Interesselose Kinder.
Es gibt nun Leute, welche behaupten: Ohne Zwang würden die meisten Kinder aber gar nichts leisten, für nichts wirkliches Interesse zeigen, geschweige denn gar sich realen ernstlichen und anhaltenden Anstrengungen dafür unterziehen, sondern nur faulenzen und Unfug treiben. Diese Auffassung (die übrigens allen Beobachtungen widerspricht) kommt mir immer vor, als behaupte man, die Kinder müßten, da sie ja noch gar nicht zu beurteilen vermöchten, was der Körper brauche, fünfmal täglich zu bestimmten Terminen vorgeschriebene Mahlzeiten von bestimmtem Ausmaß und bestimmtem Gehalt eingeflößt erhalten, ohne Rücksicht auf Hunger oder Neigung. Sonst würden sie alle „Suppenkaspars“ werden und elendiglich verhungern.
Solche Pessimisten ignorieren vollständig, daß der Geist doch genau wie der Körper ein sich naturgemäß entwickelnder Organismus ist und ganz von selbst dafür Sorge trägt, daß ihm zugeführt wird, was er zu seiner Entfaltung braucht, einfach durch den eigenen Drang.
Jedes Kind ist voller Wißbegierde und man kann seinen Fragen oft kaum Genüge tun. Wenn ihnen nur die volle Möglichkeit geboten würde, ihre Wißbegierde (die keineswegs oberflächliche Neugier ist) nachzugehen, man würde über den Umfang und — die Zähigkeit derselben meist erstaunt sein. Nur soviel ist richtig: Nach den Gegenständen, welche die Schule ihnen — größtenteils sinnlos — vorschreibt, würden sie sich wohl nicht sehnen. Aber wieviele sowohl Kenntnisse wie Fertigkeiten gibt es nicht, welche die Schule vollständig ignoriert oder als „Allotria“ abweist, während sie für die Praxis des Lebens bzw. die Entfaltung des Geistes ebenso wichtig, meist sogar weit wichtiger sind, wie die von der Schule gebotenen.
Ich nenne zunächst an Fertigkeiten: Stricken und häkeln, nähen und flicken. (Die Abscheidung derselben als des Knaben unwürdige und ihn nicht zukommende „Weiberarbeit“ ist in unserem Zeitalter der Gleichberechtigung der Geschlechter längst überholt und lächerlich, und jeder Knabe sieht es meist schnell ein, wie wertvoll es für ihn ist, sich einen Knopf selbst annähen, ein gerissenes Loch stopfen zu können und nicht dabei auf Anleihen beim weiblichen Geschlecht angewiesen zu sein.) Dasselbe gilt vom Kochen. (Es wird wenig Kinder, auch Knaben, geben, die nicht ohnehin als kleine Kinder bereits freiwillig eifrig „Kochen gespielt“ haben. Aber die Erwachsenen sind ja blind gegen den Anschauungsunterricht, den die Natur ihnen erteilt.) Daneben stehen: Rad und Auto fahren, Schi und Schlittschuh laufen, fechten, boxen, Jiu jitsu; dann: reiten, tanzen (auch historische alte Tourentänze). Ein etwas anderes Gebiet ist Stenographie und Maschineschreiben, Klavier und andere Musikinstrumente spielen (aber nicht etwa „Unterrichtsstunden mit Tonleitern und Etüden“!) Ist Handschreiben heute überhaupt noch nötig zu lehren? Die Formen der Buchstaben lernt das Kind ja durch das Maschineschreiben von selbst und wird sie schnell genug nachmalen. Zeichnen und Modellieren, Pläne und Karten zeichnen. Schließlich Gartenbau, Feldbau und Tierzucht. Zu besonderer Schärfung des Vorstellungs- und Kombinations-Vermögens vielleicht noch Schachspiel.
Als wissenschaftliche Fächer kämen in Betracht z. B. in erster Linie die Kenntnis des eigenen Körpers und seiner Organe, ihrer Funktionen und Krankheiten; in Verbindung damit dann „erste Hilfe bei Unglücksfällen“ und Krankenpflege; nicht zu vergessen die Geschichte der Heilkunde, die Hygiene der Kleidung und Ernährung nebst Geschichte ihrer Entwicklung. Ferner die Kenntnis des Erdglobus und Himmelsglobus und ihrer Geschichte. Weiter: Elemente der Wirtschaftskunde (z. B. Funktion und Aufgabe der Banken, der Börse usw.) nebst handwerklich-technischem Anschauungsunterricht: spinnen, weben, backen, töpfern, glasern, mauern usw. Allgemeinstes über Rassen- und Völkerkunde nebst Eigenart ihrer Kleidung und Ernährung, ihres Kalenders, ihrer Feste; die Hauptreligionen (freilich: wie dürfen Kinder offiziell Näheres über Buddhismus, Hinduismus, Islam usw. erfahren; dann könnten sie ja — behüte Gott! — die Religion ihres „Vaterlandes“ nicht mehr für die einzig wahre halten!). Schließlich: Grundzüge der Charakterkunde sowie der Graphologie und Physiognomik.
Man sieht, welche Unmenge von interessantem Wissen und Können den Kindern vor Augen stehen würde. Man lasse sie daraus nur ohne Beeinflussung nach durchaus eigener Lust bzw. Besprechung untereinander aussuchen, was sie interessiert, und man wird über den Andrang staunen. Wenn aber ein Kind nun wirklich interesselos ist und auf nichts reagiert, — nun, glaubt irgend jemand, daß solch ein bedauerliches stumpfsinniges Kind durch Schulunterrricht intelligenter oder interessierter wird? Man lasse es in seinem beklagenswerten Stumpfsinn. Es muß ja schließlich auch Kanalräumer und Erdarbeiter geben. Und solche werden sicher glücklicher und keineswegs unbrauchbarer sein, wenn sie die Schule nie betreten haben.
