all die anderen Menschen in der Gemeinschaft, die demokratisch mitbestimmen, bestärkt wird, dann steht hinter diesen Entscheidungen eine sehr viel stärkere Autorität. Weil so viele Menschen in die Entscheidungen für die Gemeinschaft einbezogen sind, können Demokratische Schulen so stark aus sich heraus diszipliniert sein.

Eine demokratische Gemeinschaft muss nicht groß sein. Als meine Nichte, Jennifer, mit mir zu Hause lernte, hielten wir Familienkonferen- zen ab, um Entscheidungen zu treffen. Manchmal war meine Schwester dabei. Manchmal war meine Mutter dabei.

In einer Demokratischen Schule besteht die Hauptverantwortlichkeit der Schüler darin, sich auf ihre Rolle als vollwertige Mitglieder der Gemeinschaft einzurichten. Wenn sie sich dazu entscheiden, sich der Gemeinschaft anzuschließen, dann müssen sie bereit sein, nicht nur ihre eigenen Bedürfnisse zu bedenken, sondern auch die Bedürfnisse der Gemeinschaft. Vielleicht verstehen sie das nicht sofort – wenn es aber nach einiger Zeit noch so aussieht, als ob sie dies nicht verstehen können, dann sollten sie vielleicht besser nicht Teil dieser Gemeinschaft sein.

Der wichtigste Gradmesser dafür, wie gut eine Gemeinschaft funktioniert, ist wahrscheinlich die Qualität des Führungsstils der Schüler. Die Schüler sind gegenüber den Mitarbeitern offenkundig in der Überzahl. Wenn es Schüler gibt, die schon lange dabei sind und erlebt haben, wohin es führt, wenn Dinge unter den Teppich gekehrt werden, und wenn diese Schüler verstehen, dass es wichtig ist, sich den Problemen zu stellen, dann bekommt man eine Gemeinschaft, die gut funktionieren kann.

Wenn zu viele Schüler in der Gemeinschaft kein Vertrauen in den demokratischen Prozess haben, oder wenn sie Angst davor haben, Probleme anzusprechen – weil sie sich als Untergruppe gegenseitig unterstützen wollen – dann neigt das demokratische Verfahren zum Zusammenbruch. Das Vertrauen in die Demokratie kann sehr empfindlich sein.

Gruppenzwang und Konformismus können überall auftreten – und all dies kommt und geht wie Ebbe und Flut – aber allgemein gesprochen ist die Wahrscheinlichkeit, dass Gruppenzwang auftritt, an einer Demokratischen Schule geringer. Hoffentlich gibt es in der Gemeinschaft genügend Menschen, die sich nicht davon beeinflussen lassen, wenn andere eine sehr ausgeprägte Meinung zu einer bestimmten Sache haben. Nach meiner Erfahrung gibt es immer Kinder, die bereit sind, zu Dingen, mit denen sie nicht einverstanden sind, ihre Meinung auszudrücken – selbst wenn sie mit dieser Meinung allein stehen!

Aber in manchen Situationen wird auf diese Menschen Druck ausgeübt. Das ist einer der Gründe warum ich im Allgemeinen gegenüber Entscheidungsverfahren nach dem Konsensprinzip Misstrauen empfinde: Es kann dazu führen, dass Einzelne keinen Ärger machen wollen, dass sie nicht diejenigen sein wollen, die eine Entscheidung blockieren; und dies kann sie daran hindern, eine Meinung auszudrücken, die die Entscheidung vollkommen verändern würde. In einer Demokratischen Schule lernt man, sich mit einer Vielzahl unterschiedlicher Menschen zu verständigen – und sie auch zu respektieren.

Das funktioniert gut, wenn es in der Gemeinschaft eine interessante Vielfalt von Menschen gibt. Wenn man in der Lage ist, sich mit Menschen aus unterschiedlichen oder ungewöhnlichen Verhältnissen zu verständigen, dann wirkt sich dies auf alles aus, was man im Leben tut. Diese Auswirkung kann ein direktes Resultat des Aufwachsens in und der Beteiligung an einer demokratischen Gemeinschaft sein.

Demokratische Schulen benutzen ihre Versammlungen, um die Fähigkeit zur Verständigung zu lehren. Der entscheidende Punkt ist, dass man in einer Versammlung innehalten muss und den anderen Menschen das, was er sagen will, sagen lassen muss, ohne ihn zu unterbrechen. Das verändert die Art der Beziehung zwischen diesen beiden Menschen – besonders bei Erwachsenen, die Gespräche durch die Lautstärke ihrer Stimme oder durch Unterbrechungen dominieren können.

Wie schon erwähnt, ist die Effektivität einer Alternativen Schule hauptsächlich an der Führung durch die Schüler zu erkennen. Und dies ist für mich der Grund, keine große Gruppe älterer Schüler in eine neue Alternativschule aufzunehmen. Jede Schule begründet letztlich ihre eigene Kultur. Wenn diese Kultur darauf aufbaut, dass eine Menge neuer Schüler aufgenommen wurden, die keine Erfahrung mit demokratischen Prozessen hatten – unterdrückte Kinder, die ihre bisherigen schwierigen Erfahrungen aus autoritären Schulen mitbringen – dann könnte sich eine Kultur entwickeln, die am Ende die Absicht der Schule vereitelt.

Wenn man jüngere Kinder aufnimmt, sind diese noch näher an der Empfindung für ihre eigene Autorität und ihre eigenen Rechte. Dies ist eine solidere Grundlage für den Aufbau einer Schule. Wenn man später ältere Kinder aufnehmen will, kann man dies gelegentlich tun, wenn man den Eindruck hat, dass es für ein spezielles Kind sinnvoll sein könnte. Dennoch ist es oft von Nachteil, wenn man für ein älteres Kind einen Prozess in Gang bringt, der sehr tiefgreifend ist und dessen Verarbeitung Jahre um Jahre dauern könnte. Wenn man einen Schüler im Alter von sechzehn oder siebzehn Jahren neu aufnimmt, dann könnte es passieren, dass er erst mit fünfundzwanzig zum nächsten Schritt bereit ist. Er wird aber nicht bis fünfundzwanzig in der Schule bleiben, deswegen sollte man ihn nicht aufnehmen.

In Demokratischen Schulen, die wirklich von den Schülern geleitet werden, haben die Mitarbeiter eine schwierige Rolle. Oft muss jeder Mitarbeiter seine Rolle selbst individuell entwickeln. Erwachsene haben sicherlich Erfahrungen gemacht, deren Kenntnis für die Kinder nützlich sein könnte. Es ist wichtig, dass die Erwachsenen den Schülern mitteilen, welche Strukturen sie selbst ihrem eigenen Leben gegeben haben, welche Fertigkeiten sie entwickelt haben und welche Erfahrungen sie gemacht haben, so dass die Schüler entscheiden können, ob sie über diese Dinge mehr herausfinden wollen. Erwachsene sollten durch die Art, wie sie sich in einer Gemeinschaft mit anderen auseinandersetzen, zeigen, wie man mit Problemen umgehen kann, Probleme lösen kann, mit Krisen umgehen kann und fair mit anderen Menschen umgehen kann.

Es ist für Kinder wichtig, dass es in der Gemeinschaft Erwachsene mit unterschiedlichem Hintergrund gibt, mit denen sie sich in angenehmer Atmosphäre auseinandersetzen können. Der Grund hierfür wurde bereits erwähnt: Im späteren Leben werden sich die Kinder mit einer Vielfalt unterschiedlicher Menschen auseinandersetzen müssen. Die wichtigste Aufgabe der Erwachsenen ist, den Kindern dabei zu helfen, in der Beantwortung ihrer eigenen Fragen und in der Erfüllung ihrer eigenen Bedürfnisse zunehmend besser zu werden. Je besser Kinder dies können, umso besser. Je weniger Kinder sich letztlich von Erwachsenen und deren Wissen ab- hängig fühlen, umso besser.

Das Problem, das beim Aufbau einer Schule auftritt, ist natürlich, Erwachsene zu finden, die diese Aufgabe erfüllen können, da die wenigsten von ihnen als Kinder selbst demokratische oder alternative Bildung erfahren haben. Dies macht die Einstellung von Mitarbeitern zu einem Glücksspiel. Einer der wichtigsten Schlüssel zu Lehrer-Schüler-Beziehungen ist, dass Schüler nicht gezwungen werden sollten, den Unterricht irgendeines Lehrers zu besuchen. Wenn die Schüler nicht zum Unterricht kommen müssen, wird der Lehrer letztendlich herausfinden, welche Vorgehenswei- sen und Angebote effektiv sind und was an seinem Unterricht ineffektiv oder kontraproduktiv ist.

HINWEIS: Dieser Auszug ist dem Kapitel "Demokratische Gemeinschaften" aus dem Buch "Keine Hausaufgaben und den ganzen Tag Pause: Wie es Bildung in Freiheit und Demokratie geben kann" von Jerry Mintz entnommen und wurde für diese Website angepasst. Der Text unterliegt den Bestimmungen des Copyrights und darf ohne schriftliche Genehmigung des tologo verlages in keiner Weise vervielfältigt werden.

zum Buch

marker Übersicht
marker Autor
marker Inhalt
marker Leseprobe
marker Ansichten
topbox

Presse

marker Rezensionsexemplar
topbox

Wir liefern Ihre Bücher innerhalb Deutschlands versandkostenfrei!

Auch als E-Book für 10,99 EUR:   Amazon Kindle  Apple  Kobo  Thalia  Hugendubel

Mehr zu: Demokratische Schulen, Bildungsfreiheit, E-Books

vorschaubild
border right
border right
border bottom

Bildung zu Hause

Eine sinnvolle Alternative

erschienen im tologo verlag

von: Alan Thomas

Dieses neue Buch ist das Ergebnis einer Untersuchung, die Alan Thomas durchführte, um Einblicke in die Aspekte des Lehrens und Lernens zu Hause zu erlangen. Engl. Originaltitel: Educating Children at Home

marker Details
vorschaubild
border right
border right
border bottom

Schools of Trust

Aufbruch zu den Schulen von Morgen

erschienen im tologo verlag

von: Christoph Schuhmann

Gibt es Schulen an denen Kinder gerne lernen? Was passiert, wenn Kindern Raum gelassen wird, sie selbst zu sein? Wie sehen die Lernorte der Zukunft aus?

marker Details