header left   header right
topleftconer.gif toprightconer.gif

Die Beseitigung der Schule.

Die Schaffung der Schule war eine lange Zeit allmählich reifende, nicht leichte Arbeit. Erheblich schwieriger zu beantworten ist die Frage: Wie werden wir die Schule wieder los? Der Staat gibt sie nicht ohne Kampf auf Tod und Leben aus der Hand; das ist klar. Sie ist sein stärkstes, einfachstes und wirksamstes Herrschaftsmittel über daß ganze Volk. Ihm zuzumuten, er könnte etwa auf vielseitiges Verlangen freiwillig auf die Schulherrschaft verzichten, wäre ein so abenteuerlicher Gedanke, als träumte man davon, das faschistische oder bolschewistische Reich könnte, nachdem es sich mühsam die Presse unterworfen und damit die Mentalität seiner Untertanen restlos in die Faust bekommen hat, daran denken, selbst freiwillig die Presse wieder freizugeben und eine unbeeinflußte „Öffentliche Meinung“ entstehen zu lassen. Schule und Presse werden so ungefähr das Letzte sein, was man dereinst mal dem Staat aus der Hand winden muß.

Die Lehrer? Wir haben im Deutschen Reich laut der amtlichen Statistik von 1927 Gymnasiallehrer 9 404, an höheren Mädchenschulen : 3 907 Lehrer, 10 904 Lehrerinnen, an Mittelschulen 6 450 Lehrer, 6 405 Lehrerinnen, an Volksschulen 145 933 Lehrer, 49 013 Lehrerinnen. Das macht — ungerechnet die Lehrkräfte an Fortbildungs-, Fach- und Berufs- und Hochschulen in Summa 232 016 Pauker. Alle diese sitzen fest und sicher auf ihren Kathederthronen, schwingen das Bakel-Zepter und schwellen im Glanz des Klassen-Königtums. Nicht einen großen Zeh weit machen sie Platz, wenn sie nicht gewaltsam entthront werden. Es ist kein bloßer Scherz, wenn ich hier auf königliche Allüren anspiele. Der „Machtfimmel“ spielt eine gewaltige Rolle im psychologischen Kern des Lehrers. Nicht ohne Sinn dichtete der junge Schiller:

„Als Dionys
In Syrakus
Aufhören muß,
Tyrann zu sein,
Da ward er ein
Schulmeisterlein“.

Dionysios II. von Syrakus soll nämlich, nachdem sein maßloser Despotismus ihn um die Volksgunst gebracht und 357 v. Chr. seinen Sturz und Flucht nach Korinth veranlaßt hatte, dort sein Leben durch Errichtung einer Unterrichtsanstalt für Kinder gefristet haben.

Sein Leben lang der Herrscher sein — nicht nur nach Gesetz und Moral, sondern auch faktisch unter jeweils 40-50 Schülern einer Klasse stets derjenige, der allein alles weiß und alles kann, der — wenn auch nur unter Knaben oder Backfischen — immerhin doch von allen Seiten Ehrerbietung und Zuvorkommenheit, auf allen Seiten Zustimmung und Gehorsam findet, — das gebiert schon allmählich eine Herrschaftspsychologie, die jedem Psychotherapeutiker ein wohlbekanntes Phänomen ist.

Also Zehntausende stehen, psychologisch schwer gewaffnet, dem Staate als Hilfstruppe bereit, jeden Moment marschfertig, um sich mit Nägeln und Zähnen zur Wehr zu setzen gegen jeden Angriff auf das Palladium der Schulinstitution, das Piedestal ihres ganzen Nimbus, überdies die ganze Quelle ihrer wirtschaftlichen Existenz.

Die Eltern? Einst, als sie jung waren, hegten sie hier und da vielleicht selber ketzerische Gedanken über die Notwenigkeit der Schule und den Wert des in ihr Gelernten. Diese sind, wenn sie in die Elternrolle geraten, meist längst vergessen unter dem „Segen“ der Schule. Sie nimmt für die ganze Zeit der vormittaglichen Hauswirtschaft das den Eltern wohl liebe, aber auch oft genug herzlich unbequeme, hinderliche Anhängsel der Kinder in sicheren Verschluß bis zum Mittagbrot und nachmittags, wenn die wohltätige Ruhezeit des Mittagschlafes dämmert, schmiedet sie die so gern lärmenden, unaufhörlich fragenden, die Hausgenossen belästigenden Kinder auf zwei, drei Stunden und mehr fest mit dringlichen Schularbeiten für den nächsten Tag.

Die Eltern sind in der Regel durchaus auf des Lehrers und des Staates Seiten, schon aus einem, einfachen, psychologisch stets ignorierten Grund: Weil beide Parteien Erwachsene sind und für die Kindesseele kein Verständnis mehr haben.

So ist es hier, wie bei allen Emanzipationen sich befreiender Klassen in der Weltgeschichte: Die Emanzipation von der Schule muß das Werk der Schüler selbst sein.

Wie kann man diese Emanzipation erwarten?

Nicht durch Gewalt, noch irgendwelchen plötzlichen Akt, geschweige denn von heute auf morgen. Mit Gewalt kann die Schülerschaft gar nichts erreichen. Schon aus dem einen einfachen Grunde nicht, weil sie keineswegs nur schlichten menschlichen Kräften gegenübersteht, sondern viel wirksameren, sachlichen, tückischen Fernwaffen: dem Prüfungs- und Berechtigungs-Wesen. Wir erwähnten schon oben, daß das so viel kritisierte, immer wieder von neuem verworfene und mit unbegreiflicher Zähigkeit immer wieder am Leben gebliebene und sich fröhlich auswachsende System der Prüfungen und Berechtigungen eine weit tiefer gehende Bedeutung habe, als die harmlose Feststellung, ob dieser oder jener Schüler in Religion eine II, in Rechnen aber nur eine IV erreicht habe: Es ist die unterirdische, dem oberflächlichen Blick gar nicht erkennbare, aber im Ernstfall schnell und schmerzhaft fühlbare Verfestigung all der Winkelhaken und Ketten, welche das Schulinstitut „stabilieren, wie einen Rocher de Bronce“. Wer irgendwie nicht ganz ordnungsgemäß und vollständig seine Schule durchlaufen hat, dem fehlen die betreffenden Zeugnisse. Wem Zeugnisse fehlen (vor allem das Abgangszeugnis), der ist von vorneherein suspekt und anrüchig und der bekommt keine Stellung. Und wer keine Stellung bekommen kann, der kann sich in der korrekten europäischen Kultur nur gleich an die Hühner verfüttern lassen, und wenn er ein Genie an Begabung, ein Wunder an Fleiß wäre. Das Können wiegt nichts, das Zeugnis alles. Das Publikum aber schwört auf dieses Papier. Dafür ist es ja lange Schuljahre hindurch zur Genüge verblödet worden, hat als sein Evangelium gelernt, daß ein gewöhnlicher Laie nicht zu beurteilen imstande sei, ob und was ein anderer wisse und könne, daß aber ein amtliches Zeugnis unfehlbar sei und absolute Gewißheit biete. Darum hält das Publikum an diesem einzigen Instrument seiner Sicherheiten krampfhaft fest und dehnt seine Macht immer mehr aus und wird sich empört jedem widersetzen, der diese ihm unersetzlichen Dokumente für spätere Zeiten aus der Hand zu schlagen sich erdreisten will.

So scheint die Schülerschaft von allen Seiten her hilflos eingekreist und den Lehrern in Schule und Leben für alle Zeiten preisgegeben. Ein einziges Mittel ist ihr neuerdings entstanden, das ihr Hilfe verspricht: die Sabotage. Sie wird dereinst das Instrument sein, das der eingekreisten Schülerschaft den Weg ins Freie weist.

Ich will hier nicht etwa den Anschein erwecken, als kitzele mich die Idee Winke und Ratschläge für den ernsten Kampf mit der Schule um ihre Existenz zu geben. Dafür ist es noch längst nicht an der Zeit Unsere heutige Generation erlebt ihn nicht mehr. Und außerdem: Wo ist der erwachsene Philister, der sich darauf verstände, halbwüchsigen Schülern und Schülerinnen Hilfsstellung zu geben, wenn es für sie gilt, unliebsamen, wohl gar unbeliebten oder anmaßlichen Lehrkräften ein Bein zu stellen? Da kommen wir Alten in der Geistesgegenwart, dem harmlos-treuherzigen Blick, der naiven Dreistigkeit und was dazu alles notwendig ist, mit der Jugend doch nicht mehr mit. Aber jeder, der Schulkinder kennt, jeder, der selbst mal eins war und die Zeit noch nicht vergessen hat, weiß zur Genüge, wie hilflos die Schulverwaltung ist, wenn die Schülerschaft erst einmal begriffen hat, daß alles das, womit ihr Herz und Geist hier in spanische Stiefel eingeschnürt wird, ohne jeden ernsten Wert für das praktische Leben ist, daß ihr dies nur suggeriert wird, um ihren Fleiß und Aufmerksamkeit dauernd konzentriert zu halten, daß sie nur lernen muß, ein „tüchtiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft“, d. h. ein gefügiger und bequemer Staatsbürger zu werden. Sobald damit die ganze hohe Ehrfurcht vor Schule, Schulwissen und Lehrern verloren gegangen ist, sobald der gute Wille der Schüler nicht mehr existiert, ist auch die Schule unmöglich geworden und mit allen Strafen und Verordnungen nicht wiederzubringen. Ob die Leib- oder Kopf- oder Zahnschmerzen eines Jungen oder Mädels so schlimm waren, daß sie den Unterricht versäumen mußte, ob er, als er im Ungeschick die Treppe hinunter oder vom Turngerüst fiel, sich so wehtat, daß er heimgehen mußte und dergleichen, können weder Lehrer noch Eltern wirklich beurteilen. Ob es ein übler Zufall ist, daß es bei warmem Wetter in der Klasse so seltsam riecht, wenn man aber die Fenster öffnet, ein höchst störender Radau auf der Straße herrscht, oder ob der Maikäfer, der surrend durch das Zimmer fliegt und nicht zu fangen noch herauszubringen ist, wirklich während der Pause durch das offene Fenster kam; ob die Bank „schon immer“ so schadhaft war, daß sie bei der kleinsten Berührung quietscht; wie und wohin kurz vor den Zensuren das Klassenbuch verschwinden konnte, das alle Unterlagen dazu enthält, usw. usw., das und tausend andere Dinge sind ohne den guten Willen und die wirkliche Selbstanteilnahme der Schüler nicht aufzuklären, ein ungestörter Unterricht ist von der Schülerschaft absolut abhängig und durch keine äußerliche Gewalt zu ersetzen. Sogar einzelne gutgesinnte Schüler vermögen nichts dagegen, wenn in der Klasse in gewissen Fächern bei gewissen Lehrern Stimmung für Passivität und Widerstand gegen den Unterricht herrscht. Also wenn der Schüler erst die Situation begriffen hat und ihm am Erfolg des Unterrichts selbst kein Wert mehr liegt, so ist die Schule geliefert. Sobald der Unterricht dem Schüler nicht mehr wirklich Lebenspflicht ist, sondern nur noch eine höchst lästige, nicht ernst zu nehmende, nur leider nicht einfach zu beseitigende Tretmühle, dann wird der „Gesundheitszustand“ der Schulen sich andauernd verschlechtern, das Niveau des Klassenpensums ständig sinken, das Unterrichten für den Lehrer immer schwieriger und freudloser werden, die Unruhe und Unaufmerksamkeit immer stärker, das Gedächtnis der Schüler immer geringer, die Ablenkung immer leichter und auch die immer abnehmende Schar der paar Streber und Angstmeier die Herrschaft des Lehrers nicht mehr aufrechterhalten können. Dann wird man immer mehr mit der Schülerschaft und ihren Bestrebungen paktieren, sich mit ihr abfinden müssen und allmählich wird das Zwing-Uri der Jugend sein Grauen verlieren.

Nur eins ist dabei noch zu beachten: die lähmende Herrschaftsstellung, die hilflose Unterwürfigkeit der Schüler unter die Doppelherrschaft von Eltern und Lehrern, beruht hauptsächlich darauf, daß der Staat in seinem ausgeklügelten Schulsystem den einzelnen Schüler zu isolieren gewußt hat. Innerhalb der Klasse selbst sind ihm, wie schon gesagt, die Kameraden als unermüdliche Konkurrenten auf den Hals gesetzt worden. Das raffinierte System des Kollektivunterrichts ist geschaffen und ausgebaut zu einer — dem Lernwesen ganz wesensfremden — Anstachelung des Ehrgeizes und der Eitelkeit der Schüler. Diese werden dadurch von dem natürlichen Gegensatz und der Feindschaft der Klasse zum Lehrer abgelenkt und in eine gegenseitige Konkurrenz gebracht. Das alte römische System des „divide et impera“! Es kommt für den Schüler jetzt nicht nur darauf an, daß er sich einen Wissensstoff geistig aneignet, sondern: wie die körperliche Ausbildung durch Sportfimmel und Rekordsystem verdorben wird, so wird unter den Schülern nun auch ein dauerndes gegenseitiges Wettrennen eingerichtet, wie „gut“ oder „schlecht“ der Einzelne sich die geistige Aneignung zur größeren oder geringeren Zufriedenheit des Lehrers geleistet hat. Eine andauernde Zensurierung aller Klassen-„Leistungen“ des Schülers macht ihm das Leben zur Hölle und setzt den einen Schüler dem andern — eben durch seine Leistungen — zum Nebenbuhler und damit indirekten Feind. Jedes Nachlassen im Erfüllen der vom Lehrer gestellten Aufgaben würde sich sofort durch ein Zurückstehen gegenüber den andern, also eigene Benachteiligung charakterisieren und treibt dadurch jeden Schüler an, von selbst und scheinbar „aus eigenem Interesse“ sich nach Möglichkeit anzustrengen. — Immerhin ist diese Seite des Systems etwas durch die natürliche Solidarität der Klasse ausgeglichen. Innerhalb der Gesamtschülerschaft ist die einzelne Schule aber vollkommen isoliert. Eine gegenseitige Verbindung und Unterstützungsmöglichkeit zwischen den verschiedenen Schulen und gar Städten liegt daher ganz außer dem Bereich der Möglichkeit. Dieser Mangel muß wettgemacht werden, und zwar rechtzeitig, ehe es einmal etwa hart auf hart kommt.

Wie bei einer jeden menschlichen Gruppe, so kann auch die Befreiung der Schülerschaft nur ein Werk ihrer selbst sein. Kein außenstehender Mensch kann ihr dabei anders helfen, als höchstens beratend und unterstützend. Nur auf Grund eines umfassenden solidarischen Zusammenschlusses kann sie die Fesseln sprengen, in die sie geschmiedet ist. Ist aber eine solidarische Aktion gesichert, so ist auch deren Erfolg gesichert. Denn nur die ständige freiwillige Unterwerfung der Schülerschaft gewährt ja den sie beherrschenden Gewalten — Lehrerschaft, Elternschaft und Staatsbehörden — die Möglichkeit ihrer Unterdrückung. Mit dem Augenblick, wo die Schülerschaft geschlossen ihre Botmäßigkeit verweigert, fliegt die ganze Schulinstitution rettungslos in die Luft.

Der einzige abschreckende Gedanke ist dabei — natürlich — die Konkurrenz der Streikbrecher. Solange z. B. größere Massen von Schülern abseits stehen und sich nach wie vor der Herrschaft beugen, liegt eine wirksame Drohung darin, daß es heißen wird: Ihr schädigt lediglich euch selbst; wenn ihr euch den gestellten Anforderungen entzieht, so werden eben andere das Rennen machen, die Examina bestehen, die damit gewährten Berechtigungen erringen, euch Renitenten alle guten Stellen im Leben wegnehmen. Ihr werdet früher oder später zu Kreuze kriechen müssen und dann lediglich soundsoviel Zeit verloren haben, ein Jahr oder wie lange die Last des Schulzwanges länger ertragen müssen, überdies das Kainsmal des lächerlich gewordenen Revoluzzers an der Stirn tragen und euch nicht wundern können, wenn ihr fürderhin noch allenthalben zurückgestellt und mißliebig angesehen werdet.

Hält aber umgekehrt die Schülerschaft innerhalb eines Staates — am besten innerhalb des ganzen deutschen Sprachgebietes — einmütig zusammen, so müssen die sie beherrschenden Gewalten innerhalb längstens weniger Wochen oder Monate demütig klein beigeben. Denn die Jugend ist die Zukunft des Volkes und die Gesellschaft braucht unweigerlich einen ständigen ununterbrochenen Nachwuchs nicht nur an Aerzten, Juristen, Beamten, Ingenieuren und was es alles gibt, sondern auch an einfachsten Arbeitern usw. mit guter Volksschulbildung. Sie kann sich unmöglich dem Risiko aussetzen, daß es auch nur ein Jahr lang einmal durch etwa einen durchgeführten Schulstreik an dem normalen Nachwuchs fehlt.

Am einfachsten und leichtesten ist einleuchtenderweise der Druck gerade innerhalb des Proletariates zu erzielen. Denn brauchbare Fabrik- oder Landarbeiter können zumeist auch Personen werden, die sich der Schule oder den letzten Jahren derselben vollständig entzogen haben. Was sie darin an praktischen Kenntnissen und Fertigkeiten lernen, die ihnen berufsmäßig unentbehrlich sind, — etwa ein wenig Rechnen oder dergl. — das könnten sie mit Kußhand privatim irgendwie lernen, in weit kürzerer Zeit, als die Schule dazu braucht. Das meiste, was die Grundschule über Lesen und Schreiben und elementarstes Rechnen hinaus lehrt, (wie etwa Religion, Geschichte und Geographie, deutscher Aufsatz usw.) lehrt sie nur im Interesse des Staates und ist dem Erwachsenen keineswegs sachlich erforderlich. Kein Unternehmer wird einen sonst Gutes leistenden Landarbeiter oder Fabrikarbeiter deswegen nicht einstellen, weil er in diesen Punkten nicht alle Vollkommenheit des Volksschulunterrichts genossen hat; denn der geschäftliche Profit allein ist für ihn das Maßgebende. Dafür sind denn die Funktionäre der sog. „gebildeten“ Stände und Berufe für die Gesellschaft desto dringender nötig, desto unentbehrlicher.

Wie soll nun diese erforderliche Solidarität erreicht und gesichert werden? Zwischen der Schuljugend schon verschiedener Schulen der Großstadt besteht kein enger Zusammenhang, die verschiedener Städte und Dörfer gar steht ohne jede gegenseitige Fühlung da.

Diese zu schaffen ist also das erste und notwendigste Erfordernis. Sie etwa erst zum Zweck der einzuleitenden konkreten Aktion zu schaffen, wäre ein aussichtsloses Beginnen. Denn dazu gehört lange Zeit und außerdem würde der Staat sie in solchem Fall schleunigst und erfolgreich zu verhindern wissen. Es muß also von langer Hand eine feste Verbindung der ganzen deutschen Schülerschaft geschaffen werden, die zunächst nur der allgemeinen Wahrung ihrer gemeinsamen Interessen dient, dann aber — über Jahr und Tag einmal, wenn ein geeigneter Zeitpunkt gekommen ist, — auch eine zuverlässige Grundlage für einen aktiven Vorstoß bietet. Also Gründung eines „Schülerschutzverbandes für die deutschsprachlichen Gebiete“, der — parteipolitisch ganz neutral — Fühlung zwischen allen Schulsklaven herstellt, einen ständigen Gedankenaustausch zwischen ihnen herbeiführt, alles Material über anstößiges Verhalten von Lehrern (bzw. auch Eltern in Schulangelegenheiten) sammelt und veröffentlicht, evtl. in geeigneten Fällen geschehenen groben Unrechts dem Benachteiligten einen genügenden Rückhalt für Abwehr sichert, schwere Uebergriffe anprangert, in schlimmen Fällen auch einmal die Absetzung eines Seelenschädigers in beamteter Stellung erzwingen kann. (Mit der Herausgabe der Zeitschrift „Der Schulkampf“ ist ja etwas ähnliches schon erstrebt. Aber dies ist bewußt parteipolitisch und damit für unsere Zwecke leider nicht mehr in Frage kommend. Denn jede Partei, sei sie dem augenblicklichen Staat noch so feindselig der Richtung nach, ist als Partei schon wieder extrem staatserhaltend. Jede Partei will vor allem wieder den Staat beherrschen, die anderen Volksgenossen unter ihr Joch zwingen.)

Im Anfang wird begreiflicherweise für die Gründer eines solchen Bundes, die Vertreter einzelner Schulen oder Städte, selbst die einfachen Mitglieder, solange die Organisation noch klein ist, eine gewisse Gefahr vorhanden sein. Die Lehrerschaft kennt sehr wohl die Wahrheit des Rates: „Principiis obsta!“ und wird schleunigst alles tun, um dies unbequeme und gefährliche Kindlein im zartesten Alter zu erdrosseln. Hier müßten also Freunde der Schülerschaft eingreifen, die außerhalb der Schulgewalten stehen. Das wird aber keinerlei Schwierigkeiten machen. Es sind ja Präzedenzfälle für derartiges vorhanden. (Beim Wandervogel z. B. war ja aus analogen Gründen seinerzeit die Organisation auch derart vorgenommen, daß der eigentliche formelle Bund sich lediglich aus dem Schulleben bereits entronnenen Personen zusammensetzte). Ein solches Skelett der Organisation könnte sich aus einer verhältmäßig kleinen Anzahl von Personen zusammensetzen. Seine Leitung würde dann die erforderliche Fühlung mit den Vertretern der verschiedenen Einzelschulen, Städte usw. aufrechterhalten, ohne daß diese irgendwie nach außen hervortreten oder bekannt werden müßten, während diese wiederum die Mitgliederschaft ihrer Schule an der Hand hätten, ohne mehr als notwendig über die auswärtige Mitgliedschaft unterrichtet zu sein. Damit wäre allen etwaigen Nachteilen vorgebeugt, welche einzelnen Schülern aus der Beteiligung an der Organisation erwachsen könnten, und für die Schülerschaft selbst dürfte das etwas Geheimnisvolle, welches mit derselben verknüpft wäre, bei den Stimmungen und Neigungen dieses Lebensalters nur die Anziehungskraft und das Interesse erhöhen.

Auf diese Weise könnte auch das literarische Organ des Bundes leicht allenthalben Verbreitung finden.

(Selbstverständlich und kaum der Erwähnung bedürfend ist, daß alles über den direkten Zweck der Organisation Hinausgehende streng aus ihrer Handhabug und Aeußerung verbannt bleiben müßte. Namentlich jede irgendwie einseitige Stellungnahme in religiöser, politischer oder sonstiger Hinsicht müßte ausgeschlossen bleiben. Es wäre erste Pflicht der Leitung, hierauf peinlich zu achten und auch bei der Auswahl von Mitgliedern der offiziellen, nach außen bekannt werdenden Skelettorganisation sowie der Vertreter einzelner Schulen auf diesen Punkt sorgfältig zu achten.)

Hauptaufgabe dieser Organisation wäre es dann, die wesentliche Gefahr zu eliminieren: das Prüfungs- und Berechtigungssystem. Hier hat ja erfreulicherweise nun schon seit langen Jahren aus sehr triftigen sachlichen Gründen die moderne Pädagogik immer lauter ihre Stimmen erhoben.

Hier müßte die zu leistende Arbeit tatkräftig und zielbewußt weiter einsetzen. Und zwar liegen m. E. folgende Aufgaben vor:

1. Den Kindern, kleineren wie größeren, müßte planmäßig der Rücken gestärkt, das Vertrauen zu sich selbst geweckt, die Angst vor anderen — Eltern, Lehrern, sonstigen Erwachsenen — genommen, Schutz verheißen werden, so daß sie die Einsicht gewinnen, daß sie in jeder Hinsicht vollgültige Mitglieder der menschlichen Gesellschaft sind, in die sie ohne ihr Zutun gesetzt wurden, und daß diese moralisch verpflichtet ist, ihnen jede dienliche Hilfsstellung zu geben, um ihnen solche Ausbildung zu gewähren, die ihnen später ermöglicht, auf eigenen Füßen zu stehen, sie auch gegen jede ungebührliche Zumutung zu schützen, vor allem etwaige unberechtigte Forderungen der Schule und des Staates abzuwehren.

2. Den Eltern den Rücken zu stärken, wenn diese vor der angemaßten Macht der Schule und des Staates kleinlaut werden, vor deren Auftrumpfen zu Kreuze kriechen, womöglich aus Bange vor etwaigen eigenen konventionellen Peinlichkeiten oder Vorstellungen selbst dem natürlichen Verhalten ihrer Kinder entgegen arbeiten. Ihnen namentlich zu erkennen lehren, welch ein Humbug in letzter Linie das geistige Schulwissen für die Anforderungen des praktischen Lebens ist, welche Bemühungen allerseits unablässig gemacht werden, um mit dem Schreckgespenst des Berechtigungswesens aufzuräumen und wie aussichtsreich die eigenen Selbstenfaltungen der Kinder zum Ziele führen.

3. Die Lebenspraxis überall sachverständig und sorgsam daraufhin prüfen, welche Art und Weise der geistigen Entfaltung für die Kinder — im Allgemeinen, wie evtl. für bestimmte Lebensgebiete besonders — solche ist, die den Kindern als am besten empfohlen werden kann.

4. Die Menschen der Praxis unablässig darüber aufzuklären, daß sie tatsächlich auch selbst besser fortkommen, wenn sie nicht durch Herrschaftssysteme langer Jahre niedergedrückte, einseitig auf Gehorsam und Untergebenenmentalität gedrillte, sondern frei entwickelte Mitarbeiter bekommen; in diesem Sinne planmäßig Menschen vorbereiten und sammeln, welche bereit sind, ohne ängstliches Schielen nach Vorhandensein und Ausfall von Schulzeugnissen selbst die Augen aufzumachen und zu prüfen, was jeder einzelne Aspirant weiß und kann.

5. Alle Kinder mit einander und mit der Organisation selbst in Verbindung halten, sie von allen Schritten der Organisation unterrichtet und über deren (günstige wie ungünstige) Ergebnisse auf dem Laufenden zu halten, auch in ständigem Gedankenaustausch mit ihnen bleiben.

6. Alle Hände dazu bieten, um die Vermehrung und Ausgestaltung von Kinderheimen zu fördern wo den Kindern ein wirklich freies Aufwachsen nach eigenem Bedürfnis gesichert ist.

7. Gestaltung des Verbandes auf durchaus gesellschaftlicher, vom Einfluß sowohl staatlicher wie sonst irgendwie politischer, religiöser oder sonst einseitiger Richtungen freier Tendenz, unter alleiniger Pflege des Ziels: Wie kann eine einerseits nützliche und hilfreiche andrerseits freie und auf den Insassen selbst ruhende Weise des Lebens und Sichauswachsens gesichert werden? (Hierin liegt von selbst eine pazifistische und übernationale Mentalität.)

8. Unablässige Aufklärung über staatlich-herrschaftliches Wesen der Schule und Förderung auch wissenschaftlicher, historischer, kulturlicher usw. Forschungen über dies neue Thema und Verbreitung dieser Auffassung unter Kindern sowohl wie unter Erwachsenen.

Alle diese Aufgaben bedürfen keiner besonderen Formen oder Vorbereitungen, sondern können allenthalben erfüllt werden, wo das Zusammensein mit anderen Menschen Anlaß dazu bietet.

Seit langen Jahrhunderten, seit der Begriff des Staates existiert, sind in unserer Zivilisation die Kinder, vom ersten Tage ihres Lebens an bis zum Tag der Entlassung aus der Schule und z. T. noch darüber hinaus, planmäßig unterdrückt und eingeschüchtert worden; von den Eltern, den Lehrern, den Erziehern, überhaupt allen Erwachsenen, wenn auch vielfach unbeabsichtigt und unbewußt. So ist das Ergebnis zustande gekommen und aufrechterhalten worden, daß der „Kulturmensch“, d. h. der Staatsbürger ein verschüchtertes Wesen geworden ist, der sich sein eigenes Leben nicht zu leben getraut; ebenso, aber noch weit stärker, wie es bis in unsere Zeit hinein die Frau war, die unter der Last schwerer auf ihr lastender Jahrhunderte der Knechtschaft bis in die neueste Zeit hinein kaum wagte, aufzusehen, sich dem Mann gleichzustellen, ihre eigenen Wünsche und Ansichten ebenso nachdrücklich, wie er zur Geltung zu bringen. Diese Verkümmerung muß erst einmal wieder gut gemacht, rückgängig gemacht werden: Es gilt die Kinder aufsässig und unbotmäßig zu machen, wo und wie es möglich ist. Sie müssen erst einmal wieder sich bewußt werden, daß sie deshalb, weil sie noch jung an Jahren, an Kräften, an Erfahrungen sind, nicht den geringsten Anlaß haben schüchtern zurückzustehen, sich irgendwie geringer an Wert einzuschätzen, als irgend einen Erwachsenen, ebensowenig wie ein rothaariger minderwertiger ist als ein blond- oder schwarz-haariger.

Diese Lehre bedarf keiner besonderen Formen oder Voraussetzungen. Sie kann jeder an das Kindesgemüt heranbringen, der nur überhaupt irgendwo irgendwann Gelegenheit hat, an Kinder heranzukommen. Die Einsicht in die heutige bisherige Kindersklaverei und ihre Unwürdigkeit, das Schlagwort von der Kinder-Emanzipation müssen Gemeinplätze der Anschauung und des Verhaltens werden. Dann werden auch die Menschen der kommenden Generationen wieder aufrechte, selbstsichere, auf sich selbst vertrauende Mitmenschen werden.

* * *

Manche werden sagen: Gott, na ja, es sind ja einige ganz beachtliche Gedanken in dem Buche enthalten; aber daß man die ganze Schule deswegen abschaffen sollte, ist doch eine absurde Idee. Die pädagogische Wissenschaft hat ja immer mehr schon den Wert der individuellen Neigungen, der Selbständigkeit und freien Bewegung des Schülers betont und das wird auch in der Praxis der neueren Schule immer mehr anerkannt. Dabei wird es weiter bleiben und diesen Verlauf der Dinge kann man getrost abwarten.

Vor diesem Optimismus und Quietismus möchte ich zum Schluß noch nachdrücklich warnen:

Die Pädagogik hat schon bei Rousseau u. a. die Freiheit des Kindes und seiner Entfaltung verlangt, aber kein Staat hat daran gedacht, dem nachzugeben. Wenn heutzutage hie und da der Staat die Zügel locker lassen zu wollen scheint, so ist das nichts weniger, als daß er nun sich zu solcher freiheitlichen Auffassung der pädagogischen Entwicklung bekehrt hat, sondern die bislang von ihm angewendeten alten Herrschaftsmittel beginnen zu versagen; er fühlt, daß er dem modernen Menschengeschlecht gegenüber andere — in der Form mildere, dem Individuum weniger fühlbare, aber eben deshalb wirksamere — anwenden muß, um seine Herrschaft ungefährdet zu erhalten. Deshalb nimmt er die Attitüde der freieren Selbständigkeit des Schülers an. Wir können das als eine winzige Abstandszahlung in Kauf nehmen, dürfen aber nie aus dem Auge lassen, daß es eine unwesentliche Scheinkonzession ist, ein kleiner Schritt vorwärts auf dem Weg zu dem noch fernen Ziel, und daß das prinzipielle Ziel der vollständigen Freiheit bis zum Ende verfolgt werden muß. Das fortgesetzte Unterminieren der Festung darf nicht aufhören, bis sie stürzt.

Die Schule

Ein Frevel an der Jugend


von: Walther Borgius

marker Buch kaufen

 

Inhalt:

I. Geschichtliches
Ursprünglich freies Aufwachsen der Kinder.
Der Staat als Wurzel des Gehorsams.
Die Jünglingsweihen.
Anfänge des Schulwesens.
China.
Die Antike.
Die Kirche als Schulherrin.
Die spätmittelalterlichen „Stadtschulen“.
Die Reformation und die Schule.
Streben zur Vereinheitlichung des Volkes.
Staatliche Volksschulen.
Der „Bet-Ernst“.
Der Pietismus.
Die Schuldisziplin.
Die Toleranzidee.
Die Schulen des neueren Frankreichs.
Die Schule des neuen Preußen.
Die Schule als Staatsmonopol. — Die Lehrer als Staatsbeamte.
Das Prüfungs-Unwesen.
Das Berechtigungswesen.
Schule und Revolution von 1789.
Süverns Entwurf eines allgemeinen Schulgesetzes.
Die Reaktion.
Bismarck und der Liberalismus.
Die Schulfinanzen zwischen Zollmisere und Sozialistenangst.
Kampf Kaiser Wilhelms gegen die Sozialdemokratie.
Militärische Vorbereitung der Jugend.
Staatsbürgerliche Erziehung.
Die Fortbildungsschule.
Die Produktionsschule.
Das Ethos der Arbeit.
Die Staatsschule, der Fluch der Kindheit.
Das moderne Ausland.
Vereinigte Staaten von Nordamerika.
Australien.
Italien.
Rußland.
Kollektivunterricht und Individuum.

II. Grundsätzliches
Die Weltgeschichte.
Die Geographie.
Die deutsche Sprache.
Fremdsprachen.
Die Naturwissenschaften.
Die Mathematik.
Turnen.
Kunst.
Interesselose Kinder.
Die künftigen Formen des Aufwachsens der Kinder.
Das Spiel, die natürliche Funktion des Kindes.
Eingriffe der Schule ins Privatleben.
Die Sklaverei des Kindes.
Die Beseitigung der Schule.
Die Finanzierung der Neuordnung.

bottomleftconer.gif bottomrightconer.gif