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Rußland.

Ueber die inneren Verhältnisse in Rußland ist es sehr schwer, Näheres, Authentisches und Zuverlässiges zu erfahren. Denn die bolschewistischen offiziellen Quellen sind selbstverständlich gefärbt und die aus Kreisen etwa der Emigranten oder dergleichen wohl in der Regel ebenso, nur in umgekehrtem Sinne; außerdem können solche ja nur sehr oberflächlich und unzulänglich sein. Indessen machen die Bolschewisten ja gar keinen Hehl daraus, daß ihnen, wie alles, so auch die Schule lediglich ein Mittel zur Förderung der Weltrevolution, d. h. der Befestigung ihrer Herrschaft ist. Es bedarf hier also wenigstens nicht einer Polemik gegen die in den westeuropäischen Ländern beliebte Fiktion, als ob der Staat das Schulwesen nur aus Liebe zu der Jugend unterhalte, um deren Kultur zu pflegen.

In der von der „Internationalen Arbeiterhilfe für Sowjet-Rußland“ herausgegebenen illustrierten Zeitschrift „Sichel und Hammer“ (Datum leider nicht vermerkt) hat der russische Volkskommissar für Volksaufklärung Lunatscharski einmal selbst das Wort ergriffen, um einen Ueberblick über den Stand des russischen Schulwesens zu geben. Danach sind für dessen Gestaltung zwei Ziele maßgebend: 1. Die Beseitigung des Analphabetentums (das ja eins der wesentlichsten Hindernisse für die Bearbeitung namentlich der ländlichen Massen im bolschewistischen Sinne ist!) und 2. die Ausbildung von Sprößlingen aus zuverlässigen kommunistischen städtischen Arbeiterkreisen zur Uebernahme solcher Funktionen der Staatsverwaltung und der wirtschaftlichen Organisation, die bisher die bürgerliche Intelligenz ausgeübt hat und für deren Besetzung man auch gegenwärtig immer noch in hohem Grade entweder auf „unpolitische“ (d. h. nicht kommunistisch gesinnte) oder auf fachlich nur unzulänglich vorgeschulte Kräfte angewiesen ist. Der Mangel an materiellen Mitteln zwang aber den Staat, die im Anfang auf großem Fuße in Angriff genommenen Aktion im Lauf der folgenden Jahre sehr erheblich einzuschränken. Auch die anfänglich eingeführte Abschaffung des Schulgeldes konnte nur für die ärmsten Kreise, d. h. etwa für die Hälfte der in den zur Zeit noch bestehenden Schulen unterrichteten Schüler, aufrechterhalten werden.

Aus denjenigen Kindern, welche die (die vier untersten Klassen umfassende) erste Stufe durchgemacht haben, werden die fähigsten — etwa 5 bis 6 % — ausgesucht und in die zweite höhere Stufe eingereiht, die etwa der früheren meist nur dem Bürgertum zugänglich gewesenen Mittelschule entspricht.

Der Lehrplan wurde im Sinne der bolschewistischen Anschauungen modernisiert. So sind im höheren Unterricht die klassischen Sprachen abgeschafft worden, ebenso durchweg der Religionsunterricht, dagegen wird Propaganda für den herrschenden Staat auf jede mögliche Weise betrieben. Der (selbst sehr linksstehende deutsche Oberstudienrat Siegfried Kawerau schreibt in einem Aufsatz „Vom Schulwesen Sowjet-Rußlands“ („Das Neue Rußland“ IV. Jhg. 1927, Heft 1/2, S. 25 f): „Diese Jugend, die gar nichts anderes in der Oeffentlichkeit mehr sieht . . . . . muß sich mit Herz und Sinn, mit einer dem Westeuropäer unfaßlichen Gläubigkeit dem kommunistischen Staate hingeben . . . . . Schon die äußere Wirkung der Schule, die doch eine Staatseinrichtung ist, ist mit den drastischen Plakaten, mit den eindringlichen Wandmalereien ganz unfehlbar. Wie soll das Kind andere Ideale bekommen, wenn diese Wandzeitungen . . . . . auf dem Grunde der kommunistischen Lebensauffassung stehen? Und alle Organisation der Jugend, die bis ins kleinste durchgeführt ist, zeigt . . . . . das Widerspiel des kommunistischen Staates.

Daß die andere Gesinnung dieser neuen Gesellschaft in einer ganz anderen Auswahl und Wertung des Unterrichtsstoffes zum Ausdruck kommt, braucht kaum erwähnt zu werden . . . . . Daß die ganze Weltgeschichte
gewissermaßen nur als eine Vorgeschichte für die russische Revolution behandelt wird, daß diese selbst als Beginn der Weltrevolution der unterdrückten Menschen auf der ganzen Erde gelehrt wird, das scheint uns eine allzubewußte Zweckkonstruktion. Aber daß sie diesem Zwecke angemessen ist, daß sie eine ungeheuer einheitliche Willensrichtung bei der
Jugend hervorruft, das ist allen zweifellos. Der Westeuropäer steht ziemlich fremd vor der Einseitigkeit der politischen Erziehung, die gläubige, aber nicht kritische Menschen schafft, deren Gemeinschaft
. . . . . nicht auf einem anerkannten und bewußt angenommenen, sondern auf einem geglaubten Inhalt beruht.“

Neben den eigentlichen Schulen ist schließlich noch die massenhafte Einrichtung von Kindergärten und ähnlichen Instituten geschehen, um auch die früheren Jahrgänge der Jugend schon nach Tunlichkeit beeinflussen zu können.

Ich bin natürlich der letzte, der nicht freudig anerkennt, daß objektiv für die Kinder und ihre Pflege, wie ihre Unterrichtung, in Rußland jetzt ungeheuer mehr geschieht, als vor der bolschewistischen Revolution, und sogar daß es unbegreiflich wäre, wenn die Regierung diese Betätigung nicht im Sinne intensiver bolschewistischer Propaganda ausnützte. Nur die Tatsache muß festgehalten werden, daß eben überall, wo der Staat die Schule in den Klauen hat, er sie benutzt, um vor allem die Kinder zu restlos ergebenen Untertanen zurecht zu kneten.

Ein kluger ausgezeichneter Beobachter des neuen Rußland, Arthur Feiler („Das Experiment des Bolschewismus“, Frankfurt a. Main, 1929) sagt von der russischen Erziehung:

„Das Furchtbarste ist, daß der russische Mensch heute erzogen wird, diese geistige Freiheit nicht zu wollen, und überhaupt das Bedürfnis nach ihr verlernt: Kollektivisierung des Menschen: Mit den Wohnungen fängt sie an . . . . . Daraus aber folgt dann: niemals allein sein, niemals für sich sein, sondern immer gemeinsam, immer in der Masse. Auch das fängt schon planmäßig auf der Schule an: Basteln die Kinder, so sollen sie an einer gemeinsamen Bastelei gemeinsam basteln, niemand etwas einzelnes für sich. Und lernen die Kinder, so sollen sie . . . . . in Gruppen, im „Kollektiven“ lernen, so daß nur ja nicht einmal ein einzelnes etwas Eigenes denke. In allen möglichen Zirkeln und Gruppen werden sie zusammengeschlossen, damit sie nur immer zusammen sind, immer beschäftigt, immer in Atem gehalten, nie allein“. (Das ist dieselbe Klage, die sogar der junge Otto Braun aus Wickersdorf in Briefen an seine Mutter aussprach!) So wachsen sie kollektiv heran. Und mit den Erwachsenen verfährt man erst recht so, . . . . daß er zu einer privaten Muße überhaupt nicht mehr kommt, daß er überhaupt niemals mehr zu sich selber kommt.

Es gibt dort nur noch Masse. „Vermasst“ wird aber damit auch das Denken selbst: Massendenken, einheitliches abgestempeltes approbiertes Denken tragen die Lehrer in den Schulen, tragen die Dozenten in den Universitäten vor. Zu solchem Massendenken erziehen sie. Und dadurch, schwerste Folge, senkt sich das Niveau des Denkens. Der kollektivierte Mensch wird nicht revolutionär. Das mag die Regierung dem Regime als „Sicherung“ buchen. Aber um welchen Preis!

Der Bolschewismus in der überwältigenden Mehrheit seiner Vertreter will tatsächlich die „Kollektivierung des Menschen“.

Der Autor sieht ganz richtig. Aber was er übersieht, ist, daß diese Methode des modernen Bolschewismus nur konsequent durchführt, was der Staat seit Jahrtausenden instinktiv und zielsicher anstrebt und auch in Italien, Amerika usw. immer mehr erreicht: Die Schablonisierung der Untertanen, um den Beherrschern derselben ihre Herrschaft zu sichern.

Karsen in seinem erwähnten Vortrage führte aus: Die russische Schule steht ganz im Dienst des wirtschaftlichen und politischen Rationalismus: Sie soll dem Staat die Menschen schaffen, die er für seine Zwecke braucht: Industriearbeiter für die forcierte Industrialisierung, treue Bolschewisten für die kommunistische Partei. Darauf läuft alles hinaus. „Selbstverwaltung“ der Schüler herrscht auch hier, aber auch hier ist sie „verständig geleitet“: Sie steht unter dem herrschenden Einfluß der sog. „roten Zelle“ und an deren Spitze steht der Vertrauensmann der „jungen roten Pioniere“. Sogar Lehrer, die der „roten Zelle“ irgendwie nicht einwandfrei erscheinen, ihrer Gesinnung nicht recht entsprechen, werden denunziert.

Im Unterricht gibt es ein Fach, das „Gesellschaftskunde“ heißt. Es entspricht etwa dem, was man bei uns „Geschichte“ nennen würde, aber ist noch viel einseitiger, ist ganz „Eschatologie“. Es läuft hinaus auf eine Apotheose von Lenin und treueste Verwaltung seiner Erbschaft und seines Geistes: Alles vor Lenin ist kulturelle „Vorgeschichte“. Mit Lenin und dem Bolschewismus beginnt erst die erzählenswerte Weltgeschichte.

Einem Interview des russischen Korrespondenten der Neuen Zürcher Zeitung, Ingenieur H. F. Zimmermann, mit dem russischen Volkskommissar für das Bildungswesen, A. W. Lunatscharski, entnehme ich noch folgende Zeilen:

„In Sowjetrußland sind die Gymnasien überhaupt abgeschafft. Eine eigentliche Unterscheidung von Unter- und Mittel-Schulen wird nämlich vollständig von uns abgelehnt. Alle Kinder absolvieren ohne Ausnahme die gleiche Schule der ersten Stufe (von 8-12 Jahren) und sollen nachher alle die Schule der zweiten Stufe mit 3 bzw. 5 Jahresklassen beenden“, was jedoch aus Mangel an Mitteln nur für 20 % (?) jetzt möglich ist. „Die Zuteilung der Schüler in die Schule der zweiten Stufe geschieht deshalb prinzipiell einstweilen als Prämie für gute Leistungen“. Wichtig ist, „daß die Lehrbücher ausschließlich vom Staat herausgegeben werden, d.h. der Staat hat das Monopol über den ganzen Lehrbücherverlag“. Diese Verlage sind in Moskau und Petersburg.

Mit eine Folge dieser eigenartigen Lehrverhältnisse ist denn wohl auch die volle Gleichstellung des weiblichen Geschlechtes, ja das heute bereits starke Ueberwiegen der weiblichen Lehrerkräfte. Aber das hauptsächliche, das „unterbewußte“ Motiv dabei ist wohl noch ein anderes: Im Gegensatz zu Europa hat in Nordamerika bekanntlich das weibliche Geschlecht auch im Staat und im Gesellschaftsleben längst nicht nur die Gleichberechtigung, sondern in Wirklichkeit bereits eine Vorherrschaft gewonnen. Es liegt im begreiflichen Streben der gesamten weiblichen Bevölkerung (sowie der mit ihr Hand in Hand gehenden männlichen) in den maßgebenden Kreisen, diesen Zustand wachsender Uebergewichtigkeit der Frau dem Volke von klein auf dermaßen einzuimpfen, daß sie der jungen Generation völlig in Fleisch und Blut übergeht. Das kann nun nicht besser erreicht werden, als dadurch, daß in der gesamten Schule erstens die „coeducation“, die Durcheinandermischung und gemeinsame Erziehung der beiden Geschlechter, durchgeführt ist, zweitens die Autorität der Lehrfunktion sich in Vertretern beider Geschlechter und am stärksten des weiblichen repräsentiert. Ueber den lehrtechnischen Wert beider Dinge sind die Ansichten der Fachmänner (auch in Amerika) zwar sehr geteilt. (Vgl. z. B. die Ausführungen des Amerikaners Stanley Hall in der „Deutschen Schule“ Jahrg. 12, S. 575, und des englischen Rektors Cecil Grant, der, obwohl Anhänger der coeducation; das Ueberwiegen der weiblichen Lehrkräfte für bedenklich erachtet); aber die verborgene politische Einwirkung der Maßnahme wird zweifellos eine Kritik daran nicht aufkommen lassen. Um nicht Mißverständnissen Vorschub zu leisten, sei ausdrücklich betont, daß ich selbst, solange man sich mit dem Institut der Schule nun einmal noch behelfen muß, auch die Geschlechtermischung bei Lehrern wie Schülern vorziehe, weil der innerlichen Entfremdung der Geschlechter damit am besten vorgebeugt wird. Aber das ist kein schultechnischer Gesichtspunkt, und rein vom Standpunkt der Förderung des Lernens, der ja für die Schulverwaltung rechtmäßigerweise an erster Stelle stehen müßte, sprechen zweifellos die ernsten Einwände, welche sich aus der verschiedenen intellektuellen Anlage und Neigung der beiden Geschlechter und ihrem verschiedenen Entwicklungsrhythmus ergeben, sehr für die Geschlechtertrennung. Aber sie werden eben in einer Staatsschule aus staatspolitischen Rücksichten in den Hintergrund gestellt. (Bei Sadler, I. 249.)

Ferner spricht sich hierüber Franz Hilker in einer Abhandlung über „Ideen und Stand der Kleinkinder-Erziehung in Rußland“ aus, die in der Zeitschrift der „Gesellschaft der Freunde des Neuen Rußland“ (November-Dezember-Heft 1924), also an gewiß unverdächtiger Stelle, erschienen ist; darin heißt es, daß schon in den Kindergärten „die Pädagogik ganz im Dienste der Politik steht. Aktivismus, Realismus, Kommunismus sind die drei Leitgedanken der neuen russischen Erziehung. Der erste bedeutet, daß die Kindergärten (im Gegensatz zu dem früheren Prinzip der freien Erziehung) sich immer bestimmtere Ziele stellen und die Kinder ohne Abweichungen und Umwegen zu diesen Zielen führen. Der zweite verlangt, daß alle Mittel der Vorschulerziehung mit den realen Mächten des Lebens in Einklang stehen und nur aus der Wirklichkeit geschöpft werden; also schonungsloser Kampf gegen die Religion, Verfemung des Märchens, usw. Der dritte bedeutet das Hineinziehen des Kindes von klein auf in die politischen Geschehnisse des Tages, was seinen Ausdruck findet in revolutionären Liedern, revolutionären Festen, Teilnahme der Kinder an Demonstrationen, Besuche in Fabriken und dergleichen mehr. Die Ausbildung der Kindergärtnerinnen wird ebenfalls ganz und gar politischen Gesichtspunkten unterstellt“.— Von den eigentlichen Schulen dann erklärt auch ein überzeugter Kommunist, der Maler Heinrich Vogeler-Worpswede, in seiner „Reise durch Rußland“, daß das russische Schulwesen einen „neuen Menschen“ hervorbringen soll, nämlich den Menschen, auf den sich die Sowjetmacht dauernd stützen möchte. —

Ebenso rücksichtslos einseitig unter politischen Gesichtspunkten werden natürlich auch die Universitäten behandelt: Zunächst sind bekanntlich die Zulassungsbestimmungen so geregelt, daß eigentlich nur Proletarierkinder Zugang zu der akademischen Bildung finden. Und über diese selbst geht aus den verschiedentlichen eigenen Auslassungen des Volksbeauftragten für Volksbildung, Lunatscharski, deutlich hervor, daß es eine wirkliche Freiheit der Universitätswissenschaft in Rußland nicht gibt. Denn Wissenschaft transzendentalen Charakters ist von vorneherein von den Universitäten ausgeschlossen und im übrigen wird auf dem Gebiete der Philosophie sowie der Gesellschaftswissenschaften nur „wirkliche“ Wissenschaft gestattet, keine „verfälschte“; darüber aber, was wirkliche und was verfälschte Wissenschaft ist, liegt die Entscheidung ausschließlich bei der russischen Regierung.

In einem Bericht des Petersburgers Berichterstatters des Ost-Expreß über die im Oktober 1923 abgeschlossene Aufnahme in die russischen Hochschulen für 1923/24 endlich heißt es:

„Das Ziel, das sich die Universitätsverwaltung gestellt hatte, ist erreicht: Proletarisierung der Studentenschaft. Im Sommer waren in genauen Regeln für die Aufnahme die sozialen und politischen Gesichtspunkte festgelegt worden, nach denen die Aspiranten in Gruppen eingeteilt werden. Solcher Gruppen gab es mehr als zehn. Die ersten Gruppen bildeten die Mitglieder der Russischen Kommunistischen Partei (R.K.P.) und des Kommunistischen Jugendverbandes (Komsomol). Dann folgten die Absolvenden der sogenannten Arbeiterfakultäten die fast ausschließlich nur von Arbeitern und Bauern besucht werden dürfen. Dann folgten die Kinder von Handwerkern, Kaufleuten, in letzter Linie die Kinder von Edelleuten und Geistlichen. (Allerdings ist den Kindern von Hochschullehrern eine Vorzugsstellung eingeräumt.) — Da der Andrang in diesem Jahre besonders groß war, kamen die letzten Gruppen fast gar nicht in Betracht.

Neben dieser Gruppierung vom Klassenstandpunkt wurde noch ein anderes wirksames Mittel angewendet: Alle Kandidaten mußten sich einer Prüfung unterwerfen, bei der sie nicht nur in Russisch, Geschichte, Mathematik und Physik examiniert wurden, sondern auch im „politischen ABC“. Unter diesem Ausdruck versteht man, außer den Grundsätzen des Marxismus und der Sowjetkonstitution, auch die aktuelle Politik der Regierung. Es ist klar, daß dieses uferlose Fragegebiet die Möglichkeit gab, unerwünschte Elemente abzustoßen“.

Man wolle diesen Ausführungen nichts falsches unterlegen! Ich verkenne nicht im geringsten das unendlich viele Gute und Segensreiche, welches im russischen Schulwesen liegt, gegenüber dem unendlich rückständigen in den kapitalistischen europäischen Staaten. Ich verkenne ebensowenig die wertvollen Neuerungen, welche Demokratie und Sozialdemokratie im deutschen Schulwesen gegen dessen früheren Tiefstand geschaffen haben. Mir liegt nur daran, deutlich und greifbar festzustellen, daß, wenn der Staat sich der Schule annimmt, er diese stets dazu mißbraucht, in erster Linie seine spezifischen Machtinteressen wahrzunehmen und das Schulwesen formell und materiell so zu organisieren, daß er für diese das Möglichste herausholt, sowie — ohne Rücksicht auf die wirklichen Interessen der Kinder bzw. der Wissenschaft — alles unterdrückt, was seine Sonderinteressen zu gefährden geeignet sein könnte.

Bezeichnend für die grundsätzliche Einstellung des Staates zur Schule ist, daß unterschiedslos von allen Parteien bei Erörterung von Schulfragen immer nur die Frage erörtert wird, wie und womit die Kinder unterrichtet werden sollen. Niemals hat jemand die Frage aufgeworfen, wie und womit sie unterrichtet werden wollen, ja ob sie überhaupt unterrichtet werden wollen. Die Kinder selbst, die Hauptpersonen in der ganzen Angelegenheit, werden überhaupt nicht gefragt; sie sind ausschließlich „Objekt der Gesetzgebung“. Sogar da, wo verschiedene Möglichkeiten zur Auswahl gestellt werden, sind es immer nur die Eltern, die zu entscheiden haben. Die Einsicht, daß das Kind schließlich doch auch ein Mensch ist und am besten fühlen muß, was ihm frommt, liegt jedem Vertreter staatlichen Schulwesens weltenfern. Haben wir denn aber — ich will nicht einmal sagen: ein Recht, sondern auch nur — die Möglichkeit, darüber zu befinden, was und wie zu lernen den Kindern frommt?

Die Schule

Ein Frevel an der Jugend


von: Walther Borgius

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Inhalt:

I. Geschichtliches
Ursprünglich freies Aufwachsen der Kinder.
Der Staat als Wurzel des Gehorsams.
Die Jünglingsweihen.
Anfänge des Schulwesens.
China.
Die Antike.
Die Kirche als Schulherrin.
Die spätmittelalterlichen „Stadtschulen“.
Die Reformation und die Schule.
Streben zur Vereinheitlichung des Volkes.
Staatliche Volksschulen.
Der „Bet-Ernst“.
Der Pietismus.
Die Schuldisziplin.
Die Toleranzidee.
Die Schulen des neueren Frankreichs.
Die Schule des neuen Preußen.
Die Schule als Staatsmonopol. — Die Lehrer als Staatsbeamte.
Das Prüfungs-Unwesen.
Das Berechtigungswesen.
Schule und Revolution von 1789.
Süverns Entwurf eines allgemeinen Schulgesetzes.
Die Reaktion.
Bismarck und der Liberalismus.
Die Schulfinanzen zwischen Zollmisere und Sozialistenangst.
Kampf Kaiser Wilhelms gegen die Sozialdemokratie.
Militärische Vorbereitung der Jugend.
Staatsbürgerliche Erziehung.
Die Fortbildungsschule.
Die Produktionsschule.
Das Ethos der Arbeit.
Die Staatsschule, der Fluch der Kindheit.
Das moderne Ausland.
Vereinigte Staaten von Nordamerika.
Australien.
Italien.
Rußland.
Kollektivunterricht und Individuum.

II. Grundsätzliches
Die Weltgeschichte.
Die Geographie.
Die deutsche Sprache.
Fremdsprachen.
Die Naturwissenschaften.
Die Mathematik.
Turnen.
Kunst.
Interesselose Kinder.
Die künftigen Formen des Aufwachsens der Kinder.
Das Spiel, die natürliche Funktion des Kindes.
Eingriffe der Schule ins Privatleben.
Die Sklaverei des Kindes.
Die Beseitigung der Schule.
Die Finanzierung der Neuordnung.

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