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Schule und Revolution von 1789.

Eine einschneidende Wandlung der Verhältnisse erwuchs, wie auf allen Gebieten, so auch auf dem der Schule aus der französischen Revolution. Zunächst in Frankreich selbst wurden die Ideen des Nationalismus und Demokratismus in die Erziehung der Jugend übertragen. Die Universitäten wurden in reine Staatsanstalten verwandelt und der Staat bezahlte auch die Lehrkräfte, nachdem durch das Dekret vom 17. Aug. 1792 alle religiösen Korporationen und ihre Einrichtungen aufgehoben waren. Zugleich kam der neue Staat nun auf den Plan zurück, den bereits im Jahre 1763 der Staatsprokurator Louis-René Caradeur de la Chalotais dem Parlament der Bretagne unterbreitet hatte, mit der Begründung, „daß man an die Stelle einer Erziehung, die höchstens für die Schule geeignet war, eine solche setzen kann, welche Untertanen für den Staat bildet“, und den dann in gleichem Sinne Turgot bereits dem König unterbreitet hatte — beide, ohne — begreiflicherweise — damals höheren Ortes Interesse zu finden: „eine alle Klassen des Volkes umfassende einheitliche Nationalerziehung“. Die der Nationalversammlung 1789 vorgelegten Denkschriften der Stände sprachen sich mit großer Einhelligkeit für ein Unterrichtssystem aus, das „ . . . . eine bürgerliche Erziehung durch eine nur vom Staate abhängige und herangebildete Lehrerschaft vermitteln sollte.“ Und in der am 4. Sept. 1791 vom König beschworenen Verfassung heißt es: „Eine öffentliche, allen Bürgern gemeinsame, für die allen Menschen unentbehrlichen Gebiete des Unterrichts unentgeltliche Erziehung wird ins Leben gerufen und organisiert werden“ (Schmid IV, Erste Abtlg., S.454).

Die Ideen der siegreichen französischen Revolution brachten auch die anderen westeuropäischen Länder in gewaltige Gährung, und nicht zuletzt die deutschen Staaten. Die Furcht vor einem Uebergreifen der Revolution brachte die Fürsten dazu, Umschau zu halten, wie sie durch geistige Beeinflussung ihres Volkes sich vor solcher Katastrophe schützen könnten, indem sie die fatalen freiheitlichen Ideen dem patrimonialstaatlichen Interesse ein wenig anpaßten. Aber ehe sie diesen Weg noch einschlagen konnten, kam es in Preußen zu der großen Katastrophe von Jena und nun mußte man, wenn man nicht über kurz oder lang sich abgesetzt und das eigene Land Frankreich einverleibt sehen wollte, an eine innere Umgestaltung der Regierungsweise herangehen. Natürlich immer so gemäßigt, wie möglich. So wurde durch das berühmte Edikt vom 9. Oktober 1807 die verhaßte Erbuntertänigkeit zwar prinzipiell aufgehoben, aber nur, wo der Grundherr zustimmte und nur gegen hohe Entschädigungszahlung des Bauern. So wurde eine Volksvertretung zwar feierlich versprochen, aber ihre Durchführung vorläufig noch verschoben. So ließ man auch auf schulpolitischem Gebiete die Ideen eines Rousseau, Pestalozzi und anderer verwandter Geister, die eine unverkünstelte Entfaltung der gesamten menschlichen Naturanlagen verlangten, vorsichtig durchschimmern, aber doch nicht zur vollen Geltung kommen. Wenn man den begeisterten Volksheeren der französischen Revolution ein Paroli bieten können wollte, so war die erste Voraussetzung, auch im eigenen Volke opferwillige Liebe für seinen Staat zu erwecken, um auch hier eine allgemeine Wehrpflicht durchführen zu können. Welch ein wunderbares Instrument für die Erreichung dieses Ziels die Schule war, das war den Regierungen keinen Augenblick unklar. Schon die Kabinettsordre vom 3. Juli 1797 sagt von Unterricht und Erziehung in den Schulen, „daß ihr Einfluß auf die Wohlfahrt des Staates von höchster Wichtigkeit ist“. Angesichts der Wirkungen, welche der verspottete „Patriotismus“ der Franzosen erzielte, begann man jetzt auch in den deutschen Staaten sich der Männer zu entsinnen, welche, wie Herder, gegen die Römer und Griechen als Vorbilder der Jugend polemisiert, wie Herbart, vor der formalen antikisierenden Bildung gewarnt, wie Thomasius die französelnde Gestaltung der Kultur angefeindet, wie Stein einen sittlich-religiösen „vaterländischen Geist“ im Volke zur Herrschaft bringen wollten, wie der Minister v. Massow schon 1799 in seinen dem König unterbreiteten „Bemerkungen über die Schulreform“ zum ersten Male aussprach: „Das Objekt der Reform ist Nationalerziehung und das Terrain müssen sämtliche preußische Staaten sein“. Der Religionsunterricht sollte demnach, um alles Trennende zu verschleiern, auf die „allgemeinen Wahrheiten der Religion und die allen Parteien allgemeine gemeinschaftiche Sittenlehre eingeschränkt werden“, der konfessionelle Unterricht Sache der Geistlichen bleiben (Bericht des Oberkonsistoriums vom 18. Juli 1799).
Dagegen wird zur Züchtung des patriotischen Nationalgefühls jetzt die Muttersprache in den Lehrplan der Bürgerschule eingefügt! Napoleon, der zunächst der bewunderte Abgott aller Unterdrückten und Ausgebeuteten in allen Staaten war, der als Befreier begrüßt wurde, wo er den heimischen Staat niederwarf und den französischen Ideen der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit Bahn brach, mußte aus den Herzen der Jugend beseitigt werden, indem man deren Begeisterung für den eigenen Nationalstaat anfachte, als dessen natürlicher Feind Napoleon dann dastand. So stimmen alle die preußischen Politiker nach dem Niederbruch des Staates — die Altenburg, Stein, Gneisenau, Scharnhorst, Humboldt — mit Fichte und den anderen romantisch-nationalen Theoretikern überein, daß man den niedergebrochenen Staat nur dann wieder aufrichten könne, wenn es gelänge, das ganze Volk mit idealem Geist zu erfüllen, wie er in einem seltsamen Mischmasch von einerseits den liberal-kosmopolitischen Ideen, andererseits den in Deutschland romantisch-religiös gefärbten Ideen des Nationalismus nun die neue Idee des allgemeinen Staatsbürgertums schuf, die Untertanenschaft zu einer aktiven Nation zu machen versprach, in welcher Gleichheit der Rechte und Pflichten aller Untertanen verbürgt war.

Das Ziel der Schulbildung mußte unter diesen Umständen nun sein: „Ausbildung aller Kräfte der Menschen zur freien und höchsten Verwendung innerhalb des Staatsgefüges“ (Spranger, „Politik und Pädagogik“, S. 425), und zwar für jeden, auch den Aermsten und Niedrigsten.

Die Schule

Ein Frevel an der Jugend


von: Walther Borgius

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Inhalt:

I. Geschichtliches
Ursprünglich freies Aufwachsen der Kinder.
Der Staat als Wurzel des Gehorsams.
Die Jünglingsweihen.
Anfänge des Schulwesens.
China.
Die Antike.
Die Kirche als Schulherrin.
Die spätmittelalterlichen „Stadtschulen“.
Die Reformation und die Schule.
Streben zur Vereinheitlichung des Volkes.
Staatliche Volksschulen.
Der „Bet-Ernst“.
Der Pietismus.
Die Schuldisziplin.
Die Toleranzidee.
Die Schulen des neueren Frankreichs.
Die Schule des neuen Preußen.
Die Schule als Staatsmonopol. — Die Lehrer als Staatsbeamte.
Das Prüfungs-Unwesen.
Das Berechtigungswesen.
Schule und Revolution von 1789.
Süverns Entwurf eines allgemeinen Schulgesetzes.
Die Reaktion.
Bismarck und der Liberalismus.
Die Schulfinanzen zwischen Zollmisere und Sozialistenangst.
Kampf Kaiser Wilhelms gegen die Sozialdemokratie.
Militärische Vorbereitung der Jugend.
Staatsbürgerliche Erziehung.
Die Fortbildungsschule.
Die Produktionsschule.
Das Ethos der Arbeit.
Die Staatsschule, der Fluch der Kindheit.
Das moderne Ausland.
Vereinigte Staaten von Nordamerika.
Australien.
Italien.
Rußland.
Kollektivunterricht und Individuum.

II. Grundsätzliches
Die Weltgeschichte.
Die Geographie.
Die deutsche Sprache.
Fremdsprachen.
Die Naturwissenschaften.
Die Mathematik.
Turnen.
Kunst.
Interesselose Kinder.
Die künftigen Formen des Aufwachsens der Kinder.
Das Spiel, die natürliche Funktion des Kindes.
Eingriffe der Schule ins Privatleben.
Die Sklaverei des Kindes.
Die Beseitigung der Schule.
Die Finanzierung der Neuordnung.

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