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Die Schulen des neueren Frankreichs.

In Frankreich herrschte zunächst noch ganz die Intoleranz der Gegenreformation: Auf Betreiben der (ganz kirchlich organisierten) Universität Paris verbot 1624 der höchste Gerichtshof, das „parlement“, bei Todesstrafe, „irgendwelche Grundsätze abweichend von den alten Autoren zu lehren“. Reformierte konnten in keiner Fakultät akademische Grade erwerben. Die Lehren von Descartes und Gassendi wurden streng verboten und unterdrückt. Die Studenten der Universität Paris mußten an jedem Tag einige Zeilen der Bibel auswendig lernen. — Man kann sich vorstellen, wie es im Mittelschul- und Elementar-Unterricht aussah, der, wie schon erwähnt, ganz in den Händen der Jesuiten usw. lag. Des eigentlichen Volksschulunterrichts, soweit man von einem solchen reden kann, nahmen sich namentlich die Doktrinarier und für Mädchen die Ursulinerinnen an, welche den Kindern Hand in Hand mit religiöser Unterweisung etwas Lesen und Schreiben lehrten (damit sie die religiösen Schriften lesen könnten). Die sogenannten „petites écoles“, welche in den wenigen größeren Städten für Schulgeld von privaten „maîtres“ gehalten wurden (analog den „Deutschen Schulen“ in deutschen Städten) waren der Aufsicht des Kantors von Notre-Dame unterworfen, während der Staat nur darauf sah, daß sie ihre Unterweisung nicht über die Elementarfächer hinaus erstreckten und damit irgendwie den Kollegien usw. Konkurrenz machten.

Ludwig XIV. schützte das Jesuitentum und seine Tendenzen rücksichtslos, weil er in ihnen die unbedingten Vertreter seines radikalen Absolutismus fand, während er in anderen Richtungen — hauptsächlich in den Hugenotten — Gegner seiner politischen Machtgelüste sah. Aber ebenfalls aus politischem Interessenkonflikt begann gegen Ende des 18. Jahrhunderts der Zusammenbruch der Jesuiten in den romanischen Ländern: Zuerst in Portugal, dessen leitender Minister Marquis von Pombal, nach Abtretung Paraguays von Spanien an Portugal dort den bisherigen selbständigen Jesuitenstaat aufhob. Außerdem führte er im Interesse staatlicher Wirtschaftsautokratie ein schutzzöllnerisches Handelssystem durch, was von den im Besitz des Außenhandels befindlichen Jesuiten, welche den übelsten Handelspraktiken huldigten, maßlos bekämpft wurde, bis Pombal sie schließlich 1759 aus Portugal und all seinen Kolonialgebieten auswies. Da sie durch diese ihre Handelspolitik (insbesondere die unter Leitung des Pater Lavalette äußerlich scheinbar als Missionsunternehmen gemachten Gründungen und die damit verbundenen großen Mißbräuche, auch die wirtschaftlichen Interessen Frankreichs schädigten und überdies die allmächtige Marquise de Pompadour und ihren Günstling den Minister Coiseul befeindeten, hob auch die französische Krone 1764 den Orden auf und verwies die Mitglieder des Landes. In den nächsten Jahren folgten dann Spanien, Neapel, Parma.

Nun hatte, wie erwähnt, fast das ganze Schulwesen Frankreichs in Händen der Jesuiten gelegen. Mit ihrer Ausweisung — ihre Schulen wurden schon 1762 geschlossen — entstand ein Vacuum, das ausgefüllt werden mußte. Der Staatsanwalt am Parlement de la Bretagne, Louis René de Caradeur, unterbreitete daraufhin 1763 seinem Parlament einen „Essai d‘Education Nationale“ in dem es heißt:

„Wie hat man glauben können, daß Menschen, die auf den Staat keinen Wert legen, die gewöhnt sind, einen Mönch über alle Staatsoberhäupter zu stellen, ihren Orden über das Vaterland, ihre Regel und ihre Konstitution über die Gesetze, befähigt wären, die Jugend eines Reiches zu erziehen und zu unterrichten.“ Die Erziehung ist allein Sache des Staates: „Ich will für die Nation zurückverlangen eine Erziehung, die nur vom Staate abhängen soll, da sie ihm wesentlich gehört, da jede Nation ein unveräußerliches und unverjährbares Recht hat, ihre Mitglieder zu unterweisen, da endlich die Kinder des Staates von Mitgliedern des Staates unterwiesen werden müssen“. (Bei Barth S. 373 zitiert nach der zweiten Ausgabe, Genf 1763, S. 18 u. 24.) „ . . . So ist es durchaus notwendig, daß die Königliche Regierung eine Kommission einsetze, die die Lehrfächer aller Erziehungsanstalten, sowie auch die besten Methoden des Lesenlernens und des Sprachunterrichts zu bestimmen, die Lehrer zu ernennen oder für ihre Vorbildung zu sorgen und die Abfassung guter Lehrbücher zu veranlassen hätte“ (a. a. O. S. 221 ff.).

Der Minister A. R. J. Turgot nahm seine Gedankengänge auf: In seiner Denkschrift von 1775 über die municipalités an den König führt er aus: „Es gibt keinen Gemeingeist, weil es keine sichtbaren und bekannten Gemeininteressen gibt.“ Um sie zu erzeugen, „dafür sei der erste und wichtigste Schritt die Bildung einer nationalen Unterrichtsbehörde („Conseil de l‘Instruction Nationale“), die alle Unterrichtsanstalten, von den Elementarschulen (petites écoles) bis zu den Akademien zu leiten hätte“. (Oeuvres de Turgot, Paris, 1844, S. 505 ff., zitiert bei Barth, S. 376.) Aus diesen nationalpolitischen Gründen wünscht er auch, „daß die Unterrichtsbehörde in einheitlichem Geiste für ganz Frankreich geeignete Schulbücher schaffe, in denen das Studium der Pflichten gegen Familie und Staat die Unterlage aller anderen, nach ihrem Nutzen zu ordnenden Fächer“ wäre (a. a. O. S. 506). „In jedem Kirchspiel müsse es einen Lehrer geben, der . . . auch Lesen, Schreiben, Rechnen, Messen und die Anfangsgründe der Mechanik lehre“ (S. 508). Dann würde in zehn Jahren das Volk nicht wiederzuerkennen sein: „Durch seine Bildung, seine guten Sitten, seinen aufgeklärten Eifer für des Königs und des Vaterlandes Dienst würde es über die andern Völkern unendlich erhaben sein“ (S. 508).

Aber ein Jahr später versank Turgots Ministerium und, sein Plan mit ihm.

Erst die Revolution brachte den wirklichen Durchbruch der Staatsschule in Frankreich. Die Revolution beseitigte das Königtum. Dieses aber war bislang der einzige Faktor, der das Land politisch zusammenhielt. An seine Stelle trat nunmehr als das einigende Band des Volkes das Bewußtsein der Sprachgemeinschaft und der demokratischen Verfassung. Beide vereinigten sich in dem nun von den regierenden Krei-
sen und herrschenden Schichten vertretenen neuen Begriff des „Patriotismus“. „Patriot“ war damals in den reaktionären Kreisen aller Länder demgemäß das Schimpfwort wie jetzt „Bolschewist“. („Patriot, Schlag ihn tot, Napoleon, Den Hundskujon“!) Diesen neuen Kitt zu pflegen und im ganzen Volke durchzusetzen, war erstes Ziel der machtpolitischen Interessen des neuen demokratisch gesinnten Staates.

Ein Freund und Schüler Turgots, der Marquis von de Condorcet, erneuerte dessen Pläne mit Erfolg und einer der grundlegenden Artikel der Verfassung von 1791 besagte:

„Es soll ein öffentlicher Unterricht geschaffen und eingerichtet werden, gemeinsam für alle Bürger, unentgeltlich für die allen Menschen unerläßlichen Unterrichtsgegenstände. Die dafür bestimmten Anstalten sollen in einer, der Einteilung des Königreiches entsprechenden Anordnung stufenmäßig verteilt werden. Dementsprechend sollten nach dem von Condorcet 172 der gesetzgebenden Versammlung unterbreiteten Organisationsplan auch die Primärschulen schon die Elemente der Politik lehren (entsprechend Turgots „instruction morale et sociale“). Begabte unbemittelte Schüler sollten als „éléves de la patrie“ auf Staatskosten alle Bildungsanstalten durchlaufen können, unter Gleichstellung beider Geschlechter. (Barth, S. 377 ff.) — Man braucht das Volk nunmehr als politische Bürger; dazu muß man es geistig schulen und ihm die er-
forderliche Mentalität beibringen.

Noch stärker werden dann die Grundgedanken der siegreichen Revolution zum Ausdruck in dem Erziehungsplan, den Michel Lepelletier ausgearbeitet und nach seinem Tode Robespierre — freilich erfolglos — vertreten hat: Danach sollten alle Kinder mit dem fünften Lebensjahre ihren Eltern abgenommen und — die Mädchen bis zum 11. die Knaben bis zum 12. Jahre — in öffentlichen Schulanstalten gemeinschaftlich erzogen werden, damit in ihnen ein neuer, von allen Vorurteilen und Einflüssen der alten Gesellschaft abgeschiedener Stamm von republikanischen Staatsbürgern heranwüchse. Eine Verlängerung dieser öffentlichen Erziehung bis zum Ende des Jünglingsalters empfiehlt der Verfasser selbst als einstweilen wohl nur schönen Traum. (Barth, S. 565.)

Auch der Marquis de Mirabeau der Jüngere erstrebte analoge Ziele: Vier Reden, die er für die Assemblé Constituante vorbereitet hatte, wurden nach seinem Tode 1791 unter dem Titel „Travail sur l‘Education Publique“ von P. J. G. Cabanis herausgegeben.

Der praktische Vollstrecker aller dieser Bestrebungen wurde dann Napoleon in seinen Gesetzentwurf über das Unterrichtswesen vom 7. März 1808, in dem nunmehr die Ausnützung von Erziehung und Unterricht zu machtpolitischen Staatszwecken ganz unverhüllt zu Tage tritt.

„Das Schulwesen im ganzen Reich »ist einzig und allein dem Staate anvertraut.“

„Keinerlei Schule oder sonstige Unterrichtsanstalt darf ohne Genehmigung des Leiters des Reichs-Unterrichts-Verbandes oder außerhalb des letzteren errichtet werden.“

„Alle Staatsschulen sollen die Anhänglichkeit . . . an das Napoleonische Herrscherhaus als Träger der Einheit Frankreichs und aller in der Verfassung verkündeten freiheitlichen Ideen zur Grundlage ihres Unterrichts machen.“

Die Disziplin wird ganz militärisch vorgesehen. Die vorgeschriebenen Religionsübungen waren nur noch ganz äußerliche; dem Klerus blieb das Schulwesen ganz entzogen.

Privatschulen suchte das Gesetz durch Besteuerung, Beschränkung der gestatteten Unterrichtsfächer und Bevorrechtung der Staatsschulen tunlichst ganz zu unterdrücken.

(Vgl. H. Taine „Die Entstehung des modernen Frankreichs“, deutsch von L. Katscher III, 2 Leipzig, namentlich S. 146—152 und 169—172; sowie Barth, S. 433, 551.)

Die Schule

Ein Frevel an der Jugend


von: Walther Borgius

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Inhalt:

I. Geschichtliches
Ursprünglich freies Aufwachsen der Kinder.
Der Staat als Wurzel des Gehorsams.
Die Jünglingsweihen.
Anfänge des Schulwesens.
China.
Die Antike.
Die Kirche als Schulherrin.
Die spätmittelalterlichen „Stadtschulen“.
Die Reformation und die Schule.
Streben zur Vereinheitlichung des Volkes.
Staatliche Volksschulen.
Der „Bet-Ernst“.
Der Pietismus.
Die Schuldisziplin.
Die Toleranzidee.
Die Schulen des neueren Frankreichs.
Die Schule des neuen Preußen.
Die Schule als Staatsmonopol. — Die Lehrer als Staatsbeamte.
Das Prüfungs-Unwesen.
Das Berechtigungswesen.
Schule und Revolution von 1789.
Süverns Entwurf eines allgemeinen Schulgesetzes.
Die Reaktion.
Bismarck und der Liberalismus.
Die Schulfinanzen zwischen Zollmisere und Sozialistenangst.
Kampf Kaiser Wilhelms gegen die Sozialdemokratie.
Militärische Vorbereitung der Jugend.
Staatsbürgerliche Erziehung.
Die Fortbildungsschule.
Die Produktionsschule.
Das Ethos der Arbeit.
Die Staatsschule, der Fluch der Kindheit.
Das moderne Ausland.
Vereinigte Staaten von Nordamerika.
Australien.
Italien.
Rußland.
Kollektivunterricht und Individuum.

II. Grundsätzliches
Die Weltgeschichte.
Die Geographie.
Die deutsche Sprache.
Fremdsprachen.
Die Naturwissenschaften.
Die Mathematik.
Turnen.
Kunst.
Interesselose Kinder.
Die künftigen Formen des Aufwachsens der Kinder.
Das Spiel, die natürliche Funktion des Kindes.
Eingriffe der Schule ins Privatleben.
Die Sklaverei des Kindes.
Die Beseitigung der Schule.
Die Finanzierung der Neuordnung.

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