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Die künftigen Formen des Aufwachsens der Kinder.

In geselliger Unterhaltung bin ich, wenn zufällig einmal die Rede auf meine grundsätzliche Ablehnung der Schul-Institution gekommen war, fast stets gefragt worden: „Und was wollen Sie an Stelle der Schule setzen?“ Ich habe dann stets erwidert: Wenn Sie Zahnschmerzen haben und gehen zum Zahnarzt und der sagt Ihnen: „Sie haben ein Zahngeschwür“ und sticht es Ihnen auf, und die Schmerzen sind dann fort, — sagen sie dann auch unwillig zum Zahnarzt: „Und was geben Sie mir jetzt für mein aufgestochenes Zahngeschwür?“ oder sind Sie nicht froh, daß Sie es los sind?“

Aber hinter jener Frage steckt natürlich etwas anderes. Man meint: Die Schule, mag sie auch große Nachteile mit sich bringen, hat immerhin dazu geführt, daß die Kinder sich eine gewisse Menge von positiven Kenntnissen und Fertigkeiten aneignen, die sie später im praktischen Leben brauchen. Ebenso hat sie einen gewissen erzieherischen Einfluß auf sie ausgeübt. Wodurch wird nun garantiert, daß, wenn keine Schule mehr vorhanden ist, die Kinder die nötigen Qualitäten erwerben, die ihnen eine spätere Erwerbstätigkeit ermöglichen? Hierüber Folgendes:

Darüber müssen wir uns klar sein, daß die erstrebte pädagogische Umstellung der Jugend zur ersten Voraussetzung eine vollständige Umgestaltung des wirtschaftlichen Aufwachsens der Jugend hat. Und zwar ist das erste und wesentlichste Erfordernis hierfür ihre Befreiung von dem verhängnisvollen Aufwachsen im Elternhaus. Es ist einfach eine Versündigung an der Jugend, daß wir sie zwingen, ihre ganze Jugendzeit zu verbringen in Wohnungen, deren Anlage, Möblierung und Raumgestaltung total auf Erwachsene zugeschnitten ist; wo die Mahlzeiten, die Tageseinteilung, die Geselligkeit, kurz, das ganze Leben nach den Bedürfnissen und Wünschen der Erwachsenen sich gestaltet und schon der winzige Permillesatz von Kindern als besonders glücklich zu preisen ist, dem die Verhältnisse ihrer Eltern wenigstens ein besonderes Kinderzimmer gestatten. Wo das ganze Leben der Kinder unvermeidlich durch die Lebensgewohnheiten der Erwachsenen verkrüppelt werden muß, wo sie nicht in Horden zusammenhocken können, nicht lärmen und schreien dürfen, wo sie ihre Hände und Kleider nicht beschmutzen, die Möbel nicht beschädigen dürfen, wo zänkische Portiers, Nachbarn und Untermieter ihnen das Leben schwer machen. Ganz besonders natürlich in der Stadt, wo jetzt in Deutschland schon über 50 % der ganzen Bevölkerung leben. (Allein in Städten über 20 000 Einwohner: 40 %.)

Kinder gehören unter Kinder. Erwachsene dürfen höchstens in möglichst unmerklicher Nähe sein, um im Notfall einzugreifen, wenn Gefahr droht, daß durch irgendeinen Unfug ein Kind zu Schaden kommt. Das Zusammenleben der Kinder mit den Erwachsenen ist schon an sich ein Schaden für die Kinder. Auf diese Weise sind sie ihre ganze lange und besonders eindrucksvolle Jugendzeit hindurch unter solchen Menschen, die als die „eigentlichen Menschen“ auftreten, die Kleinen, Schwachen, Dummen, Unerfahrenen, die sich mit dem aus Gnaden Gewährten zufrieden zu geben haben, die gehorchen und still sein müssen, überall erst in zweiter Reihe drankommen. Dank der „Individual-Psychologie“ wissen wir heute, welch eine katastrophale Bildung von Minderwertigkeits-Komplexen das in dem eindrucksvollen Gemüt des kindlichen Menschen bildet, deren Wirkungen dann später, von der Pubertätszeit ab, in einem Rattenkönig von Psychosen zu Tage tritt und den erwachsenen Menschen meist das ganze Leben hindurch mehr oder weniger belastet.

Alle ernsten Pädagogen sind sich heute wohl darüber einig, daß die einzige einwandfreie Art des Aufwachsens von Kindern solche in Landheimen und dergleichen ist. Schon Schleiermacher verlangte die Organisation gemeinsamen Lebens für die Kinder und die reifere Jugend, in der Ueberzeugung, daß auch die praktische Erziehung jeder Art durch ein solches Gemeinschaftsleben am besten erfolge. Aber erst in unserem Zeitalter wurde sein Gedanke von Natorp, Kerschensteiner, Förster u. a. aufgenommen und wenigstens versuchsweise auch schon ausgeführt. Die Tatsache, daß wir in Deutschland heute bereits 186 solcher Kinderheime auf dem Lande haben, — darunter sogar ganze Kinderdörfer, wie die Wegscheide bei Frankfurt a. M. und Zossen bei Berlin (letzteres mit 800 Kindern) — läßt die Hoffnung keimen, daß diese Einrichtung sich selbst im heutigen Staat schon mit jedem Jahre, wenn auch langsam, weiter Raum schaffen wird. In einer künftigen freien Gesellschaft wird allenthalben auf dem Lande mindestens zwischen zwei, drei oder vier Dörfern ein solches Kinderheim entstehen, in dem die Kinder der dazugehörigen Dörfer Aufnahme finden können.

In den Städten ist die Aufgabe etwas schwieriger. Hier werden jeweils mehrere Kinderheime, je nach der Größe der Stadt, um deren Peripherie herum liegen müssen. Aber die Zeit der Städte, insbesondere der Großstädte, dürfte ja überhaupt dem Ende entgegengehen. Die Ursachen, welche zu ihrer Entstehung führen mußten, hören gegenwärtig auf, wirksam zu sein. Es sind bzw. waren das namentlich zwei: Die Dampfmaschine wirkt zentralisierend; sie wird mehr und mehr abgelöst durch den elektrischen Motor und dieser wirkt im Gegenteil dezentralisierend: Er kann seine Kraft weithin über Land leiten und dann geht die Industrie gern daher, wo die Arbeitskraft billiger, der Platz leicht zu haben, das Wasser sauber ist. Wir können heute bereits die Anfänge einer Dezentralisierung der Industrie beobachten; sie wird noch erstaunliche Fortschritte machen. Der zweite zentralisierende Faktor war die Eisenbahn. Ihre Einwirkung wird in dem Maße nachlassen, wie das Auto an Bedeutung gewinnt. Eine dritte Erscheinung, welche die psychische Anziehungskraft der Städte erlahmen läßt, ist die gewaltige Entwicklung der Technik für die geistigen Verbindungen zwischen den Menschen: Telephon, Radio und Kino, bald wahrscheinlich auch der Fernseher, ersetzen zu erheblichem Maße die Vorteile des Zusammenwohnens in den Städten, während gleichzeitig deren immer gewaltigeres Anschwellen diese Vorteile für den einzelnen Stadtbewohner immer mehr neutralisiert und zum Teil schon überkompensiert.

Zu dieser Abschwächung der stadtbildenden Ursachen kommt aber in naher Zukunft ein heute noch kaum in Betracht gezogenes Moment, welches voraussichtlich zu einem verstärkten und vom Staate selbst geförderten Abbau der großen Städte führen dürfte. Das ist die Entwicklung der Militärtechnik. Nur naiv optimistische Ideologen können glauben, daß die Entwicklung der Kriege überwunden wäre, weil der letzte Krieg so schrecklich gewesen sei und zur Zeit zwischen den Staaten so viel von Abrüstung die Rede ist. Für den nüchternen und urteilsfähigen Politiker besteht kein Zweifel darüber, daß in absehbarer Zeit ein neuer Weltkrieg entbrennt, gegen den die Grauen des verflossenen nur ein Kinderspiel gewesen sein werden. Darüber ist man sich aber in der ganzen Welt einig, daß der nächste Krieg nicht mehr oder nur ganz untergeordnet noch ein Stellungskrieg der kämpfenden Heere draußen weit, möglichst in Feindesland, sein wird, sondern, daß sein Schwergewicht bestehen wird in der planmäßigen Bewerfung der offenen Städte des Feindeslandes mit Bomben, Giftgasen und vielleicht auch Seuchenkeim-Kulturen. Ebenso sind die Sachverständigen sich allerseits darüber einig, daß eine Abwehr dieser Luftangriffe, die wirklich ihren Namen verdient, gar nicht möglich ist, sondern es sich in der Praxis einfach darum handeln wird, welcher Staat das Grauen dieses planmäßigen Mordens der Zivilbevölkerung am längsten aushält, ohne unter Revolutionen begraben zu werden.

Es ist nicht ausgeschlossen, daß schon die katastrophalen Aussichten solcher Zukunft die Staaten veranlassen werden, von regierungswegen auf systematischen Abbau der größeren Städte hinzuarbeiten. Jedenfalls aber wird spätestens die Not des kommenden Krieges jene allgemeine Flucht aufs Land nach sich ziehen, welche dem Gesellschaftsleben der nächsten Epoche Europas ihren Charakter geben wird.

Wie nun auch die äußere Entwicklung des Städtewesens sich gestalten möge, jedenfalls werden Mittel und Wege gefunden werden müssen, auch in den Städten nach Möglichkeit für alle Kinder in erreichbarer Ferne Landheime zu schaffen, in denen sich ihre Jugendzeit konzentrieren kann. Diese Lebensform wäre zugleich ein ausgezeichnetes Mittel sozialer Erziehung, besser und wirksamer, als jede Form autoritärer Erziehung. Selbstverständlich ist nicht daran zu denken, daß nun etwa die Kinder mit sanfter Gewalt und gegen ihren etwaigen Willen aus dem Elternhaus entführt und in jenen Landheimen interniert werden. Das hieße ja, den Teufel austreiben durch Beelzebub, den obersten der Teufel. Die Entwicklung der Dinge dürfte sich vielmehr so gestalten: In diesen Landheimen, die am wahrscheinlichsten wohl von den Gemeinden eingerichtet werden, unter Tragung mindestens eines Teils der Kosten von den Eltern, denen ja dadurch die Erziehungskosten erspart werden, findet nun jedes Kind Aufnahme, das sich dort auf längere oder kürzere Zeit einfindet. Zunächst werden dort für die Kleinkinder umfangreiche Kindergärten errichtet, zu denen die Mütter schon die kleineren Kinder für die Stunden oder auch ganzen Tage, wo die Betreuung derselben daheim ihnen schwierig wäre, hinbringen und wieder abholen können. Das kleine Kind gehört naturgemäß zu seiner Mutter und hängt ja auch in der Regel innig an ihr. Aber je größer das Kind wird, desto weniger bedarf es der Eltern und desto mehr kollidieren seine wachsende Selbständigkeit und seine von denen der Erwachsenen abweichenden Neigungen und Bedürfnisse mit den Verhältnissen des elterlichen Hauses. In den öffentlichen Kinderheimen findet es seine Spielkameraden und Freunde, findet es Sand und Wasser, Wald und Wiese, findet es Hunde und Katzen, Ziegen und Kaninchen, findet es Spielzeug aller Art und alles, was sonst zum Kinderspiel verwendbar ist. Sie werden daher eine große Anziehungskraft für das Kind haben. Außerdem hat es dort gute Pflege durch ein besonders kinderliebes und pädagogisch geschultes Personal von männlichen und weiblichen Erwachsenen. Es wird also ganz von selbst so kommen, daß mit zunehmendem Alter die Kinder immer häufiger und immer länger im Kinder-Landheim weilen und schließlich vollständig dort bleiben und nur gelegentlich noch ihre Eltern besuchen, — ebenso, wie sie selbstverständlich deren Besuch dort empfangen können (wenn die Kinder das wollen).

Daß nicht üble Elemente sich dort breit machen, dafür werden die Kinder selbst am besten sorgen. Rowdies, Quälgeister, Zänker werden sie schnell allenthalben ablehnen und schließlich ihre Beseitigung fordern. Und wie den Kindern grundsätzlich alle Freiheit gelassen wird, so werden sie auch das Recht haben, unangenehme Patrone, die ihnen lästig fallen, vom Landheim auszuschließen und die dort tätigen Erwachsenen werden allen Anlaß haben, diesem Wunsche Hilfe zu leisten.

Die Verwaltung der Kinderlandheime wird in Händen jeweils eines Schülerrates liegen, als dessen Angestellte dann die dort tätigen Erwachsenen fungieren, — sei es, daß sie als wirtschaftliche Funktionäre erforderlich sind, sei es, daß sie als fachliche Lehrkräfte arbeiten. (Im Prinzip wird natürlich auch die eigengewerbliche Produktion usw., wie das Kochen, Reinmachen, Krankenpflege usw. von den Schülern, namentlich den älteren selbst besorgt. Aber ein gewisser Stamm sachverständiger Erwachsener wird zur Anleitung und Oberaufsicht wohl unentbehrlich bleiben.)

Im Rahmen dieser Kinderheime wird nun auch die geistige Bildung der dort befindlichen Kinder vor sich gehen. Es ist ein großer Irrtum, wenn man meint, daß dazu prinzipiell Erwachsene als Lehrer notwendig sind. Im Gegenteil: Des Kindes bester Lehrer ist das Kind. Es hat noch den geistigen Konnex mit seinen Altersgenossen, teilt ihre Interessen, ihre Art zu denken und zu sehen, — alles Dinge, die dem Erwachsenen längst verloren gegangen sind und ihm deshalb den Zugang zum Hirn des Kindes erschweren. Außerdem weiß ja jeder, der sich viel mit Kindern befaßt hat, mit welcher Begeisterung diese darauf aus sind, Dinge, die sie gelernt, verstanden und behalten haben, nun anderen, namentlich jüngeren Kindern, beizubringen und klar zu machen. Für derartig elementare Dinge, wie Lesen und Schreiben, das einfachere Rechnen, Heimatkunde, die Elemente der Anatomie und Physiologie u. a. m. wird der Rückgriff auf einen sachkundigen Lehrer in der Regel gar nicht erforderlich sein. Sonst aber stehen diese natürlich jederzeit, oder doch zu bestimmten Stunden, für jede gewünschte Belehrung, für Durchsicht und Korrektur gemachter Arbeiten und Aehnliches zur Verfügung.

Außerdem sind natürlich in den Heimen reichlich Materialien zur Selbstunterrichtung der Kinder vorhanden. So werden z. B. große Landkarten überall an den Wänden hängen und erklärende, erläuternde Druckwerke daneben greifbar sein. Ebenso wird es geschichtliche, naturwissenschaftliche, sprachwissenschaftliche Werke usw. in reicher Fülle geben, die von den mit ihrer Obhut betrauten Bücherwarten nach Wunsch auch ausgegeben werden (obschon vielleicht besser ihre Benutzung nur in den Lesesälen selbst stattfindet). Besonderer Wert wird auf gute Konversationslexika zu legen sein, die für größere Kinder meist eine beträchtliche Anziehungskraft haben und gern benutzt werden. (Ich fragte vor einigen Jahren einmal eine mir von früher bekannte namhafte Sozialistin, woher sie zu ihrer überraschend vielseitigen und gründlichen Bildung gekommen sei. Sie erzählte mir, sie habe, infolge besonderer Schwierigkeiten in ihrem (ländlichen) Elternhaus, eine systematische Schulung eigentlich gar nicht genossen. Ihr Vater hätte aber, ein ausgezeichnetes Konversationslexikon besessen, dessen zahlreiche Bilder und Karten von klein auf eine große Anziehungskraft auf sie ausgeübt hätten, zunächst rein als Bilderbuch, später als Lesebuch, und sie habe Jahre hindurch fast täglich und oft stundenlang in diesem Werke geschmökert. Erst als sie erwachsen war, hätte sie selbst gemerkt, daß sie sich auf diese Weise in der Tat eine erstaunliche Menge Wissen auf den verschiedensten Gebieten angeeignet hätte.) Die elementare „allgemeine Bildung“, um es so zu nennen, erfolgt ohne das Bewußtsein eines eigentlichen Lernens in der und durch die alltägliche Unterhaltung. Berthold Otto hat dies in seinem sogenannten „Gesamtunterricht“ vorgeahnt, der bei weitem fruchtbarsten, wertvollsten Idee des „schulreformerischen“ Zeitalters, dessen bedeutendster, weil eigenartigster Repräsentant, jedenfalls auch Berthold Otto überhaupt ist.

Einzelne Sondererklärungen werden von Aelteren an Jüngere auf Anfrage erfolgen. Es ist ein großes Vorurteil, daß etwa die Lösung einer Gleichung mit einer Unbekannten oder das Planetensystem oder das Prinzip kommunizierender Röhren oder die deutschen Mittelgebirge nur behalten werden könne, wenn man bestimmte Stunden Physik oder Mathematik usw. in der Woche absitzt. Dazu kommt das Zuschauen beim Experimentieren oder Basteln anderer größerer Kameraden und Mithelfen dabei, das Besehen von Schaubildern usw. Nicht zu vergessen auch ist die Vorführung von Filmen, die sicherlich in Zukunft bei der geistigen Bildung von Kindern eine sehr große Rolle spielen wird (auch z. B. bei Geographie, Botanik und Zoologie, Völkerkunde und vielen anderen Fächern).

Natürlich aber wird es neben diesen Möglichkeiten auch Fachlehrer von Beruf für alle Disziplinen, die etwa die Jugend interessieren können, geben. Sie werden ebenfalls als Angestellte des Schülerrates fungieren, an den, als natürliches Vertrauensorgan der Kinder, alle einschlägigen Anfragen und Wünsche kommen und der auch am besten beurteilen kann, ob z. B. die Neuengagierung eines Fachlehrers etwa für Astronomie oder für Holzschnitzerei oder für Buchbinderei oder für höhere Mathematik angebracht erscheint.

Personen, welche etwa den Einwand erheben, daß es ihrer nicht „würdig“ sei, einen Schülerrat als vorgesetzte Stelle zu haben, würden damit nur dartun, daß sie nicht geeignet sind, als Lehrer in einem Kinderlandheim zu wirken. Die Auffassung, daß ein Kind oder ein noch unmündiger Jugendlicher seines Alters wegen etwas gesellschaftlich Minderwertiges ist, stammt noch aus der heutigen Sklaverei des Kindes und muß vor allem einmal vollständig abgetan werden. Im übrigen berät und entscheidet der Schülerrat ja nicht über fachliche Dinge, die der Fachmann besser versteht, sondern nur über organisatorische Fragen des Landheims, die naturgemäß der Schülerrat besser versteht, als jeder Erwachsene, eben weil er selbst noch aus Kindern und Jugendlichen besteht. Im übrigen haben ja in der Kriegszeit massenhaft alte Landwehr- und Landsturm-Leute unter nicht nur der Leitung, sondern sogar der direkten Befehlsgewalt ganz junger Leutnants gestanden und man fand das ganz in der Ordnung. Auch in der Bürokratie sind massenhaft ältere Subalternbeamte die Untergebener ganz junger Assesoren und Doktoren. Das ist also nur Gewohnheitssache. Handelt es sich um Disziplinen, die nur gelegentlich oder von ganz wenigen Schülern gelernt werden wollen — etwa Hebräisch oder Linoleumschnitt, Kontrapunkt oder dergleichen, so wird man einen Fachlehrer dieses Gebietes etwa nur auf ein Semester engagieren oder es werden umgekehrt die Interessenten dieses Fachs für ein halbes Jahr nach einem andern Landheim übersiedeln, wo ein Unterricht dieser Art besteht.

Selbstverständlich entfallen bei solchen Verhältnissen alle Examina. An sich bleibt zwar natürlich die Möglichkeit offen, daß in jedem Fach jeder Fachmann jeden Schüler, der es aus irgendeinem Grunde wünscht, auf seine Kenntnisse und Fähigkeilen hin prüft und darüber auch eine schriftliche Erklärung ausstellt. Was aber naturgemäß fortfällt, das ist die Abhaltung regelmäßiger Gruppenprüfungen in einer vorbestimmten Reihe von Fächern über die Erreichung oder Nichterreichung eines vorbestimmten Unterrichtszieles, wie es die Abgangsprüfungen, namentlich der höheren Schulen, die Jahreszensuren und Versetzungen in allen Schulen und Klassen heute darstellen.

Natürlich wird all und jeder Unterricht in den Kinderheimen nicht erfolgen, wie man ihn bisher kannte: der Lehrer feierlich oben auf dem Katheder, die Schüler ehrfurchtsvoll vor ihm in Bänken sitzend, während er sie unterweist oder abfragt, sondern, soweit nicht dazu Zeichnungen anzufertigen oder Modelle zu handhaben sind, salopp, etwa auf einem umgestürzten Baumstamm hockend, oder im Grase liegend oder umherwandelnd, die Schüler fragend oder auch dazwischen berichtend, was ihnen gerade einkommt oder sie interessiert, also so, wie vor 2500 Jahren etwa die Bias und Pittakos, Mysos und Anarcharsis, Ghilon und Periander in Griechenland und andere älteste Lehrer der Menschheit ihre Schüler lehrten, oder allerneuestens der große Pädagoge Berthold Otto die seinigen im sogenannten „Gesamtunterricht“.

Verwerflich ist jedenfalls:

1. jeder Zwangs-Unterricht, d.h. jeder, der dem Lernenden vom Lehrenden aufgedrängt wird und nicht vom Lernenden erbeten und erfragt wird. Solch aufgedrängtes Wissen haftet auch nicht;[1]

2. jeder kollektive Unterricht; Unterweisung jeder Art kann erfolgreich nur zwischen zwei Personen oder höchstens in ganz kleiner Gruppe sehr gleichartiger Personen geschehen, nie nach Art einer Massenspeisung;

3. jeder durch öffentliche Gewalten organisierter Unterricht; denn stets werden jene die verlockende Gelegenheit benutzen, ihre Spezialinteressen damit zu verbinden, meistens derenthalben überhaupt nur die Last der Organisation übernehmen.

Der Einwand: „Wenn die Kinder nicht mehr zum Lernen, und zwar zum regelmäßigen und systematischen Lernen gezwungen werden, werden die meisten Kinder bald überhaupt nichts mehr lernen oder höchstens noch gelegentlich spielerisch“ ist nichts als eine alberne Phrase, mit der der Staat und die Schulmänner allen Kritikern bange zu machen suchen, weil sie den Kindern andauernd obligatorische Dinge einpauken, die das Kind abstoßen, langweilen und dessen Notwendigkeit oder Nützlichkeit es — meist mit vollem Recht — nicht einsieht. Ueberdies meist in einer Lebenszeit, wo das Kind dafür geistig noch gar nicht reif ist.

Aber wenn wirklich in einem gewissen Umfang es vorkommen sollte, daß das heutige Durchschnittsmaß von „positiven Kenntnissen“ nicht mehr erreicht wird, so sähe ich hierin durchaus kein Unglück. Ein Volk von individuell aufgewachsenen, freiheitlichen und selbständigen, aufrechten Charakteren, die selbst denken gelernt haben, erscheint mir, wenn auch der Grad der „allgemeinen Bildung“ hier und da etwas geringer ist, ungleich wertvoller und liebenswerter, als ein Volk von Schablonenmenschen und Lakaienseelen, auch wenn ihnen wirklich ausnahmslos ein gewisses Maß von Namen und Daten mehr eingeprägt ist. Und wenn wirklich unsere westeuropäische Volksschule bisher einen um 10 bis 15 % höheren Allgemeinstand der sogenannten „Allgemeinen Bildung“ der Massen erzielt haben sollte (was ich noch durchaus bezweifele), so ist das geschehen auf Kosten weit stärkeren Zurückbleibens von körperlicher Gesundheit und Lebenslust, von praktischer Gewandtheit und Sinn, von Gemüt und Phantasie und anderen sehr viel wichtigeren und wertvollen Qualitäten.

Hast du, lieber Leser, einmal mit eigenen Augen das scheußliche Schauspiel gesehen, wie eine Gans genudelt wird? Da stellt man das arme Tier in einen ganz engen Kasten, in dem sie sich so gut wie gar nicht bewegen kann (weil möglichste Bewegungslosigkeit den Fettansatz fördert); dann fertigt man aus fett machenden Nahrungsstoffen Nudeln von der etwaigen Form und Größe eines Daumens an, und alle zwei Stunden (glaube ich) öffnet jemand dem armen Tier gewaltsam den Schnabel, stopft ihm eine bestimmte Anzahl solcher Nudeln in den Hals und nötigt es, sie herunterzuschlucken.

Jeder ehrliche Mensch gibt zu, daß dies eine widerliche Tierquälerei ist, die der Mensch da im Interesse seines Gaumenkitzels vornimmt. Aber niemand macht sich klar, daß es — nur geistig, statt körperlich — genau dieselbe Prozedur ist, welche die Schule an allen unseren Kindern vornimmt: Sie werden systematisch zu bestimmten Stunden in einen Klassenraum gesperrt, wo sie stille da sitzen müssen — denn Bewegung, Sprechen usw. würde die „Konzentration“, also die geistige Aufnahmefähigkeit, beeinträchtigen — und nolens volens herunterschlucken müssen, was ihnen zur Nudelung ihres Hirns vom Lehrer eingetrichtert wird. Mögen sie dabei eine geistige Fettleber bekommen, wenn sie dabei nur so werden, daß ihre Verwertung den Interessen des Züchters entspricht!

[1] Das gilt im weitesten Umfang; nicht nur für die Schule sondern auch für politische Agitation, religiöse Propaganda, kapitalistische Warenreklame, Nachrichtendienst der Presse etc.

Die Schule

Ein Frevel an der Jugend


von: Walther Borgius

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Inhalt:

I. Geschichtliches
Ursprünglich freies Aufwachsen der Kinder.
Der Staat als Wurzel des Gehorsams.
Die Jünglingsweihen.
Anfänge des Schulwesens.
China.
Die Antike.
Die Kirche als Schulherrin.
Die spätmittelalterlichen „Stadtschulen“.
Die Reformation und die Schule.
Streben zur Vereinheitlichung des Volkes.
Staatliche Volksschulen.
Der „Bet-Ernst“.
Der Pietismus.
Die Schuldisziplin.
Die Toleranzidee.
Die Schulen des neueren Frankreichs.
Die Schule des neuen Preußen.
Die Schule als Staatsmonopol. — Die Lehrer als Staatsbeamte.
Das Prüfungs-Unwesen.
Das Berechtigungswesen.
Schule und Revolution von 1789.
Süverns Entwurf eines allgemeinen Schulgesetzes.
Die Reaktion.
Bismarck und der Liberalismus.
Die Schulfinanzen zwischen Zollmisere und Sozialistenangst.
Kampf Kaiser Wilhelms gegen die Sozialdemokratie.
Militärische Vorbereitung der Jugend.
Staatsbürgerliche Erziehung.
Die Fortbildungsschule.
Die Produktionsschule.
Das Ethos der Arbeit.
Die Staatsschule, der Fluch der Kindheit.
Das moderne Ausland.
Vereinigte Staaten von Nordamerika.
Australien.
Italien.
Rußland.
Kollektivunterricht und Individuum.

II. Grundsätzliches
Die Weltgeschichte.
Die Geographie.
Die deutsche Sprache.
Fremdsprachen.
Die Naturwissenschaften.
Die Mathematik.
Turnen.
Kunst.
Interesselose Kinder.
Die künftigen Formen des Aufwachsens der Kinder.
Das Spiel, die natürliche Funktion des Kindes.
Eingriffe der Schule ins Privatleben.
Die Sklaverei des Kindes.
Die Beseitigung der Schule.
Die Finanzierung der Neuordnung.

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