Kollektivunterricht und Individuum.
Auch das europäische Prinzip des Massenunterrichts folgt einleuchtenderweise zwangsläufig aus der Schule als Staatseinrichtung: Wenn sämtliche Kinder des Staates nach gleichen Grundsätzen und zu gleichen Zielen hin gezüchtet werden sollen, so ist schon aus rein äußeren Gründen die Massenschule unerläßlich. Wenn der Staat selbst, dem Drängen der Pädagogik scheinbar nachgebend, auf eine Verkleinerung dieser Klassen hinwirkt, so geschieht auch dies aus rein disziplinarischen Erwägungen: 30 Schüler sind leichter zu beaufsichtigen und zu drillen, als 50. Aber unter eine gewisse Klassenzahl wird der Staat nicht heruntergehen, selbst, wenn nicht die finanziellen Gesichtspunkte ihn dazu drängten, mit Räumen und Lehrkräften sparsam zu sein. Wirklich erfolgreicher Unterricht aber kann eigentlich immer nur ein Individualunterricht sein, höchstens in ganz kleinen Gruppen von großer Gleichartigkeit der Intelligenz und des sonstigen psychischen Habitus erfolgen.
In noch höherem Maße gilt das von jeder Art von Erziehung, die man ja ebenfalls der Schule zumutet (auch in sehr „reformerischen“ Kreisen). Ich persönlich halte überhaupt all und jede „Erziehung“ für eine Illusion. Denn wenn sie mehr sein will, als eine äußerliche spontane Schuhriegelung des Kindes je nach der momentanen Stimmung und Laune des „Erziehers“, so setzt sie ja unbedingt voraus, daß dem Erzieher ein bestimmtes Ideal vorschwebt, auf das hin er das Kind zu gestalten bestrebt ist. Ein solches Ideal aber kann man ausschließlich aus dem eigenen Innern nehmen. Wie Nietzsche mit einem guten Ausdruck den Menschen einen „Schauspieler seines Ideals“ nennt, so will jeder Erzieher, bewußt oder unbewußt, seinen Zögling zu einem Musterbild seines eigenen Ich gestalten. Woher will er denn aber wissen, ob dies auch das theoretische Ideal des Zöglings ist, ob letzterem dies Ideal überhaupt liegt? Man kann einem anderen wohl ein äußerliches Verhalten andressieren (das aber erfahrungsgemäß im entscheidenden Augenblick restlos wieder versagt, wenn es dessen Wesen nicht entspricht). Gar aber wesentliche Charakterzüge ihm aufpfropfen oder vorhandene umbiegen, ist aller Erziehung nicht gegeben. Damit kann sie höchstens im Kinde Minderwertigkeitskomplexe und sonstige Neurosen erzeugen, die den eigentlichen Charakter des Zöglings dem flüchtigen Auge verdecken, aber dafür ihm später sein ganzes Leben hindurch anhangen.
Eine indirekte, aber sehr fühlbare üble Folge der Massenschule und der Vorgesetzten-Eigenschaft des Lehrers in der Schule ist der nivellierende, persönlichkeitsmordende Einfluß der Klasse. Schon der Lehrer seinerseits muß, ob er will oder nicht, auf eine solche Nivellierung hinwirken. Denn das Objekt seiner Lehrtätigkeit ist ja eben nicht das Individuum, sondern die Klasse als ein Ganzes. Erfolgreicher Schulunterricht ist nur möglich, wenn alle Mitglieder der Klasse möglichst gleichmäßig fortschreiten. Darum wird sowohl das Pensum, wie die Methode grundsätzlich dem Durchschnitt angepaßt und Abweichungen eher nach unten, als nach oben hin vorgenommen, damit auch die weniger Geeigneten tunlichst dem Durchschnitt angegliedert werden. Das Motto jedes Schulunterrichts ist daher: „Immer langsam voran, immer langsam voran, daß der Krähwinkler Landsturm nachfolgen kann“. Dadurch wird natürlich für die begabten und regsamen Schüler der Unterricht noch über seine sonstigen Uebelstände hinaus zu einer Qual und bringt sie dahin, interesselos und faul zu werden und dann allenfalls im letzten Vierteljahr vor der Versetzung das Nötigste nachzuarbeiten.
Durch die Position und das Gebahren des Lehrers aber wird die Klasse, die ihm ja gegenübersteht, wie die Untertanen einem autokratischen willkürlichen und gewalttätigen Tyrannen, geradezu gezwungen, zu ihrem Selbstschutz eine rücksichtslose Solidarität ihrer Mitglieder zu züchten, die natürlich auf die Interessen der geistig Zurückgebliebensten eingestellt ist (so wie die Preis- und Lohn-Politik eines Kartells stets nach den Anforderungen der technisch rückständigsten und sozial unentwickeltsten Fachfirma ausgerichtet ist). Das bedeutet, daß auch von ihrer Seite jede Individualität, insbesondere jede höhere Geistigkeit unterdrückt wird. Ich entsinne mich noch genau des folgenden selbsterlebten Falles: Ich war — infolge eines Zusammenstoßes mit unserem (schwer psychopathischen) Direktor in der Unterprima abgegangen und in das polnisch-katholische zweite Gymnasium der Stadt Posen eingetreten, das sowohl pädagogisch, wie gegenständlich auf einer sehr viel höheren Stufe stand. Einerseits aus direkter Freude an dem hier wirklich hochstehenden Unterricht, andrerseits um die ein Vierteljahr später bevorstehende Versetzung nach Oberprima zu erreichen, was bei dem unvergleichlich höheren Stand der dortigen Leistungen und Anforderungen keineswegs sicher erschien, gab ich mir zunächst einige Mühe. Insonderheit präparierte ich mich in der fremdsprachlichen Lektüre leidlich sorgfältig zu Hause, während die andern sich systematisch darauf beschränkten, in der Zwischenpause vor der betreffenden Unterrichtsstunde gruppenweise die „Klatsche“ (Uebersetzung) laut vorzulesen und den fremdsprachlichen Text danach zu verfolgen. Es konnte auf die Dauer nicht verborgen bleiben, daß ich tatsächlich das (nach den Begriffen des alten Gymnasiums wirklich nur) Notwendigste an Hausarbeiten daheim erledigte. Das genügte, obgleich ich keineswegs den Lehrern gegenüber irgendwie dadurch hervortrat, um als streberischer Störenfried zu erscheinen und eines schönen Tages wurde ich nach Schluß der letzten Vormittagstunde von der gesamten Klasse nach allen Regeln verhauen. Was war zu tun? Einerseits um dies immerhin nicht sympathische Erlebnis nicht noch öfter zu machen, andrerseits auch, weil ich den Anschein der Streberei selbst scheute und mit der Klasse auf gutem Fuße bleiben wollte, ließ ich nun von meinem bisherigen Verfahren ab und die Folge war, daß der Ordinarius mir denn auch nach kaum vierzehn Tagen bedauernd sagen konnte: „Sie haben neuerdings sehr nachgelassen, Borgius. Denken Sie an die Versetzung!“ Der Tadel war mir schmerzlich, zumal ich wußte, daß er nur gerecht war. Aber die Ehre war gerettet. — Was dieses Prinzip der Klassensolidarität für die geistige Entwicklung der Höherstehenden bedeutet, bedarf keiner Ausführung.
