Die Produktionsschule.
In dem Maße, wie der Sozialismus zum Siege steigt, erwächst immer siegreicher auch das neue Ideal der „Produktionsschule“. Der militärische Zusammenbruch brachte in Rußland die Revolution und den Sieg des bolschewistischen Sozialstaates, in Deutschland wenigstens die Republik und den Aufschwung der sozialistischen und demokratischen Richtung zur maßgebenden Beeinflussung des Staates. Dem entsprach denn auch eine Wandlung der pädagogischen Prinzipien, die in Rußland bereits praktisch durchgeführt sind, in Deutschland einstweilen noch propagiert werden. Sie konzentrieren sich in dem Schlagwort „Produktionsschule“ oder „Arbeitsschule“ gegenüber der bisherigen „Lernschule“. Die soziale Woge nahm namentlich die Lehren von Natorp („Sozialpädagogik“, Stuttgart 1909) und Kerschensteiner („Staatsbürgerliche Erziehung“, Erfurt 1909) auf. Vgl. auch „Zur Produktionsschule (Entschiedene Schulreform III)“. Hgb. v. Prof. Paul Oestreich. Verlag „Werkfreude“ - Bucherstaben G.m.b.H. — Berlin 1922.
In Rußland wurden besonders von dem Pädagogen Plonski und Professor Dr. Lewitin die neuen Ideen auch bereits in lehrhafte Praxis umgesetzt und weitergebildet. Der wesentliche Sinngehalt dieses neuen Prinzips ist Folgendes:
Die alte „Lernschule“ beschränkte sich auf autoritative Ueberlieferung und gedächtnismäßige Einprägung festgegründeten fertigen Wissens. Körperliche und sinnliche Tüchtigkeit wurden überhaupt nicht gepflegt: im Gegenteil, manuelle Arbeit wurde gering geschätzt. Das Kind strebt aber danach, tätig zu sein. Hierfür müssen ihm die richtigen Aufgaben gestellt werden, damit es sich an praktischen Zielen betätigen kann und dadurch zugleich Wissen erwirbt. Die Arbeit muß zur pädagogischen Methode werden. So werden die Schüler die verschiedenen Wissensdisziplinen nicht lehrplanmäßig und lustlos lernen, sondern sich durch Befassung mit den dafür in Betracht kommenden Lebensgebieten selbst in freudvoller Betätigung des einem jeden innewohnenden Gestaltungstriebes und schöpferischen Sehnens selbst erarbeiten.
Schließlich ist die Arbeit auch zugleich ein Werte schaffender Faktor. So lehrt der oben erwähnte Russe Plonski die Kinder, aus Stoffen gebrauchsfähige Dinge herstellen, macht sie allmählich mit allen wirtschaftlichen Methoden bekannt, gewöhnt sie an wirtschaftliches Arbeiten und Denken und schafft dadurch zugleich das wirtschaftliche Fundament, auf dem die Schule ruht. Und Professor Lewitin hat gar in einem der Moskauer Textilindustrie-Vororte in den Räumen arbeitender Fabriken Abendschulen eingerichtet, wo er die berufliche Arbeit der Schulbesucher zum Ausgangspunkt und zur Grundlage aller theoretischen wissenschaftlichen Lehre macht.
Die Schule selbst soll aus einem bloßen für bestimmte Stunden besuchten Unterrichtsinstitut eine das ganze Dasein des Kindes umfassende Lebensgemeinschaft aller Kinder werden, ohne Unterschied der Gesellschaftsschichten und der Geschlechter, aus welcher dann Begabten der Aufstieg auf „einer Leiter vom Boden bis zur Universität“ (Huxley) ermöglicht wird. (Kerschensteiner, S. 29; auch Natorp „Grundlagen der Schulorganisation“, Berlin 1910, S. 89 f.). „Der Mensch wird zum Menschen allein durch menschliche Gemeinschaft (Natorp S. 84). „So beweist sich die Gemeinschaft zugleich als Element der Erziehung und als das durch sie gestaltete, immer neu zu gestaltende Werk“, sie ist also „sowohl Zweck wie Mittel der Erziehung“. (S. 204, 219.)
Wie ist diese Idee der Produktionsschule entstanden?
Die vulgäre Auffassung beantwortet die Frage natürlich dahin, daß eben die sich immer mehr vervollkommnenden Einsichten der Pädagogik die oben geschilderten gegenwärtigen Erkenntnisse von dem, was dem Kinde nottut, erbracht haben, und der Staat sich nun bemühte, die von ihm verwaltete Schule nach diesen Ergebnissen auszugestalten. Naiver Optimismus! Ebensogut könnte man annehmen, es seien die wachsenden wissenschaftlichen Erkenntnisse der Nationalökonomie, aus der sich zwanglos die wechselnde Gestalt der Zolltarife erkläre. Die Sachlage ist die gerade umgekehrte: Der Staat richtet die seiner Gewalt unterstehende Schule ja so ein, wie es für ihn nützlich ist, um die Machtstellung seiner jeweiligen leitenden Gruppe zu sichern. Zu diesem Zweck wählt er dann aus den Schriften der Pädagogik die ihm jeweils am besten passenden Schlagworte und Ideen, um die Leuchtkraft seiner wahren Ziele der Oeffentlichkeit gegenüber etwas abzublenden. Wir sahen schon in den vorausgehenden Bogen, wie sich die Front dabei im Laufe der Geschichte wechselnd gegen die verschiedenen Gruppen richtet, welche dem Staat gefährlich werden können: bald das Ausland, bald das Inland, bald die Stände, bald die Kirche, bald das Proletariat. Für den kommenden sozialistischen Staat ist die Gegnerschaft natürlich die noch nicht überwundene Macht der Vergangenheit, die Bourgeoisie. Dem Kampfe gegen sie dient die Produktionsschule.
Geboren ist sie keineswegs etwa erst aus ihm, ist vielmehr uralten Datums: Schon der alte Pestalozzi hat seinerzeit das Prinzip der Selbsttätigkeit des Kindes als Grundlage der Schulerziehung nicht nur gepredigt, sondern auch praktisch vollkommen durchgeführt, und zwar an Hand der damals aufblühenden Baumwollspinnerei, die damals fast alle Frauen der ärmeren Stände für Verleger betrieben. Er ließ die Kinder wirtschaftliche Arbeit leisten, damit sie einerseits sich und der Schule den Unterhalt verdienten und andrerseits die Schule ein wirkliches Abbild des Lebens und eine gedeihliche Vorbereitung für die spätere Praxis würde (vgl. vielfache Ausführungen in „Lienhard und Gertrud“, wo ja der Verleger überhaupt als der Edelmensch des Dorfes fungiert). Denselben Weg ging die ganze Pädagogik Fröbels. — Aber damals hatte der Staat keine dahin tendierenden Interessen und die Kirche noch weniger; so verliefen jene Bestrebungen im Sande. Als dann in neuerer Zeit das Interesse des Staates dahin ging, Mittelstandspolitik zu treiben und dem niedergehenden Handwerk wieder das Interesse breiterer Schichten zuzuführen, knüpfte man vorübergehend an die alten Pestalozzischen Ideen wieder an und produzierte (gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts) den Trick des sogenannten „Handfertigkeits-Unterrichts“, — eine Halbheit, die natürlich ohne jeden Erfolg blieb und bald Fiasko machte. Die jetzigen sozialistisch eingestellten Pädagogen haben also an sich nur die alten Ideen des „Arbeitsunterrichts“ neu aufgeplättet, um sie wirksamer zu präsentieren. Aber heute hat der neu hochkommende sozialistische Staat alles Interesse an dieser geistigen Waffe zur Verschleierung seiner praktischen pädagogischen Ziele mittels „neuer pädagogischer Erkenntnisse“ und darum hat die alte Idee jetzt alle Aussicht auf Realisierung.
Rein pädagogisch ist das Prinzip der „Arbeitsschule“ mindestens nur sehr relativ gutzuheißen. Die Arbeitsschule (und überhaupt Massenschule) kann segensvoll nur für einen bestimmten Typus von Kindern sein (allerdings eben den, den neue Machthaber im Staat wünschen). Für den Einsamling z. B. wird kein Platz in ihr sein; es ist charakteristisch, daß ein so hochbegabter Knabe, wie Otto Braun, sich in einer nach dem neuen Typus so ausgezeichneten Anstalt, wie Wickersdorf, nicht wohl fühlte und seiner Mutter klagte: „Man kann hier niemals allein sein!“ Ein Träumer, der stundenlang hoch oben im Kastanienbaum hockt, sich mit wollüstigem Bangen im Winde hin und her schwanken fühlt, die am Stamm auf- und ablaufenden Ameisen jagt und den Vögeln beim Liebesspiel zuschaut; oder der tagelang auf sonniger Wiese liegen und in die hoch am blauen Himmel ziehenden Lämmerwölkchen blicken kann, paßt nicht in diese Schule. Ebensowenig der nachdenkliche stille Grübler, der einsam in der Ecke hockt und darüber „klärt“ (wie die Ostjuden sagen): Warum schreien die Babys so viel? Warum muß der Mensch nachts schlafen? Woher kommen die Träume? Warum gibt es Stechmücken? Wenn ich einen Nagel durch ein Brett schlage, — wo kommt das Holz hin, das erst da gesessen hat, wo jetzt der Nagel sitzt? Warum sagen die Franzosen Louis statt Ludwig? Warum heiße ich Wenzel Schneidereit? — Und auch nicht der Sammler, dessen höchstes Glück es ist, wenn er daheim in seiner häuslichen Klause die Stücke seiner Münzensammlung mit Salmiakgeist putzen und mit der Lupe ihre Inschrift entziffern, oder seine Eiersammlung ordnen und etikettieren, seiner Siegelsammlung eine neue Wappen-Muschelform einfügen oder einem Kameraden seine Sammlung deutscher Briefmarken seit Kriegsausbruch (einschließlich Fehldrucke!) zeigen und erläutern kann. — Mit solchen Typen weiß die neueSchule ebenso wenig anzufangen, wie die alte etwa mit dem Bastler, der sich aus Holzspänen und Bindfaden eine richtig gehende Windmühle zusammen werkt, oder mit dem Lausbuben, der sich mit allen Jungen in der Klasse herumbalgt, dem Rektor die Birnen aus dem Garten klaut, stets ein Loch in der Hose und eine Schramme auf dem Knie hat, aber der beste Turner in der Klasse ist.
Wieso hat nun der sozialistische Staat ein machtpolitisches Interesse an der Produktionsschule?
Der kommende sozialistische Staat wird vor allem und in erster Linie der alleinige Arbeitgeber aller seiner Untertanen. Sein Interesse muß daher vor allem sein, willige, schmiegsame, untertänige, lenksame Arbeitskräfte zu züchten, die sich bequem in die Masse einordnen lassen, nicht aufbegehren, keine Kritik und Opposition befürchten lassen, keine individuellen Gelüste und Ansichten haben und vor allem nicht an der Heiligkeit des Staates als Arbeitgeber und der moralischen Pflicht ihres eigenen Dienstes daran zweifeln. Solche zu erziehen, ist die Aufgabe der Produktionsschule. Karl Marx hat in Genf 1866 eine (mir leider nur ungefähr erinnerliche) Resolution über die Schule der Zukunft durchgebracht, in der Wirtschaft und Gesellschaft vereinigt sein würde. Dabei sagt er: „Macht die Handarbeit zum großen Erlebnis; dann schafft ihr die besten Bürger des sozialistischen Zukunftsstaates und gleicht zugleich die Differenzen der Stände und Klassen aus“! Diesem Gedankengang kommt die Produktionsschule vollkommen nach. In dem weiter oben schon zitierten Aufsatz des Studienrates Dr. R. Niemann in der Leipziger Volkszeitung heißt es: „Die Schule . . . . hat . . . . in erster Linie die Aufgabe, den Menschen erwerbstauglich zu machen. . . . . In zweiter Linie erzieht sie den künftigen Staatsbürger“. Das bringt dann an Stelle der früheren einseitigen Geistesschulung „eine harmonisch gleichmäßige Ausbildung von Geist und Körper, Denken und Sinnebetätigung“ mit sich. Damit zugleich eine „Wertschätzung der manuellen Arbeit an Stelle der bislang gezüchteten Ueberheblichkeit (!) des Intellektuellen, endlich eine Erziehung zur Gemeinschaft an Stelle der vormaligen Züchtung der Rivalität (im Kampf um den Klassenplatz, die Zensur usw.)“; denn bei der Arbeit ist er überall auf das Zusammenarbeiten mit den Kameraden angewiesen und lernt so praktisch die Abhängigkeit aller beruflichen Interessen von „den Interessen der Mitbürger und des Vaterlandes“ (Kerschensteiner S. 16, 47). Von selbst werden so die staatsbürgerlichen Tugenden, namentlich die „Hingebung an die Allgemeinheit“, dem Kinde eingeprägt.
Die Vereinigung von Hand- und Kopf-Arbeit und methodische Herleitung aller wissenschaftlichen Erkenntnis aus den Aufgaben der praktischen manuellen Arbeit bringt ferner unvermeidlich eine moralische Deklassierung der reinen Geistesarbeit, die an sich turmhoch über der praktischen Zwecken dienenden materiellen Arbeit steht. Die kulturelle Höherwertigkeit des reinen Strebens nach Erkenntnis über die Herstellung von Nutzwerten wird im Bewußtsein des Schülers erstickt, ebenso die Erfahrung, daß zu wahrer geistiger Erkenntnisgewinnung Muße, Einsamkeit und Uninteressiertheit erforderlich ist. Damit wird aber Religion, Philosophie, Kunst und jede Neigung für solche „Allotria“ im Keime unterbunden.
Durch den Kollektivcharakter der wirtschaftlichen Arbeit wird „Kameradschaftlichkeit“ gepflegt, somit von vornherein jedem Ansatz zu individualistischer Betrachtung und Wertung vorgebeugt, und von klein auf der Massenmensch gezüchtet, den der sozialistische Staat zur Sicherung seiner Machtstellung als möglichst alleinigen Typus braucht.
Ferner wird durch Ausgestaltung der Schule zur vollständigen Lebensgemeinschaft der Schüler jedem etwaigen Einfluß der Familie in einem von den Staatsinteressen abweichenden Sinne vorgebeugt.
