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Gleichberechtigung im Kinderzimmer Annette Böhm, Ekkehard von Braunmühl

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Gleichberechtigung im Kinderzimmer
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im: Patmos Verlag
Seiten: 206
erschienen: 1994
ISBN: 3-491-50012-5
Preis: 14,90 EUR
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Leseprobe

[...] Es ist klar, daß im Vordergrund unseres Interesses beim Schreiben dieses Buches das »Thema: KINDER« steht. Das Leben mit Kindern wird heute nicht nur als besonders verantwortungsvolle, sondern meist auch als besonders schwierige Aufgabe dargestellt, die nicht wenige Erwachsene - wie es oft heißt: - »überfordere«. Vielfach wird dann ein Gegensatz zwischen »Theorie und Praxis« oder »Ideal und Wirklichkeit« festgestellt und der Eindruck erweckt, es sei von vornherein klar, wie eine »gute Familie«, eine »gute Schule«, ein »guter Kindergarten« und so weiter zu funktionieren habe, damit die Kinder von den Erwachsenen eine »gute Erziehung« erhielten und alle Beteiligten zufrieden sein könnten - nur leider seien manche Erwachsene zu ungebildet oder zu arm oder zu gestreßt oder dergleichen, jedenfalls irgendwie nicht in der Lage, sich in der Praxis/Wirklichkeit durchgängig so zu verhalten, wie es den jeweiligen Theorien/Idealen entspräche.
Ein Hauptzweck unseres Buches wird sein zu zeigen, daß diese Ansicht grundfalsch ist. [...]

Wir betrachten jede Art von Praxis als Tatsache, die wir nicht kritisieren, sondern verstehen wollen. Praxis im Sinne von Verhalten ist eine Kombination aus körperlichen, seelischen und geistigen Anteilen, und auf der Suche nach friedenserhaltenden und friedensstiftenden Alternativen prüfen und bewerten wir lediglich die letzteren, also die gedanklichen, »theoretischen« Anteile jedweder Handlung (und auch Meinung, Motivation, Zielvorstellung und dergleichen). Das von uns benutzte »Seele/Verstand-Modell« wird sich auch beim Thema Frieden und Gleichberechtigung - nach den Themen »Vernunft« und »Harmonische Familienbeziehungen« in früheren Büchern - als fruchtbar erweisen und viele angeblich so schwierige Probleme der Praxis als schlichte Folgen falscher Theorien entlarven. Theorien thronen nicht über der Praxis, sondern stecken mitten in ihr drin. In gewissem Sinne könnten wir demnach den Begriff »Gleichberechtigung« auch auf das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis, zwischen Denken und Tun anwenden ...

Doch zurück ins Kinderzimmer, zum Verhältnis zwischen den Generationen. Dabei meinen wir mit »Kinderzimmer« nicht nur den realen Raum, in dem sich die Kinder gelegentlich aufhalten, sondern auch den »Raum« im übertragenen Sinne, der in den Köpfen Erwachsener mit Gefühlen, Gedanken und Vorstellungen gefüllt ist, die sich auf Kinder beziehen. In diesem »Kinderzimmer« herrscht heutzutage ein heilloses Durcheinander, eine nicht selten geradezu chaotische Unordnung - mit der zwangsläufigen Folge, daß ein friedliches und harmonisches Zusammenleben der Generationen nicht die Regel, sondern die Ausnahme ist, trotz größter Mühen und bester Absichten. Wenn es gelingt, dieses »Kinderzimmer« einigermaßen aufzuräumen, stellt sich schnell heraus, wie leicht es im Grunde ist, den Überblick zu behalten und in jeder Situation das jeweils Bestmögliche zu tun.

Wir kommen zu dieser optimistischen Aussage aus verschiedenen Gründen. Ein Hauptgrund sind die vielen uns bekannten Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, deren Eltern - teilweise schon vor mehreren Jahrzehnten - dafür gesorgt haben, daß ihre Kinder in eben der »aufgeräumten« Atmosphäre aufwachsen konnten, deren Voraussetzung wir jetzt beschreiben und diskutieren. Ein Kernproblem zwischenmenschlicher Kommunikation besteht ja darin, daß Botschaften (Gefühle, Handlungen, Informationen) der einen Seite keineswegs automatisch bei der anderen Seite die Wirkungen auslösen, die beabsichtigt waren. Es gibt also oft einen Unterschied zwischen Absicht und Ergebnis. Dieser Unterschied wird dann von der »Sender«-Seite leicht der »Empfänger«-Seite zur Last gelegt, und schon können aus bestgemeinten und friedlichsten Aktivitäten die heftigsten Streitereien werden. Besonders auf dem Gebiet der sogenannten »Erziehung« werden bei den üblichen Diskussionen über all den hehren Wünschen gern die tatsächlichen Wirkungen ignoriert und mit wahnhaftem Eifer Illusionen gepflegt. Wenn Erwachsene (»Erzieher«) Kinder (»Zöglinge«) als Erziehungs-Objekte wahrnehmen, erleben sie deren Subjekthaftigkeit (deren »eigenen Kopf«) nicht als selbstverständliche Tatsache, sondern als möglichst zu überwindende Störung. Sie denken, planen und handeln buchstäblich über die Köpfe der Kinder hinweg. Und wundern sich, daß die Kinder ihnen immer fremder werden, daß sie sich verschließen und nicht selten feindselig auf Maßnahmen reagieren, die doch nur von Liebe und Sorge motiviert waren. Die Unordnung im »Kinderzimmer« entsteht hauptsächlich dadurch, daß sich dort ein Gehirn die Gedanken von zwei Gehirnen macht. Dabei wird das zweite Gehirn als berechenbare Größe vorausgesetzt, nicht als Organ der Subjektivität, das selbstbestimmte (oft sogar willkürliche) Entscheidungen trifft. Dieser grundsätzliche Denkfehler ist fester Bestandteil der »Erziehungsideologie«, ein Symptom extremen Wunschdenkens und Machbarkeitswahns, das in der Regel durch die Wirklichkeit/Praxis nicht korrigiert werden kann, solange es nicht als falsche Idee/Theorie durchschaut ist. Immer lauter werden die Stimmen, immer härter die Schläge, immer drakonischer die Strafen - und immer verstockter die »Objekte«, die ja in Wirklichkeit keine Objekte sind, sondern Subjekte, nämlich lebendige Menschen.[...]

HINWEIS: Dieser Auszug ist dem Kapitel "Lieber gleich berechtigt als später" aus dem Buch "Gleichberechtigung im Kinderzimmer - Der vergessene Schritt zum Frieden" entnommen und wurde für diese Website angepasst. Der Text unterliegt den Bestimmungen des Copyrights und darf ohne schriftliche Genehmigung des Patmos Verlages in keiner Weise vervielfältigt werden.

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Zeit für Kinder

Theorie und Praxis von Kinderfeindlichkeit, Kinderfreundlichkeit und Kinderschutz

erschienen im tologo verlag

von: Ekkehard von Braunmühl

Dieses Buch wendet sich an alle Menschen, die aus irgendeinem Grunde an Kinderfreundlichkeit interessiert sind. In diesem Buch wird - mit zahlreichen praktischen Beispielen und gründlichen theoretischen Erörterungen - gezeigt, was Kinderfeindlichkeit wirklich ist und worauf es ankommt, wenn Kinderfreundlichkeit gefördert werden soll.

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Liebe ohne Hiebe

Der Weg zu harmonischen Familienbeziehungen

erschienen im Patmos Verlag

von: Annette Böhm, Ekkehard von Braunmühl

Schritt für Schritt beschreibt das Buch "Liebe ohne Hiebe" den genauen Weg zu harmonischen Familienbeziehungen. Alle Eltern, die bei der Erziehung ihrer Kinder liebend gern auf körperliche Gewalt und seelisch verletzende Maßnahmen verzichten würden, denen das aber nicht immer gelingt, finden hier eine Fülle von Anregungen und Ideen. Selbst eingefahrene Machtbeziehungen lassen sich so wieder in Liebesbeziehungen zurückverwandeln.

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