Ursprünglich freies Aufwachsen der Kinder.
Wenn die Auffassung vom Paradies, vom Goldenen Zeitalter an der Wiege der Menschheit, dem dann erst unfreundlicher werdende Epochen gefolgt seien, irgendwo richtig ist, dann ist das der Fall für das Leben des Kindes.
Zwar hat man Jahrhunderte lang das Märchen kolportiert, die „Wilden“ seien — nun eben „Wilde“: rohe, grausame, barbarische Menschen, bei denen daher auch die Kinder in strenger Zucht gehalten würden, den Eltern blinden Gehorsam und rücksichtslose Dienstbarkeit schuldeten, ein trübes, eng geregeltes Leben führten, aus dem sie erst später wachsende Kultur zu liebevoller und verständiger Behandlung gerettet habe. Aber in Wirklichkeit ist gerade das Gegenteil richtig: Ein überreiches ethnologisches Material liefert uns heute den bündigen Nachweis, daß gerade bei den primitivsten Völkern die Kinder überall in glücklicher vollster Freiheit leben und von den Eltern, ja Erwachsenen überhaupt geradezu verzärtelt werden. Es scheint, daß man bei ihnen das Kind für etwas noch dem Göttlichen Näheres, dem Alltagsmenschen Ferneres, etwas Feineres und Edleres erachtet. So ehrt und schont man sie in jeder Hinsicht und hält ihnen den Ernst des Lebens nach Möglichkeit fern, bis sie durch Eintritt der Geschlechtsreife voll in das Menschentum eingehen und durch die „Jugendweihen“ — mindestens die Knaben — dann feierlich als Mitglieder des Stammes aufgenommen werden:
Th. W. Danzel („Kultur und Religion der primitiven Menschen“; Strecker & Schröder, Stuttgart, 1924, S. 67/68) sagt: „Die häusliche Erziehung ist außerordentlich milde. Es entspringt dieses Verhalten weder der Bequemlichkeit noch einer bewußten Absicht, sondern unmittelbar dem Gefühle . . .
In gleichem Sinne berichten Knabenhans von den Australiern, Nansen von den Eskimos, Nordenskjöld von den Indianern, andere von den Weddas auf Ceylon . . . „Besondere Unterweisung gibt es auch für die praktischen Fertigkeiten nicht, sondern das Kind ahmt früh spielend die Tätigkeit der Erwachsenen nach, hilft dann wohl auch mit und lernt so das Nötige“.
Hellmuth von Bracken („Die Prügelstrafe“; Dresden 1924, Verlag am andern Ufer, Buchholz-Friedewald, S. 82) führt aus: Bei den primitiven Völkern werden die Kinder nicht geschlagen, überhaupt nicht gestraft, es sei denn durch ein unfreundliches Wort. Ein Kind schlagen, das würden sie ähnlich empfinden, wie unsereiner die Tierquälerei eines rohen Gesellen. Bracken stellt hierüber interessantes Material aus zuverlässigen Quellen zusammen: von den Yagans auf Feuerland, den Eskimos. Weddas, den Choroti- und Ashuslay-Indianern.
Prof. Dr. Paul Barth („Geschichte der Erziehung“, O. R. Reisland, Leipzig. 1911. — I. Die Entwicklung in den Naturformen der Gesellschaft, S. 50 ff.) bestätigt diese Erkenntnis. Er berichtet u. a.: „Bei einigen Völkern . . . ist der Knabe, sobald er geboren ist, der eigentliche Herr der Familie“, so „daß der Vater ihn niemals straft, daß die ganze Erziehung sich auf Unterweisung, Unterricht und Belehrung beschränkt“. Auf den Gesellschaftsinseln wird sogar der Sohn eines Häuptlings sogleich Häuptling in Titel und Ehrerweisung; der Vater bleibt nur noch sein Stellvertreter bis auf weiteres; ebenso, nur formell schwächer, ist das Verhältnis in gewöhnlichen Familien. Bei manchen Völkern nehmen die Eltern sogar den Namen des Sohnes an und nach verbreitetem Glauben geht die Seele der Eltern dann nach und nach in das Kind über, während sie bei ihnen selbst sozusagen allmählich abstirbt.
Auch eine sehr interessante, hierher gehörige sprachliche Bemerkung macht Barth: In der Sprache Homers „findet sich weder für „Lehrer“ oder „Erzieher“ noch für (das Verbum) „erziehen“ ein spezifischer Ausdruck; dieses letzte wird vielmehr mit demselben
Wort wie das physische aufziehen bezeichnet, neben dem noch das (überall, auch auf der tierischen Stufe vorhandene) unterrichten als διδάσϰειν besonders benannt wird; der spätere terminus
technicus aber für erziehen παιδεύειν, den Plato sehr genau von aufziehen τρέϕειν scheidet, fehlt bei Homer durchaus.“ (a. a. O., S. 68.)
Ferner konstatiert er, daß auch „die Veden nichts über die Erziehung der Jugend berichten“, die doch sonst jede Einzelheit des Lebens berühren, so daß also wohl auch für die indische Vorzeit auf Fehlen jeglicher Kindererziehung zu schließen ist (69).
Das ausführlichste Material darüber hat Dr. S. R. Steinmetz, Utrecht, zusammengestellt („Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern bei den Naturvölkern“. — Ztschr. f. Soz. Wiss., hgb. v. J. Wolf, Breslau. — Berlin, Georg Reimer, 1898, S. 607—631 u. 713—722): Er scheidet alle Völker, über deren erzieherisches Verhalten sich Angaben im vorliegenden ethnologischen Material finden, in vier Gruppen: 1. solche, bei denen die Kinder grundsätzlich und ausnahmslos verzärtelt werden, 2. bei denen man die Kinder in bestimmter Richtung zu beeinflussen sucht, 3. bei denen die Kinder streng erzogen, gestraft und hart herangenommen werden, und 4. bei denen man sich um die Kinder überhaupt nicht kümmert. Es ergibt sich, daß gerade die auf der untersten Stufe der „Zivilisation“ stehenden, primitivsten Völker so gut wie ausnahmslos zur ersten Gruppe gehören. Und zwar sind dies — soweit überhaupt einschlägiges Material vorliegt, die Kanada-Indianer (Comanches, Utes, Apachen), Algonquin-Völker, Irokesen, Sioux; die Warraus in Br. Guyana, Patagonier (Tehuelchen), die Karaya-Stämme am Rio Araguaya, die Fuegier (Yahganen), die Pampas (Puelches), alle Stämme vom Nordosten Amerikas und von Brasilien, sowie Südamerikas; die Eskimo-Völker, die Inyu von Point-Barrow, die Grönländer, die Zentral-Eskimo, die Aino, die Itälmenen, Tschukutschen, Kasak-Kirgisen, Tanguten, See-Dajaken, Kianganen; die Lampongs auf Sumatra; die ozeanischen Völker: Mortcock- und Kingsmill-Insulaner, Bewohner der Pelau-, Loyalitats- und Torres-Inseln, Neuen Hebriden und Neu Irlands; der Papua- und Maclay-Küste Neu-Guineas; die Bewohner des Bismarck-Archipels, der Marianen-, Karolinen- und Marschall-Inseln; der Coburg-Halbinsel, Nordaustraliens, Neusüdwales, Tasmaniens, Neu-Norcia, der Encounte- und Moreton-Bay, der Queensländer und des Kurnai. In Afrika die Kimbunda, Kiamwo, Backwains und Barotze.
Auch in der zweiten Gruppe, in der man schon die Kinder in gewisser Richtung zu beeinflussen sucht, gibt es noch keine eigentliche „Zucht“. So berichtet er (S. 615) von den Mandans: „Kinderzucht existiert bei den Mandans nicht, denn die Kinder können tun und lassen, was sie wollen und niemand sagt ihnen etwas. Man sucht auf alle Weise ihre Selbständigkeit und den eigenen Willen der Knaben zu erwecken.“ — Aber man ist bemüht, auf ihre Ehrsucht einzuwirken oder sie zu beeinflussen, „indem man ihnen Furcht vor dem Zorn des großen Geistes einflößt“ (ebd.); oder auch vor bösen Geistern: „Die Tupi-Eltern kratzen in der Nacht ihre Kinder mit einem Fischzahn, vorgebend, daß es der böse Geist gewesen sei, um nachher mit ihm drohen zu können“ (S. 616). Ebenso drohen die Westaustralier am Moore-Fluß mit ihm und schildern ihn „als schwarzen Mann mit langen Ohren“ (ebd.).
Andererseits bestätigt auch Steinmetz, daß die Kinder von den Eltern oft geradezu hochgeachtet werden; so bei den Patagoniern: „Der Vater spricht seinen Sohn mit Sie an, der Sohn aber duzt ihn“ (S. 610), und von den Bakwains und Barotze in Afrika heißt es: „Ein zwölfjähriger Knabe beherrscht oft schon seinen Vater“ (S. 614), und 618: „Von den Makololo berichtet Holub, daß er die Eltern . . . öfter schon von zwölfjährigen Kindern beherrscht sah“.
Die Gruppe, bei denen Steinmetz fand, was er eine „strenge Zucht“ nennt, ist äußerst klein. Er sagt selbst: „Das einzige unstäte Volk, das sie enthält, die Viktoria-Australier, zeigt den Typus dieser Gruppe gar nicht rein; ich bin geneigt, es eher der zweiten Gruppe einzureihen. Die zwei nordamerikanischen Indianervölker, die Apalachiten sowie die Virginen, gehören zu den höchstentwickelten dieser Völkergruppe. Charatschai, Kurden, Battak, Baralong gehören ganz bestimmt zu den höchsten Stufen der Naturvölker.“ Und trotzdem muß er auch von dieser Gruppe der „strengen Zucht“ sagen: „Von einer eigentlich roh-strengen, herzlosen Behandlung der Kinder fanden wir bis jetzt keine Spur.“
Der vierten Gruppe rechnet Steinmetz endlich dann solche Völker zu, bei denen die Quellen „Beispiele der Vernachlässigung, des völlig ungebundenen Aufwachsens“ berichten (S. 620). So teilt er von den niederen Kaliforniern mit (nach Baegert): „Die Kinder tun, was ihnen eben gefällt, ohne Furcht vor Rüge oder Strafe, wie wild und unartig ihr Betragen auch sein möge. Sie werden nie gerügt, nie zurechtgewiesen, auch wenn sie tagelang wegbleiben, fragt die Mutter nicht einmal nach ihnen. „Aber“, fügt der Missionar (!) klagend hinzu, „wenn die Rangen einmal durch die Missionare gezüchtigt wurden, da wurden die Mütter toll vor Wut.“
Meines Erachtens sind daher die Völker dieser vierten Gruppe unter dem hier von uns behandelten Gesichtspunkt unbedingt mit zur ersten Gruppe zu rechnen. Im übrigen ist auch diese Gruppe sehr klein und in ihr gehören nur die Kalifornier und die Kubu . . . zu den niedrigsten Wilden (S. 622).
Im Ganzen enthält die erste Gruppe 48, die zweite 32 , die dritte 13, die vierte 12 Beispiele. Die ersten beiden Gruppen „enthalten alle die unstäten Völker mit nur drei Ausnahmen“ (622) und diese drei Ausnahmen — Kalifornier, Kubu- und Viktoria-Australier — gehören in Wirklichkeit wohl zur zweiten bzw. ersten Gruppe. Seine Schlußfolgerung ist daher durchaus zutreffend, „daß gerade in den niedrigsten Kulturstadien das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern . . . ein sehr liebevolles und zartes ist, und die Unrichtigkeit des Satzes erwies, daß die Erziehung mit dem Wachstum der Kultur von ursprünglicher Rohheit zu immer größerer Milde fortschreitet. Im Gegenteil, sie fing milde an.“
