Der Staat als Wurzel des Gehorsams.
Die zitierten Autoren haben sich natürlich stets die Frage vorgelegt, auf welche Ursachen es zurückzuführen sei, daß die ursprüngliche glückliche Freiheit der Kindheit mit der Entwicklung zu sog. höherer Zivilisation dann einer immer strengeren Regelung und härteren Behandlung Platz mache, — ohne jedoch zu einer befriedigenden Antwort zu kommen.[1] Wandlungen der Familienorganisation können daran nicht schuld sein, wie Barth mit Recht hervorhebt: „Die Formen der Familie sind bei ihnen so mannigfaltig, daß sie nicht die Ursache der bei allen gleichmäßigen Abwesenheit jeder Kinderzucht sein können“ (S. 59)[2] Steinmetz versucht die von ihm behandelten Völker wirtschaftlich zu klassifizieren. Aber die einzige Uebereinstimmung, welche er bei den Völkern mit extremer Freiheit der Kinder findet, ist, daß sie ziemlich alle zu den „unstäten“ Völkern gehören, womit nicht viel gesagt ist. Am nächsten kommt m. E. Bracken der eigentlichen Ursache, wenn er darauf hinweist, daß es noch alles Völker ohne ausgebildete Klassenorganisation seien. Aber ich glaube, man muß das noch etwas präziser ausdrücken: Es handelt sich durchweg um Völkerschaften mit völlig herrschaftsloser Organisation, Völker, bei denen überhaupt noch kein Befehlen und Gehorchen vorkommt, sondern die persönliche Freiheit des Individuums nur allenfalls durch die unverbindlichen Ansichten und Ratschläge eines harmlosen, lediglich durch moralisches Ansehen wirkenden Rates der Aeltesten in seiner Handlungsweise beeinflußt wird.
Barth hat Recht, wenn er (S. 70) sagt, es sei „vor allem der Krieg, der ...
den Erwachsenen Unterordnung des Willens üben und schließlich auch von seinen Kindern fordern lehrt . . . Für den Anfang des Krieges beweist Steinmetz, für die Dauer desselben vermutet er, daß der Gehorsam durch Strafen erzwungen wird. Wer aber Gehorsam leistet, wird auch Gehorsam fordern. So ist der Krieg die Schule für die Erziehung der Erzieher. Auch ist wohl kein Zufall, daß im Lateinischen modestia sowohl die militärische Manneszucht als die allgemeine Tugend der Bescheidenheit bedeutet.“[3]
Hier kommt Barth, scheint mir, an die ausschlaggebende psychologische Stelle heran; aber er drückt noch nicht den auslösenden Hebel: Zweifellos liegt im Kriegszug der Keim nicht nur des Gehorsams, sondern überhaupt jeder Unterordnung und jeder Herrschaft. Aber der Kriegszug ist etwas Vorübergehendes, gerade auf den untersten Stufen der Menschheit, und macht stets wieder dem allgemeinen und normalen Zustand der Freiheit des Einzelnen Platz. Doch aus dem Kriege erwächst die Häuptlingschaft, die Herrschaftsorganisation als Dauerzustand, der Staat. Und hier liegt der Hund begraben: Denn sobald ein Herrscher als ständige Kulturerscheinung existiert, hat er (und seine Schergen) auch das vitalste Interesse daran, daß die Mentalität des Gehorsams, der Unterordnung, der Anpassung des Lebens an die Anordnungen von „oben“, nun auch „stabilisiert werde, wie ein rocher de bronce“, und daß deshalb den nunmehrigen „Untertanen“ das Bewußtsein der Autorität und des Folgenmüssens von Kindesbeinen an in Fleisch und Blut übergehe. Die Entstehung des Staates ist es daher, welche nun, — in dem Grade, wie er sich festigt und einlebt, — nicht nur bei den Erwachsenen die äußerliche Regelung des Lebens durch Formen, Normen und Strafen mit sich bringt, sondern auch ein Spiegelbild davon schon dem Kinderleben in Form der „Erziehungsgewalt“, der Unterordnung der Kinder unter die Spitzen der Familie schafft. So sehen wir denn, daß überall, wo sich eine Staatsorganisation durchsetzt, alsbald auch ein Abbild derselben in der Sippe gestaltet, die Sippe zu einer Herrschaftsorganisation wird.
„Bei Homer schon wird nicht bloß Ungehorsam gegen die Aelteren verpönt, sondern auch positive Verehrung verlangt . . . Und die scheue Ehrfurcht, die der Jüngling vor dem alten Mann haben soll, wird mit demselben Wort αἰδώϛ wie die Ehrfurcht vor den Göttern bezeichnet. Gegen die Mutter ist die Ehrerbietung geringer als gegen den Vater, da die Frauen überhaupt . . . . eine dienende Stellung haben“. (Der Krieg und die Entstehung des Staates ist es auch, welcher das ursprüngliche Matriarchat beseitigt und den Mann zur Herrschaft innerhalb der Gesellschaft bringt!)
Sobald nun der Staat eine einigermaßen höhere Ausgestaltung erfährt, beginnt er alsbald auch, nicht nur die kriegerische Organisation der erwachsenen Männer zu pflegen, sondern bei den Kindern schon die nötigen Grundlagen dafür zu legen. Es ist ein äußerst charakteristisches Zeichen für den rein politischen Charakter, den die Einführung geregelter Jugenderziehung hatte, daß allenthalben sie sich lediglich auf das männliche Geschlecht beschränkt (denn die Frauen waren ja für alle staatlichen Dinge sozusagen nichtexistent), und daß sie in den älteren Zeiten stets nur die oberen Stände umfaßt, welche allein als Krieger und aktive Staatsbürger in Betracht kamen. Nicht irgend welche liebevolle Fürsorge für das geistige oder körperliche Wohl des Volkes war es, was den Staat veranlaßte, für Erziehung und Unterricht Sorge zu tragen, sondern ausschließlich das Bestreben, die Herrschaft nach innen und außen sicherzustellen.
[1] Der dem Laien naheliegende Einwand, auf unterster Kulturstufe sei eben für die Kinder noch nichts wesentliches zu lernen, wäre ganz irrig und wird auch von keinem soziologischen Fachmann gemacht.
[2] Abgesehen davon, daß eine allenthalben gleiche und einheitliche Entwicklung der Familienformen sich bislang ebenso wenig feststellen läßt, wie sie mein dereinstiger Lehrer Ernst Grosse zu konstruieren sich in seinem sonst so trefflichen Werke „Die Formen der Familie und die Formen der Wirtschaft“ (Freiburg, 1896) aufzuspüren bemüht.
[3] „Die Jägervölker aber führen nur sehr wenig Krieg .... Und wenn sie angegriffen werden, so können sie ihr Teritorium leicht räumen ... Wo er (der Krieg) fehlt, haben die Alten ..... keinen Grund, den Willen ihrer Kinder in Zucht zu halten“ (S.59).
