Vereinigte Staaten von Nordamerika.
Ueber das Schulwesen in den U. S. A. hat unter dem Pseudonym Harry A. Fiedler ein mir aus der Studienzeit persönlich als seriös bekannter (in diesen Tagen verstorbener) dortiger Schulfachmann in den „Preußischen Jahrbüchern“ (Band 113, Heft 2, 1903) ausführliche und recht aufschlußreiche Mitteilungen gemacht, denen ich folgendes entnehme:
Ursprünglich war das amerikanische Schulwesen ganz frei und privat. Erst allmählich erkannten die öffentlichen Körperschaften die Wichtigkeit dieses Lebensgebietes für sie. „Die allgemeine Schulpflicht wurde eingeführt; Öffentliche Schulen wurden gegründet, für welche die Ausgaben aus öffentlichen Mitteln bestritten wurden . . . . . Das Gemeinwesen mischte sich zuerst nur in die Fragen des Elementar Schulwesens; dann in die der Mittelschulen und schließlich regelte und ordnete es auch die Colleges und die Universitäten“. (Also in diesem Punkte eine umgekehrte Reihenfolge, wie in Europa; aus verständlichen Ursachen.) „Jetzt haben alle Staaten der Union volle Autorität über Schulen und Universitäten . . . . . Die Privatschulen mußten sich bald gefallen lassen, daß öffentliche Schulen ihnen zur Seite traten oder sie gar verdrängten. Die, welche übrig blieben, wurden der staatlichen Oberaufsicht unterstellt“. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts kamen auch höhere Privatschulen auf, sogenannte „Academies“, welche auch Diplome und Zeugnisse ausgaben. Der Staat „setzte an Stelle dieser nunmehr fast ganz verschwindenden Akademien die amerikanische „High-School“, . . . . . deren Besuch wiederum zum Eintritt in das College berechtigt . . . . . Zugleich wurde mit der Gründung staatlicher „Colleges“ begonnen“.
Interessant ist nun, daß „man in so gut wie allen Südstaaten es nicht für nötig gehalten hat, die Bahnen . . . . . der Volksbildung zu betreten. Daher finden sich auch in ihnen so viele Analphabeten . . . . Hier sind gegen 25 % der Wahlberechtigten Analphabeten“. — Der innere Zusammenhang ist nicht schwer zu finden: Die Südstaaten sind der Hauptsitz der mehr als 10 Millionen Neger und Mulatten. Diesen Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen, hatte der Staat nicht das mindeste Interesse; im Gegenteil: je mehr von ihnen ohne elementare Schulung blieben, desto eher war es angängig, sie auf die untersten Volksschichten zu beschränken und politisch einflußlos zu halten. Von den dortigen Weißen konnte man erwarten, daß sie sich die erforderliche Bildung auch in privater Form aneignen würden! So kommt denn auch — nach den vom Autor angegebenen damaligen Ziffern berechnet — auf die Weißen ein Prozentsatz von nur etwa 4½ % Analphabeten, auf die Farbigen dagegen 40 %!
Was den Lehrplan anlangt, so „haben die Kinder in den letzten Schuljahren wöchentlich eine Stunde lang Unterricht in der Verfassung der Vereinigten Staaten . . . . Die Geschichte anderer Länder wird nicht überall gelehrt und stets sehr kurz abgemacht.“
„Der gesamte Unterricht muß selbstverständlich auf englisch erteilt werden und die Volksschule ist das große Mittel, durch welches die Kinder der Eingewanderten so vollständig amerikanisiert werden, daß sie neben den Vereinigten Staaten nichts anderes kennen und sich um nichts anderes kümmern wollen. In vielen großen Städten finden sich auch Volks-Kindergärten, damit die Kinder schon im zartesten Alter unter rein amerikanischen Einfluß kommen und ihnen die Landessprache geläufig wird. — In manchen Städten ist das fremdsprachige Element der Bevölkerung sehr zahlreich. Da nun alle diese Einwanderer meist nach Nationalitäten zusammen wohnen, so tritt oft der Fall ein, daß in der Schule eines Stadtviertels die meisten Schüler italienisch oder tschechisch oder armenisch besser als englisch sprechen. Dann wird streng darauf gehalten, daß die in der betreffenden Schule angestellten Lehrer kein Wort von der Sprache der Kinder verstehen und so gezwungen sind, mit ihnen nur auf englisch zu verkehren. Früher unterhielten fremdsprachige Gemeinden wohl . . . . sog. Parochialschulen, in denen nicht nur englisch unterrichtet wurde . . . . Allein nach und nach ist in den meisten Staaten als verfassungswidrig verboten worden, die für die öffentlichen Schulen bestimmten Gelder für andere als öffentliche Anstalten zu verwenden! Damit war den Parochialschulen der finanzielle Halt genommen und die meisten von ihnen verschwanden“.
Die Lehrer haben in Amerika keine Beamten-Qualität. Dafür sind sie abhängig von den politischen Parteien: Ihre Anstellung und Kontrolle ist Sache des Schulrates, des „board of trustees“, der vom Publikum gewählt wird. Die Wähler sind natürlich außer Stande, die Qualitäten für die Position eines Schulrates zu beurteilen. „Das heißt natürlich, es wird bei der Wahl zu Schulräten nach politischen Parteien abgestimmt. Hierbei werden nun oft die unfähigsten Menschen zu Leitern der öffentlichen Schulen gemacht und der Schulrat, von krasser Ignoranz strotzend, ist ein beliebtes Ziel des Witzes in gebildeten Kreisen. Noch bedenklicher jedoch ist, daß diese Schulräte sich bei der Anstellung von Lehrern und Lehrerinnen oft durch politische Motive leiten lassen! Was das bedeutet, mag folgendes Beispiel zeigen: Im pennsylvanischen Kohlenrevier bilden natürlich die Bergleute die Majorität der Wähler. Darum sind alle Schulräte Mitglied der Arbeiterpartei und stellen nur solche Lehrer an, von denen sie sicher sind, daß sie der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung treu ergeben sind. — Während des letzten großen Kohlenstreiks wurden darum die Kinder der Streikbrecher von ihren Mitschülern aus der Schule gejagt, ohne daß die Lehrer etwas dabei fanden!“
Am schlimmsten jedoch ist es, wenn eine korrupte Stadtverwaltung die Herrschaft über den Schulrat erlangt. Und da die meisten amerikanischen Großstädte in den Händen einer ganz korrupten Verwaltung sind oder bis vor kurzem waren, so geschehen hier unerhörte Dinge: Lehrer sind gezwungen, regelmäßige „freiwillige“ Beiträge in die Kasse der die Stadt regierenden Partei zu zahlen. Die Lehrerposten werden von den Schulräten buchstäblich an den Meistbietenden verschachert. Es ist gerichtlich nachgewiesen, daß in Philadelphia Lehrerinnen je 120 Dollar an die Schulräte zahlen mußten, um einen Posten an der Volksschule zu erhalten! Dem Vorsteher einer highschool wurde unter der Hand mitgeteilt, daß er auf Beförderung rechnen könne, wenn er 1000 Dollar zur Bestechung von Schulräten anwenden wollte, usw.! Die Folgen solcher Zustände zeigen sich natürlich in der Qualität der Lehrerschaft.
„Viele, welche in Amerika den Lehrerberuf ergreifen, tun es nur, weil sie momentan keine bessere Beschäftigung gefunden haben. Sie richten nun ihr ganzes Streben darauf, bei passender Gelegenheit zu einem angenehmeren Beruf überzugehen. Findet sich keine solche Gelegenheit oder sind sie unfähig, sie zu benutzen, so bleiben sie Lehrer.“ Von Interesse ist auf der anderen Seite nun die in Amerika den Schülern im weitesten Umfang eingeräumte Selbstverwaltung. „Sogar eine Schule sittlich Verkümmerter, eine Besserungsanstalt, die George Junior Republic im Staate New York, hat völlig konstitutionellen Charakter, indem die Zöglinge ihre Vertrauensmänner aus ihrer Mitte wählen, denen sie so gut gehorchen, daß die Lehrer kaum einzugreifen haben.“ (Kerschensteiner, „Grundfragen“, S. 70.)
Die letzten Worte des Zitatets zeigen den Pferdefuß: Man hat erkannt, daß das alte europäische Bevormundungssystem die Schüler aufsässig und unbotmäßig macht. Um sie wieder untertänig und lenkbar werden zu lassen, hat man die äußerlich freieren Formen des modernen Staates eingeführt: Wer im Schulstaat den von der Schülerschaft selbst gewählten Funktionären gehorchen gelernt hat, der wird es halt auch im ernsten politischen Staat selbstverständlich finden, daß der Bürger den Behörden und Parlamenten zu gehorchen hat. Und wer sich im Schulstaat die absurde Fiktion angeeignet hat, daß die so organisierte Schülerschaft „frei“ ist, weil sie ihre jeweiligen Befehlshaber „selbst wählen“ darf, der wird auch später dem inhaltlosen Schlagwort von der Volkssouveränität ohne jede kritische Skepsis seine Ueberzeugung schenken. Das autonome persönliche Bestimmungsrecht, wie es das natürliche Empfinden fordert, wird hier psychologisch im Keim erstickt.
Auch bezüglich des Lehrgangs weiß die Schulverwaltung trotz aller offiziellen „Freiheit der Entschließung des einzelnen“ die Leitung ausreichend in der Hand zu behalten. So ist z. B. angeblich der Schüler ganz frei, sich bei Eintritt in eine Schule seine Lehrfächer usw. zu wählen. In Wirklichkeit untersucht ihn eine zentrale Leitung, die „guidance“ sorgsam auf seine Neigungen und Fähigkeiten hin und erteilt ihm dann „Ratschläge“ darüber, welche der eingerichteten „Kurse“ für ihn angemessen sind; andere kann er dann wohl kaum wählen.
Auch eine individuelle Sonderhaltung ist für ihn unmöglich. Persönliche Wahl dessen, was er lernen will, ist ausgeschlossen. Nur im Tempo wird die Individualität berücksichtigt. (Dies nach einem Vortrag von Karsen.)
Im wesentlichen bestätigend äußert sich Friedrich Schönemann in seinem Buch: „Die Kunst der Massenbeeinflussung in den Vereinigten Staaten von Amerika“ (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, Berlin und Leipzig, 1924, S, 56-60): „Die amerikanische Volksschule hat die Kinder der Eingewanderten zusammen mit denen der „echten“ Amerikaner, der natives, für das amerikanische Leben zurechtgestutzt . . . . Vom ersten Schultage an wird dem jungen Amerikaner Achtung und Verehrung vor der amerikanischen Flagge, dem ,.Sternenbanner“ beigebracht, und im Zusammenhang damit wird die amerikanische Verfassung als die beste und die amerikanische Geschichte als die größte in der Welt gelehrt und gepriesen. Die Unabhängigkeitserklärung und ein, zwei der größten Reden Lincolns, vielleicht auch Washingtons Abschiedsrede und die Verfassungsartikel der Union sind auf diese Weise Gemeingut des ganzen amerikanischen Volkes geworden.“ . . . . „Daß die breiten amerikanischen Volksmassen die tiefen Schattenseiten ihrer Demokratie nicht sehen, ist am Ende auch ein Erziehungserfolg der Volksschule. Das niedere Volk wird eben auch zur Bereitwilligkeit erzogen, sich in das amerikanische Staatswesen, das Regierungs- und Verwaltungs-System zu schicken, die sozialen Verhältnisse der Union erträglich, ja herrlich zu finden, kurz, sich den Einrichtungen und Anordnungen der angestammten herrschenden Klassen — der ansässigen Amerikaner, vorzüglich englischer Rasse — zu fügen“ Schönemann zitiert einen Satz von Professor Judds: „Nie wurde eine vollkommenere Maschinerie für die systematische Kontrolle und Begrenzung der Gedankenkreise einer Nation eingerichtet“ . . . . . . . :
„In der ganzen Welt gibt es deshalb kaum Volksmassen, die so leicht wie die amerikanischen an der Nase herumgeführt und verhetzt werden können! Weiter ist wichtig zu wissen, daß in der Volksschule bereits alle großen nationalen Bewegungen vorbereitet und propagiert werden. Vorgestern war es die . . Prohibition (d. h. die die Regierung gerade will!), gestern die Abrüstung, viel früher schon die Friedensbewegung: Von der Schule dringen die Gedanken und Schlagworte ins Haus, in die Familie, in die Gemeinde, in einem Wort: ins öffentliche Leben, wo dann Kirche, Presse und Geschäftswelt an ihrem Teil mit- und weiterwirken. Auf solcher Grundlage konnte sich im Weltkrieg erstaunlich schnell eine patriotische Propaganda entwickeln.“ . . . . . „In manchen Staaten und Städten gibt es ein Nachrichtenblatt für die Mittelschulen, das sogar im Unterricht vielfach verwertet wird. Noch wichtiger sind vielleicht die 5000 Zeitungen und Zeitschriften, die von den Schülern und Schülerinnen selbst geschrieben werden . . . . . Außer dieser „Schulzeitung“ benutzen die höheren Schulen noch eine ganze Reihe von Tageszeitungen, Wochen- und Monats-Schriften zur Belebung des Unterrichts, besonders in der Zeitgeschichte, aber auch bei der englischen Aufsatzlehre und der Literaturkritik . . . . . Und nicht zuletzt liest man auch in zahlreichen höheren Schulen das Bulletin der Pan-America-Union, das Hauptorgan für den Panamerikanismus in nordamerikanischer Auffassung!“ Aehnlich wirkt später die College-Zeitung.
Wie wirksam und erfolgreich für den Staat denn auch in den U. S. A. der Schulbesuch ist, erhellt daraus, daß man heute oft Leute dort antrifft, deren Vater oder mindestens Großvater noch etwa Portugiese, Schweizer oder russischer Jude war und die heute begeisterte „hundertprozentige“ Amerikaner sind. (Nach einem Vortrag des Oberstudienrates Dr. Karsen in der Liga für Menschenrechte am 11. II. 1930.)
