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Die Sudbury Valley School Daniel Greenberg u.a.

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Die Sudbury Valley School
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im: tologo verlag
Seiten: 217
erschienen: 2005
ISBN: 978-3-9810444-0-9
Preis: 14,90 EUR
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Leseprobe

Wann nutzt man seine Zeit sinnvoll?

Daniel Greenberg

Obwohl im Zusammenhang mit der Sudbury Valley School eine Menge von Problemen in Bezug auf Bildung aufgeworfen werden, ist mit jedem Jahr, das vergeht, meine Überzeugung größer geworden, daß das grundlegende Problem, das die Leute mit unserer Schule haben, in der Frage besteht, ob die Schüler hier ihre Zeit sinnvoll nutzen werden. Das ist es, was die Leute wirklich beunruhigt – ganz egal, ob es sich um Eltern, Besucher, Schulkritiker oder sogar potentielle Schüler handelt. "Angenommen, ich schicke euch meine Tochter, und sie verbringt ein Jahr oder so an der Schule. Was wird sie mit sich anfangen? Wird sie dort ihre Zeit verschwenden?" Aus diesem Grund halten wir es für notwendig, eine philosophische Diskussion darüber zu beginnen, was eine Verschwendung und was eine sinnvolle Zeitnutzung ist.

Auch wenn in Bezug auf die Schule eine Menge anderer Zweifel geäußert werden, die mehr mit Lerntheorie zu tun haben, denke ich, Lernen ist nicht das hauptsächliche Problem. Mittlerweile schauen sich die Leute um und sehen, daß Schüler, die hier mehrere Jahre verbracht haben, voller Leben sind und leuchtende Augen haben; daß letztendlich alle sich auf die eine oder andere Weise selbst beibringen, wie man liest; daß alle, die es wollen, in der Lage sind, aufs College zu kommen; daß sie genug Mathe lernen, um es anzuwenden, wenn sie es brauchen, und so weiter. Aber selbst wenn Leute einräumen, daß mit dem Lernen alles in Ordnung ist und der berufliche Aufstieg nicht behindert wird, gibt es immer noch etwas, das sie stört, und das ist der Umgang mit Zeit: Werden Schüler ihre Zeit gut nutzen, während sie hier zur Schule gehen?

Hinter dieser Sorge stecken alle möglichen merkwürdigen Ängste. Manche Eltern haben das Gefühl, daß, selbst wenn das Kind alles lernt, was sie wollen, und alles tut, was sie wollen, das ganze doch eine Geldverschwendung gewesen ist, wenn das Kind "seine Zeit nicht gut genutzt hat".

Oft sagen wir als Erwiderung, daß man die Kinder respektieren und ihnen vertrauen muß und daß, egal wie sie ihre Zeit nutzen, es ihre Angelegenheit ist. Die Antwort ist zwar richtig, aber sie löst das Problem nur teilweise. Sie geht nicht wirklich auf die Sorge ein. Es ist gewissermaßen eine moralische oder politische Antwort: "Was ich mit meiner Zeit mache, ist meine Sache, und es ist ein Eingriff in meine Privatsphäre, wenn Du danach fragst." Das beantwortet nicht das wirkliche Anliegen der Eltern, die vielleicht sogar bereit sind, uns in der politischen Frage rechtzugeben, aber immer noch besorgt sind: "O.K., ich habe also Vertrauen in mein Kind, und ich werde in sein Leben nicht eingreifen, aber wird es seine Sache gut machen?" Also denke ich, die Zeit ist gekommen, um die Frage direkt anzupacken.

Die Antwort ist nicht einfach. Eigentlich gibt es so viele mögliche Antworten, daß man von Anfang an weiß, daß man ein Problem hat. Es gibt Leute, sagen, man sollte sich nie Gedanken über Zeit machen; Zeit ist nur eine schreckliche Last, man sollte sie einfach lockerer nehmen, man sollte einem Menschen alle Zeit der Welt geben. Diese Leute haben ein vollkommen entspanntes Verhältnis zu Zeit. Das Problem ist, daß diese Leute in eine große Sackgasse laufen: wenn man jemals in ein Land gefahren ist, in dem die gesamte Bevölkerung diese Haltung zu Zeit hat, dann wird man verrückt. Es ist ja ganz nett zu sagen: "Laß die Leute ihre Zeit nutzen, wie auch immer sie es wünschen", bis man z.B. die Karibik besucht, wo das gesamte Leben so läuft. Jeder spürt, daß dort nie Hochbetrieb herrscht. Und die meisten Amerikaner werden nach einer Weile verrückt. Für einen Urlaub ist das angenehm; aber nichts, was man wirklich erledigt haben will, wird auch erledigt. Wenn man sich das einfachste Haus selbst bauen will, sich selbst einkleiden oder irgend etwas benutzen will, stellt man fest, daß der Lieferant gerade schläft, das Schiff nicht eingetroffen oder jemand wichtiges auf eine andere Insel gefahren ist, und bald wird einem klar, daß reichlich wenig überhaupt vollendet wird. Sachen, von denen man annimmt, daß sie ein oder zwei Monate dauern, dauern mitunter ein oder zwei Jahre oder werden nie vollendet. Nachdem man dieser Art von allgemeiner Zeitauffassung erlebt hat, erlangt Zeit eine große Bedeutung für einen. Die einfache, lockere Antwort, die uns so viele Leute geben wollen, ist also überhaupt nicht befriedigend.

Andererseits ist die neurotische Haltung, mit der wir es in unserer Kultur zu tun haben, wohl genauso wenig die Antwort. "Man muß immer etwas sinnvolles zu tun finden. Man muß jede Minute des Tages produktiv nutzen. Wenn man am Abend zu Bett geht und sich nicht wirklich sagen kann, daß man jede Minute seiner Zeit produktiv genutzt hat, dann ist ein Teil des Lebens einfach so verflogen und kommt nie wieder zurück. Man hat die Zeit einfach verschwendet." Diese Herangehensweise mag effektiv sein, um alle möglichen Ergebnisse hervorzubringen, aber das Problem daran ist, daß es eine Unmenge Gegenbeispiele von all den großartigen Dingen gibt, die wir an unserer Kultur bewundern und die Ergebnis einer entspannten Einstellung sind. Die hektische Herangehensweise hat nie etwas erschaffen, das der Mühe wert gewesen wäre. Bedeutende Physiker beispielsweise verbringen, um auf ihre Ideen zu kommen, jede Menge Zeit mit Bergsteigen, oder segeln mit ihren Yachten.

Als ich auf der Suche nach so etwas wie einem verständlichen Bild war, kam ich zu der Schlußfolgerung, daß es vor allem darum geht, die einzigartige Mischung zu verstehen, die die westliche Kultur ausmacht. Nur vor diesem Hintergrund hat irgend eine Nutzung von Zeit Sinn. Das einzigartige an der westlichen Kultur ist ihre feine und kunstvolle Kombination von Technologie und Kreativität. Mit Technologie meine ich all die Aspekte der Kultur, die methodisch und routiniert sind und nach festen Regeln ablaufen. Diese sind das Rückgrat solcher Sachen wie dem Ingenieurwesen. Der technologische Aspekt der Kultur ist der Teil, der sehr genau innerhalb eines streng logischen Rahmens festgelegt ist. ....

HINWEIS: Dieser Auszug ist dem Kapitel "Wie nutzt man seine Zeit sinnvoll?" von Daniel Greenberg aus dem Buch "Die Sudbury Valley School: Eine neue Sicht auf das Lernen" entnommen und wurde für diese Website angepasst. Der Text unterliegt den Bestimmungen des Copyrights und darf ohne schriftliche Genehmigung des tologo verlages in keiner Weise vervielfältigt werden.

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