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Italien.

Ueber das Schulwesen im faschistischen Italien war es mir leider nicht möglich, wirklich ausreichende eingehendere Unterlagen zu erhalten. Aber über den dort herrschenden Geist wird ja niemand im Zweifel sein können. Interessant ist die Auslassung Mussolinis im Ministerrat vom 28. März 1928 anläßlich des Zwistes zwischen Quirinal und Vatikan über die katholischen Jugendverbände. Er sagte: „Die faschistische Revolution erblickt in der totalitären und allseitigen Erziehung und Vorbereitung des Italieners eine der grundlegenden Aufgaben des Staates. Wenn der Staat diese Aufgabe nicht lösen oder auch nur eine Diskussion darüber zulassen wollte (!), würde er damit nichts mehr und nichts weniger als seine Existenzberechtigung aufs Spiel setzen.“ (!) Ein Tatsachenmaterial, aus dem man sich selber ein eigenes Urteil bilden könnte, ist mir trotz lebhafter Bemühungen nicht zugänglich geworden. Doch erhielt ich einige briefliche Mitteilungen einer mir seit meiner Studentenzeit bekannten, geistig sehr hochstehenden Frau, die freilich schreibt, daß sie „in Schulsachen ein großer Laie“ ist, aber „vier Kinder in italienischen Schulen hochgezogen“ hat. Sie schreibt (mit geringen Kürzungen):

„In Italien gab es vor dem Faschismus eine Laien- und Einheitsschule. Religionsunterricht in der Volksschule nur auf Wunsch, in der Mittelschule gar nicht. Die Volksschule wurde von den Gemeinden unter größter Autonomie verwaltet. — Heute gibt es keine Gemeinde-Autonomie mehr und alles kommt von oben. Hauptzweck ist patriotische Erziehung. Als Patriotismus gilt Kultus des Faschismus . . . . Religionsunterricht ist in Volks- und Mittelschule obligatorisch. Der Unterricht wird von Priestern erteilt, die, soviel ich weiß, die geistliche Behörde bestellt. Examina werden für öffentliche wie Privatschulen von staatlichen Kommissionen abgenommen, denen gegenüber die Schüler immer Externe sind; daher Gleichstellung der öffentlichen und der Privatschulen (d. h. der von den Jesuiten, Barnabitern usw. geleiteten; denen die Bevölkerung oft den Vorzug gibt, weil sie besser und billiger sind).

Der Staat will aus den Schülern gute Faschisten machen. Es werden einheitliche Schultexte für das ganze Land ausgearbeitet.“

Die Schreiberin fügt mir Kopie einer Niederschrift hinzu, die sie für einen ausländischen Parteigenossen geschrieben hat, der ihr die Geschichtsbücher für drei Volksschulklassen (8.-10. Lebensjahr) als Unterlage besorgte, aber selbst nicht italienisch versteht. (Sie ist jetzt des Faschismus wegen aus Italien geflüchtet.) Ich entnehme diesen ihren Ausführungen noch folgende Angaben:

„Das faschistische Regime legt großen Wert darauf, daß die neue Generation schon in seiner Lehre heranwachse. (Daher seine Reibereien mit dem Vatikan, der gleichfalls das Monopol der Jugenderziehung
für sich in Anspruch nimmt.) Mit der Beseitigung jeder Gemeinde-Autonomie ist nunmehr auch der gesamte Elementarunterricht der Kontrolle durch die Zentralregierung verfallen. Alle Lehrbücher bedürfen der Genehmigung durch eine ministerielle Kommission. Wie im Kirchenstaate auf jedem Buche die Druckerlaubnis der geistlichen Behörden stehen mußte, weisen sich alle ohne Ausnahme als „vom Unterrichtsministerium genehmigt“ aus; auf dem Titelblatt einiger Schulbücher liest man: „Den geschichtlichen, wirtschaftlichen und politischen Ansprüchen des neuen Regimes im Sinne des kgl. Dekretes vom 18. März 1928 entsprechend“.

Was genehmigt nun dieses Ministerium? . . . . Der Grundton ist durchaus hurrahpatriotisch . . . . Wir wollen uns hier nicht mit den technischen Mängeln beschäftigen . . . . (Fehler freilich, wie die Behauptung, Barbarossa hätte Arnold da Brescia aufhängen lassen, wären wohl zu vermeiden gewesen). Daß das Geschichtsbuch für die fünfte Klasse Tessin, Corsica und Malia als „unerlöste Provinzen“ bezeichnet, ist natürlich ein beabsichtigter Fehler.“

Die Art des erteilten Geschichtsunterrichts erhellt dann aus folgenden wörtlich zitierten Absätzen:

„Von den Umstürzlern an den Rand des Verderbens gestoßen, wurde unser Vaterland von Benito Mussolini gerettet, dem Duce, dem Staatsmann mit der eisernen Faust, um den uns alle Nationen der Welt beneiden.“

. . . . . . . .

„Die Mitglieder der Fasci haben sich als erste mutig dem verbrecherischen Werk der Umstürzler widersetzt, sogar mit der Gewalt, mit der überzeugenden Macht des Knüppels; denn auf Gründe wollte man nicht hören. Diese tapferen, von Vaterlandsliebe durchglühten jungen Leute wuchsen immer mehr an Zahl und wichen nie vor der Gefahr zurück. Viele von ihnen verloren ihr Leben in dem täglichen schweren Kampf, als Opfer von hinterlistigen Ueberfällen “

. . . . . . „Nun verschärften die üblichen Gegner ihre Opposition gegen die Regierung, in der Hoffnung, sie zu ermüden und zu stürzen, fachten das Feuer der Zwietracht immer mehr an, versuchten neue und ernstere Unruhen, so daß sie die Regierung zu Maßnahmen zur Einschränkung jener Freiheiten zwangen (!), die in beklagenswerte Zuchtlosigkeiten ausgeartet waren.“

Das Geschichtsprogramm der vierten Klasse reicht von der Urzeit bis zum Falle des weströmischen Reiches, bietet also keine Gelegenheit zu patriotischer Geschichtsklitterung. Aber der Autor fügt doch wenigstens zwei Lesestücke an: „Rom und der Faschismus“ und ,.Der Gedanke des Duce“. Darin heißt es z. B.:

„Es treten Gestalten auf, die den Helden des Altertums gleichen und sie sogar manchmal übertreffen. Benito Mussolini, Duce des Faschismus, faßt in römischer Gestalt die erhabensten Eigenschaften des Stammes zusammen. Die Wiederaufstehung Roms, glorreich und gewaltig, ist sein Werk. Die Ordnung, die alle lebendigen Kräfte unseres Volkes erfaßt und die granitene Grundlage schafft, auf der die sichere Zukunft eines wieder großen und blühenden Italien ruht, ist ihm
zu danken.“

Als „der Gedanke des Duce“ wird den Kindern — „die Notwendigkeit einer starken Volksvermehrung“ auseinandergesetzt. Wie sich die Neunjährigen ihre Aufgabe dabei zu denken haben, ist nicht gesagt.

Mit besonderem Nachdruck wird noch Bange gemacht vor der „verruchten Pflanze mit fremdländischen monströsen Blumen, die über die Alpen gebracht wurde: dem Bolschewismus“ und „der größte Schritt, den je ein Land auf dem Gebiet der sozialen Gestaltung gemacht hat, die Charta der Arbeit“ gepriesen (die als Forderung aufstellt, was in den anderen Kulturländern meist längst verwirklicht ist!)

Die Schule

Ein Frevel an der Jugend


von: Walther Borgius

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Inhalt:

I. Geschichtliches
Ursprünglich freies Aufwachsen der Kinder.
Der Staat als Wurzel des Gehorsams.
Die Jünglingsweihen.
Anfänge des Schulwesens.
China.
Die Antike.
Die Kirche als Schulherrin.
Die spätmittelalterlichen „Stadtschulen“.
Die Reformation und die Schule.
Streben zur Vereinheitlichung des Volkes.
Staatliche Volksschulen.
Der „Bet-Ernst“.
Der Pietismus.
Die Schuldisziplin.
Die Toleranzidee.
Die Schulen des neueren Frankreichs.
Die Schule des neuen Preußen.
Die Schule als Staatsmonopol. — Die Lehrer als Staatsbeamte.
Das Prüfungs-Unwesen.
Das Berechtigungswesen.
Schule und Revolution von 1789.
Süverns Entwurf eines allgemeinen Schulgesetzes.
Die Reaktion.
Bismarck und der Liberalismus.
Die Schulfinanzen zwischen Zollmisere und Sozialistenangst.
Kampf Kaiser Wilhelms gegen die Sozialdemokratie.
Militärische Vorbereitung der Jugend.
Staatsbürgerliche Erziehung.
Die Fortbildungsschule.
Die Produktionsschule.
Das Ethos der Arbeit.
Die Staatsschule, der Fluch der Kindheit.
Das moderne Ausland.
Vereinigte Staaten von Nordamerika.
Australien.
Italien.
Rußland.
Kollektivunterricht und Individuum.

II. Grundsätzliches
Die Weltgeschichte.
Die Geographie.
Die deutsche Sprache.
Fremdsprachen.
Die Naturwissenschaften.
Die Mathematik.
Turnen.
Kunst.
Interesselose Kinder.
Die künftigen Formen des Aufwachsens der Kinder.
Das Spiel, die natürliche Funktion des Kindes.
Eingriffe der Schule ins Privatleben.
Die Sklaverei des Kindes.
Die Beseitigung der Schule.
Die Finanzierung der Neuordnung.

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