Kunst.
Das Gebiet der Kunst ist für den Pädagogen in der Regel eine große Verlegenheit. Man hat das dunkle Empfinden, daß Kunst etwas recht Wichtiges im Leben ist und man sie daher den Kindern nicht ganz fern halten dürfte; andererseits weiß man absolut nicht, wie man es anfangen soll, die Kinder richtig mit Kunst zu befassen; schließlich hat man auch ein wenig das Bewußtsein, daß Kunst nicht unerläßlich wäre zum Leben, wie Essen und Trinken, also sieht man sie dennoch als Luxus an, die nur den Kindern besserer Stände nahegebracht werden müsse; und zwar bringt man sie ihnen in der Art nahe, daß sie nachher in Gesellschaft darüber reden können, ohne sich und ihre Lehrer allzusehr zu blamieren. Infolgedessen beschränkt sich die pädagogische Behandlung der Kunst zumeist auf eine für den Zweck allgemeiner Bildung zugeschnittene Kunstgeschichte, wobei namentlich Architektur, Malerei und Skulptur in Betracht kommen, und Behandlung der nationalen Dichter und der Literaturgeschichte im Rahmen des muttersprachlichen Unterrichts oder in Anlehnung daran.
Niemandem ist bisher die Erkenntnis aufgegangen, daß die ganze Betrachtung und nun pädagogische Behandlung der Kunst an Hand ihrer objektiven toten Produkte einer (überdies ausgewählten) Anzahl von ästhetisch besonders begabt gewesenen Persönlichkeiten ein Unsinn ist; daß das, worauf es ankommt, allein das subjektive Kunstschaffen ist, nicht das nachträgliche passive Begaffen des verflossenen Kunstschaffens anderer Menschen.
Was ist eigentlich Kunst? Wenn man es wirklich allgemeingültig ausdrücken will, kann man nur sagen: Zu sinnfälligem Ausdruck bringen seelischer Gefühlsstimmungen durch materielles Handeln. Das künstlerische Tun allein ist es, was das maßgebende und wichtige ist, und zwar ganz subjektiv für den handelnden „Künstler“; nicht das bleibende materielle Ergebnis desselben und nicht für einen Dritten.
Ein jeder natürliche Mensch ist ebenso aus eigenem Trieb künstlerisch tätig, wie er aus eigenem Trieb ißt und trinkt oder schläft, spielt oder grübelt. Das Kind, das in jugendlicher Lust hopst und springt, sich im Sande sühlt und mit den Armen jauchzend herumfuchtelt, handelt aus demselben Antrieb, wie Laban oder Mary Wigman, wenn sie ihre feierlichen oder grotesken Phantasietänze aufführen. Das Kind, das frohmutig laut vor sich hin trällert, singt oder pfeift, das mit einem Stecken rhythmisch lärmend an die Wand oder auf den Tisch schlägt oder in der Küche mit Blechstürzen klappert, wird von denselben Antrieben bewegt, wie Franz Liszt, wenn er am Flügel phantasiert, und genießt dieselbe Lust dabei. Das Kind, das mit einem gefundenen Stück Kohle oder Kreide die Wände mit sinnlosen oder fratzenhaften Figuren vollkritzelt, genießt dieselben Schöpferfreuden wie ein Böcklin oder Liebermann. Das Kind, das am Strande aus feuchtem Sand sich eine „Burg“ baut und mit Steinen und Muscheln, Holzstäben und Gras ausschmückt, leistet seelisch dieselbe Arbeit, wie der Architekt, der eine Kathedrale erbaut usw. Unverständnis des rationalen Erwachsenen, dem das Paradies der Kindheit längst verloren ist, läßt all das als kindisches Spielen und überflüssiges Zeitvertrödeln, wohl gar als einen die heiligen ernsten Gebrauchsgegenstände der Erwachsenen beschädigenden und beschmutzenden Unfug ansehen, die Kinder deswegen geringachten, lächerlichmachen, verspotten, schelten, strafen, weil die Kinder, denen ihr Empfinden als natürlich und selbstverständlich für alle erscheint, nicht vermögen, Wert und Notwendigkeit ihres Treibens den Erwachsenen klar zu machen.
So wird in der Regel das subjektive Kunstbetreiben des Menschen schon in allerjüngsten Jahren im Keime erstickt, durch Verachtung und Hohn getötet, wenn nicht gar ausgeprügelt, statt liebevoll gepflegt und entwickelt und nur ganz wenigen Personen, in denen der Drang ästhetischer Betätigung des seelischen Empfindens so stark ist, daß es sich allem Widerstand zum Trotz durchsetzt oder in denen allmählich die Ausdrucksweise bereits so Erwachsenen ähnlich wird, daß die Eltern die Witterung bekommen, das Kind könnte mal etwas Objektives leisten, das ihrer, der Eltern, Eitelkeit entspricht, fördert man es; in der Regel gerade auf die falscheste Weise, indem man das ästhetisch beflissene Kind mit den objektiven Hinterlassenschaften früherer „Künstler“ bekannt macht und diese ihnen als nachstrebenswertes Ziel vorhält. Die tiefe Wirkung des künstlerischen Schaffens für die eigene Seele des Kindes und ihre eventuellen abweichenden ästhetischen Bedürfnisse kommen in gar keinen Betracht; es wird Schablone gezüchtet.
Daß die Kunsterzeugnisse des Kindes dem Erwachsenen keinen ästhetischen Reiz erwecken, tut gar nichts zur Sache. Auch umgekehrt, wird einem Kinde eine Thoma‘sche Landschaft oder ein Abschnitt aus dem Nibelungenring gar nichts sagen, während die Zeichnung eines Gleichaltrigen oder ein von ihm geträllertes Lied ohne Rhythmus und Harmonie ihm vielleicht sehr gut gefällt. Auch in der Kunst der Primitiven haben wir ja erst in neuester Zeit und nur mühsam und indirekt die ästhetischen Reize herausgefunden.
Die Gemäldegalerien und Kunstmuseen sollte man vom Erdboden vertilgen. Das eine oder andere Kunstwerk kann wohl mal diesem oder jenem Beschauer, der zufällig gerade ein seelischer „Landsmann“ des Künstlers ist, ästhetische Stimmung gewähren, anderen wenigstens eine Kostprobe schmecken lassen. Aber das sind doch Zufallstreffer, wenn wir die große Masse der lediglich historisch oder technisch geleiteten „Interessenten“ abrechnen. Grundsätzlich ist schon die Massenanhäufung von Kunstprodukten, gleich Obst im Lagerkeller, ein Zeugnis barbarischen Geistes und verhindert jede wirkliche künstlerische Wirkung.
Das eigentliche Wesen des Kunstlebens ist der Dilettantismus, nicht das berufsmäßige Künstlertum. Kunstschaffen zum Beruf machen — d. h.
hier zum Erwerbsberuf, zum Mittel des Broterwerbs — ist ein Mißbrauch der Kunst, der deutlicher als alles andere erkennen läßt, wie weltenweit wir überhaupt vom Begreifen des Wesens der Kunst und ihrer seelischen Aufgaben entfernt sind. Wenn der Künstler einwendet, ein echter Künstler könne nicht Kunst schaffen erholungsweise neben Schreibarbeit im Büro oder Bedienen im Ladengeschäft, und mit Platen spottet: „Tags auf die Kanzlei mit Akten, abends auf den Helikon“, so ist das in zweierlei Hinsicht berechtigt: Erstens wird man Konzentrierung und völlige Hingabe an die eine Kunst brauchen, um ihre Technik vollkommen beherrschen zu lernen; zweitens soll man sich der Kunst widmen, wenn die Seele danach verlangt, und das kann zuweilen zu einer rationell recht unpassenden Zeit sein. Aber der Grad technischer Beherrschung der Mittel ist für die seelische Wirkung der Kunstausübung fast ganz gleichgültig; sie hat nur Bedeutung für den „objektiven“ Kunstwert — lies Verkaufspreis — des dabei zustandekommenden Produktes; und der ist für den wesentlichen Zweck der Kunstausübung irrelevant. Und der Zustand, daß uns die materielle Berufsarbeit nicht mehr sklavisch in ihren Bann schlägt, sondern jeder jederzeit dem Rufe seines Geistes folgen und seine Zeit opfern darf, dem werden wir, als Erwachsene, erst in Generationen in einer höheren Lebensform uns widmen können, wenn äußerste Reduktion des Menschenbestandes auf der Erde und äußerste Reduktion der materiellen Lebensansprüche zugunsten der seelisch-geistigen das Wirtschaftsleben zu etwas relativ Unwesentlichem gemacht haben. Der heutige Zwischenzustand, daß einige Künstler dadurch, daß sie die Produkte ihrer Kunstausübung zum Mittel des Gelderwerbs machen, um für sich als privilegierte Mitmenschen heute schon jene Freiheit für Kunstschaffen zu erringen, rächt sich an ihnen selbst bitter dadurch, daß, um dies zu ermöglichen, sie Kunstausübung nicht mehr oder doch nur nebenher noch zur Auslösung seelischer Spannungen benutzen dürfen, sondern allenthalben auch sich durch die seelischen (und oft noch ganz andere) Bedürfnisse des zahlungsfähigen Abnehmers oder Bestellers beeinflussen lassen müssen und damit den Wert der Kunstausübung für ihre Seele schwer beeinträchtigen.
Kunstausstellungen und Kunstgalerien haben für natürliche Kunstausübung die analoge Bedeutung, wie etwa für allgemeine Pflege der körperlichen Leistung eine Sammlung von Filmvorführungen vergangener sportlicher Wettkämpfe. Von der Sensation reiner Neugier und Unterhaltung (Zeitvertreib) abgesehen, würde solche die eigene sportliche Betätigung niemals irgendwie ersetzen können, leicht aber davon eben abschrecken, weil die vorgeführten Glanzleistungen gewisser anderer den noch nicht sehr Vorgeschrittenen bzw. überhaupt weniger Befähigten lediglich deprimieren würden. Eine Jungenschar, die lustig und lärmend sich auf Schlittschuhen oder Schneeschuhen tummelt, ist tausendmal wertvoller, als die Vorführung der noch so verblüffenden Glanzleistungen eines Kunstläufers. Die Funktion der Kunst, das Ziel ästhetischer Lebensgestaltung, liegt keineswegs im passiven Genuß von Kunstwerten anderer, sondern in der eigenen Kunstausübung. Also nicht Lesen von Lyrik, sondern selbst dichten, nicht ins Theater gehen, sondern selbst schauspielern, nicht Plastiken ansehen, sondern selbst formen, in Plastilin, Lehm, Seesand, Holz u. a., nicht Bildergalerien besuchen, sondern selbst zeichnen und malen, nicht Museen anschauen, sondern selbst Kleidung, Schmuck, Gebrauchsgegenstände geschmackvoll herstellen, nicht Bücher über Architektur studieren oder Bauwerke anstaunen, sondern selbst Gebäude, Räumlichkeiten kunstvoll errichten. Ebenso in Wissenschaft nicht wissenschaftliche und philosophische Werke anderer lesen, sondern selbst nachdenken und grübeln.
Aber wohlverstanden: alles das nicht zu dem Ende, die materiellen Produkte dieses Tuns dann zum Anstaunen selbstbewußt in die Welt hinzupflanzen, womit man nur der Eitelkeit dienen, also seine seelische Entwicklung schädigen würde, sondern sie entweder verbergen, wohl gar vernichten, denn mit dem Geschaffen werden haben sie ihren Zweck erfüllt; oder sie, wenn sie einem Liebhaber gefallen, diesem schenken; er wird dann sicher ähnlichen Geistes Kind sein wie man selbst. Nicht Besitz oder Genuß fremder Kunstwerke ist das Erstrebenswerte, sondern das selbst Schaffen von solchen, seien sie auch bescheiden; sie sind stets ein Ausfluß und Förderung des inneren Strebens. Wo heute das künstlerische Schaffen im Kinde gepflegt wird, da geschieht es meist nur bei: 1. besonders dazu gut veranlagten Kindern, 2. mit der Begründung, die Erzeugnisse des Kindes hätten ja keinen objektiven Wert; aber der Zweck der Uebung sei ja auch nur, dem Kinde das Verständnis für „wahre Kunst“ der Großen zu erschließen. Das eine ist so töricht, wie das andere: 1. Das dafür beanlagte Kind bringt an sich genug Trieb und Fähigkeit des Ausdrucks dafür mit; es bedürfte am wenigsten besonderer Förderung von außen, sondern nur der Freiheit und allenfalls gelegentlicher Anregung und Anerkennung; gerade das zunächst stumpfe Kind bedarf der seelischen Oeffnung; der Künstler in uns muß erschlossen werden; irgendwo steckt er in jedem; hier im Singen, dort im Malen, da im Tanzen. 2. Das Vorführen „großer Kunst“ sollte im Gegenteil möglichst vermieden werden; denn einerseits ist das die Kunst erwachsener (und darum doch ganz anders empfindender und schauender) Menschen, dem Kind so fremd, wie uns etwa die Kunst der Primitiven; letztere wird dem Kind viel verständlicher sein. Dann aber, wenn es wirklich imstande ist, die „große Kunst“ in sich aufzunehmen, wird die Wirkung davon nur sein, nicht es zum Schaffen zu begeistern, sondern bei den meisten, sie von der Kunst abzuschrecken (d. h. von der künstlerischen Selbsttätigkeit). Ihre anscheinende Unzulänglichkeit wird ihnen dadurch niederdrückend vor Augen treten und das Gefühl erzeugen: So wie „Kritzelini“ kann ich ja doch nicht zeichnen, also warum soll ich mich mühen, nur, um mich vor mir selber immer zu blamieren?! Wenn ich denke, was ich z. B. im Seelenrausch der Pubertätszeit zusammengedichtet habe! Es war meist wohl Minderwertiges, gelegentlich aber auch Gelungenes darunter. Ich hatte es in vier besonderen blauen Heftchen aufbewahrt bis ins Alter; sie steckten mit Briefen aus jugendlichen Zeiten und amonrösen Andenken zusammen, bis dann die brave Maria Woditzka, die uns einen Winter lang beglückte, das ganze Kistchen als vorzügliches Anheizmaterial für die Zentralheizung entdeckte und verfeuerte, mir dabei die richtige Bestimmung solcher Kunstwerke der Jugend zeigend.
