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Das Ethos der Arbeit.

Um schließlich jedem Aufkommen rebellischer Anschauungen und Neigungen zuvorzukommen, predigt die Produktionsschule so den „Gedanken der Erdgebundenheit des Geistigen und das große Evangelium vom Ethos der Arbeit. Auch die ökonomische Produktion wird heute vielfach von einem religiösen Andachtsgefühl umfaßt“ (Spranger „Die drei Motive der Schulreform“, S. 132). Zur Rechtfertigung wird das Axiom gelehrt, die Produktionsschule entspräche am besten dem Wesen des Kindes, das von selbst nach praktischer Betätigung verlange. Hier vollzieht die sozialistische Pädagogik äußerst geschickt eine raffinierte und unbemerkte Vertauschung der Begriffe mit Hilfe der Unzulänglichkeiten unserer sprachlichen Ausdrucksweise: Allerdings hat das Kind (und nicht nur das Kind, sondern mehr oder weniger auch jeder Erwachsene) einen ständigen Drang nach praktischer Betätigung, aber lediglich als Ausdruck seines immanenten Schaffenstriebes. Das Wort Arbeit wird für zwei toto coelo verschiedene Begriffe gebraucht:

1. Ausübung dieses inneren Dranges zur Erzeugung des innerlich geschauten Werkes. Diese „Arbeit“ vollzieht schon das kleine Kind, wenn es aus Sand Kuchen bäckt oder Burgen baut, einen Klotz in einen Lappen wickelt und als Puppe pflegt. Dieselbe „Arbeit“ leistet die Mutter, wenn sie ihr lebendiges Kind pflegt, der Hausbesitzer, der seinen Garten hegt, der Wanderer, der einen Berg erklimmt, der Sportler, der einen Rekord schlägt. In noch höherem Maße dann der Erfinder und Entdecker, der Forscher und Künstler, der Schriftsteller und der Propagandist eigener Ideen (gleichviel wie hoch die Qualität seiner Werke, der Wert seiner Ideen sein mag).

2. Etwas hiervon in der Art und der seelischen Wirkung absolut verschiedenes ist die „Arbeit“, welche jemand zur Erzeugung irgendwelcher Nutzwerte im Auftrag und nach Anweisung eines andern ohne eigenen Antrieb dazu ausführt, um dafür eine materielle Vergütung zu erhalten.

(Das braucht keineswegs nur die Arbeit des Fabrikarbeiters oder Landarbeiters zu sein. Hierher gehört auch die Tätigkeit des Angestellten in jedem Beruf, auch die des reichen Generaldirektors, auch die des durchschnittlichen Rechtsanwaltes oder Arztes, Redakteurs oder Schullehrers. Aber diese letzteren sind in mehr oder minder großem Ausmaße schon Mischformen, wie alle Tätigkeiten, wo jemand eine grundsätzlich seinen eigenen Neigungen dienende Arbeitsweise in den Dienst anderer Auftraggeber stellt zur Erzielung von Bezahlung als wesentlichem Zweck und demgemäß auch im wesentlichen auf ihre Nutzbarkeit für den oder die Auftraggeber zuschneidet, wie vielfach auch Künstler, Schriftsteller usw., oder etwa Landwirte, Handwerker usw.)

Das eigentliche Ziel der zweiten Gattung von „Arbeit“ ist Beschaffung und Genuß von möglichst reichlichen materiellen Gütern, das der ersten Gattung: einer möglichst dem geschauten Ideal nahekommenden Realisierung des erstrebten Werkes und dem Ausgleich der damit verbundenen seelischen Spannung, völlig fernsteht.

Das erstrebenswerte Ziel der menschlichen Kulturentwicklung wäre, daß die Arbeit eines jeden Menschen ganz beschränkt bleibt auf die aus eigenem inneren Bedürfnis entspringende schöpferische Werktätigkeit, während seine wirtschaftliche Existenz — sei es auch nur auf bescheidener Stufe — ihm unabhängig von seiner „Arbeit“ gesichert ist, — also etwas, das in dem alten Leitsatz des Kommunismus: „Jeder nach seinen Fähigkeiten und jedem nach seinen Bedürfnissen“ ausgedrückt ist. Ob dieses Ziel einmal erreicht werden kann, setzt wohl einerseits hohe Entwicklung der Technik, andererseits eine außerordentliche Verringerung der an den Rohstoffen der Erde zehrenden Menschenmassen voraus. (Bisher ist der kulturelle Wert noch jedes erzielten technischen Fortschrittes dadurch vernichtet worden, daß er stets nur zu einer immer gewaltigeren Vermehrung des menschlichen Ungeziefers und einer (von den Interessen des Kapitalismus herbeigeführten) immer stärkeren Aufreizung des Verlangens nach Besitz und Verbrauch materieller Güter mißbraucht wurde, und demgemäß jede technische Möglichkeit eines Abbaus von Arbeit tatsächlich durch ständige Steigerung der Arbeitsnotwendigkeit wettgemacht wurde.)

Dem kulturellen Ideal kommt ohne Zweifel der seinem „Kejf“ (deutsch: Behaglichkeit, Wohlbefinden, d. h. genußreiche Ruhe) huldigende Türke und der seine „Siesta“ haltende neapolitanische Lazzaroni, der alte Germane auf seiner Bärenhaut und der indische Yogi, Diogenes in seiner Tonne und der mittelalterliche Mönch in seiner Zelle näher, als der ewig hastende moderne Europäer und Amerikaner, für den selbst der sogenannte Genuß zu einer Anstrengung und Abspannung wird. Diese materielle Arbeit im Dienste des materiellen Genusses und im Auftrag der Gesamtheit als kulturelles Ideal von klein auf in Fleisch und Blut übergehen zu lassen, als einen Wert an sich hochschätzen zu lehren, als natürliche moralische Menschenpflicht einzuprägen, statt sie als ein nur heute leider noch nicht entbehrliches, weil noch nicht ganz auf Maschinen überzuleitendes notwendiges Uebel erdulden zu lehren, ist etwas durchaus Verwerfliches, aber für den sozialistischen Staat allerdings zur Sicherung seiner inneren Macht Erstrebenswertes. Wie gering die „Arbeit“ im Bewußtsein gewürdigt wird; trotz aller schönen Redensarten, die über sie gemacht werden, sieht man daraus, daß alle Feiertage und Feste durch nichts Besseres gefeiert werden können, als durch volle Arbeitsruhe. Das Wort „Feierabend“ zeigt, daß „feiern“ (ahd. „fêra“, aus lat. feria, sprachlich gleichbedeutend ist mit Arbeitsruhe.

Schließlich und letztens aber soll mit dieser Fundamentierung des Unterrichts und der ganzen Erziehung auf der Arbeitsgemeinschaft auch die wirtschaftliche Existenz des Schulwesens gesichert werden: Wirtschaftliche Arbeit — sei es in Fabrik und Handwerkstätte, sei es in Feld und Garten — ist ein wirtschaftliche Werte schaffender Faktor. Sie dient daher keineswegs nur den pädagogischen Zielen der Schüler, sondern gleichzeitig durch ihre produktiven Ergebnisse, bei zielbewußter Leitung dem Besten der Gesamtheit. Dieser Gesichtspunkt ist gerade für den neuen sozialistischen Staat sehr praktisch, der allenthalben unter starkem Mangel an Geldmitteln leiden wird und andererseits doch das Bestreben hat, sein Schulwesen gegen das im bürgerlichen Staate gewaltig zu heben und auszudehnen, speziell das allgemeine Volksschulwesen. Er muß direkt nach einer Schulform Ausschau halten, welche ihre Kosten in sich selbst deckt und da kommt ihm die Idee der Produktionsschule wie gerufen. Da kann man bei aller aufrichtigen Bekämpfung der Kinderarbeit die Kinder doch prächtig zur Mitwirkung an der gesellschaftlichen Oekonomik heranziehen. Ja, in dem Grade, wie die Kinder an den Lehrstoff selbst herankommen, wird der hochbezahlte alte Schulmeister überflüssig, kann mindestens durch eine weit geringere Anzahl von sachverständigen Personen, die Aufsicht führen, Auskunft erteilen und Anregungen geben, ersetzt werden (wie in der einschlägigen Literatur auch ausdrücklich hervorgehoben wird). Das wesentliche Ziel ist ja, beim Kinde „den Trieb zur Arbeit“ zu erziehen (S. Natorp, S. 221 f., 226, 274 u. a.). Schon die Familie soll vor der Schulpflicht beim Kleinkind in diesem Sinne wirken; der Fröbelsche Kindergarten war nur ein schwaches Surrogat (ebenda S. 507). Denn es soll als Erwachsener vorallem einstmals ein guter Staatsarbeiter sein.

Dem heutzutage beliebten übermäßigen Preisen der Arbeit gegenüber ist es nützlich daran zu erinnern, daß alle Philosophie, alle Religion, alle Kunst, alle Wissenschaft, kurz alle geistige Kultur des Menschen ans der Muße, ja aus der Langeweile entstanden ist. Denn diese allein ist es, die, nach Verbrauch aller anderen üblichen Zerstreuung- und Unterhaltungsmittel, wie Spiel, Geselligkeit, Erotik, Körperpflege, Wettkampf usw. den Menschen zum Nachdenken über sich und das Leben bringt und damit die Grundlage aller geistigen Betätigung schafft. Mir ist das zum ersten Male aufgegangen, als ich als Einjährig-Freiwilliger einmal mit drei Tagen Mittelarrest bestraft wurde: Nachdem das wechselnde Schlafen und Onanieren, mit dem üblicherweise etwa das erste Dutzend Stunden verbracht wird, körperlich nicht mehr anging, stellte sich von selbst ein geistiger Zeitvertreib ein, wie er nur durch solche erzwungene Untätigkeit mit Einsamkeit verbunden entstehen kann: Erst Ergötzung an Erinnerungen, Tagträumen, Ausmalen von Zukunftsmöglichkeiten, Schmieden von allerlei Plänen. Dann Versemachen; schließlich Auftauchen von allerlei Fragen und Problemen, auf die ich bei sonstiger gewöhnlicher Inanspruchnahme niemals gekommen wäre. Im Gegenteil dazu hatte ich beobachtet, daß die dauernde starke Beschäftigung mit körperlicher Betätigung beim Militärdienst nicht, wie ich anfangs erwartet hatte, mich in meinen dienstfreien Stunden zu desto stärkerer Befassung mit Büchern usw. veranlaßte, sondern umgekehrt mir auch für solche die Spannkraft und das geistige Interesse raubte, so daß ich, der ich an sich geistig sehr rege war, kaum mehr die Zeitung und bestenfalls gelegentlich einmal einen ganz oberflächlichen Schmöker aufnehmen konnte.

Vielleicht wird man gegen die von mir propagierte Abschaffung der Schule einwenden: Die Kinder werden selbst nach der Schule verlangen, werden gar nicht wissen, was sie ohne Schule anfangen sollen, werden sich ohne Schule sterblich langweilen. — Nun den Eintritt dieser Katastrophe könnte man getrost einmal abwarten. Ich habe noch kein Kind gesehen, auch nicht in der besten Schule und nach den längsten Ferien, das deren Ende und den Wiederbeginn des Unterrichts nicht mit Bedauern begrüßt hätte. Dieser Einwand verwechselt auch zwei ganz verschiedene Dinge: Die Unterrichts-Organisation mit dem Gemeinschaftsleben der Kinder, wie es ja auch die heutige Schule in bescheidenem Maße mit sich bringt. Das Gemeinschaftsleben der Kinder soll ja aber die künftige Organisation des Kinderlebens ohnehin bringen! — (Außerdem ist die „Langeweile“ durchaus kein Uebel an sich, wie merkwürdigerweise Schopenhauer es darstellt, um seine Grundauffassung durchführen zu können. Im Gegenteil: Langeweile, wenngleich subjektiv unangenehm, fördert Grübeln, Nachdenken, Beobachtung, mit einem Worte: ist die Quelle alles Innenlebens und zu seiner Ausgestaltung unerläßlich.

„Aber die Kinder haben keine Neigung für Innenleben und geistige Entwicklung. Sie würden, wenn sie sich langweilen, einfach allerlei groben Unfug anstellen, insonderheit onanieren und schlimmeres.“ Hierauf ist zu sagen: Onanieren tun die Kinder heute (wenigstens 90 Prozent). Und schuld daran ist nicht die Langeweile, sondern wir, die Erwachsenen: Wir ernähren die Kinder wie Zuchtstiere, wir fesseln sie wie Kettenhunde, wir erregen durch sexuelle Absperrung und Verschleierung ihre Geschlechtsneugier aufs Höchstmaß und heucheln dann verlogene Verwunderung und Entrüstung über den dann unvermeidlich entstehenden Haremsdunst.

Warum versagen wir ihnen jeden legitimen Geschlechtsgenuß auf Jahre hinaus? Warum tun wir dies? Um sie sexuell zu lenken und zu leiten. Blödsinn! Wer belehrt denn die jungen Spatzen oder Regenwürmer, wann sie sich fortpflanzen dürfen? Das tut der eigene Körper gründlich und unzweideutig: durch auftretende Triebe und durch biologische Anzeichen: Bart und Brüste, Stimmwechsel, Pollutionen und Menstruationen.

Die Langeweile, die Schopenhauer als die große Geißel der Menschheit, sobald die Wunschbefriedigung erreicht ist, hinstellt, ist erstens durchaus keine Plage, sondern — wie der Kejf des Türken, die Siesta, das dolce far niente des Lazzaroni dartut — zumeist ein durchaus wohliger Zustand, zweitens aber nur ein kurzes Durchgangsstadium für das Erwachen freien Geisteslebens, aus dem der Mensch dann alsbald neuen, höheren Genuß zieht. Es wäre ganz ernstlich zu erwägen, ob man nicht — ähnlich, wie früher kirchlicherseits zeitweiliges Fasten vorgeschrieben war, so auch allenthalben ein zeitweiliges, (mindestens freiwilliges) Einschieben eines Zustandes von 1-3 Tagen völliger Untätigkeit und Einsamkeit in einer jede Ablenkung ausschließenden Umgebung als geistig-seelische Fastenkur empfehlen sollte, um auf diese Weise das unentwickelte oder erschlaffte Innenleben des Menschen anzustacheln. Es würde wahrscheinlich durch eine jede derartige Konzentrationsperiode aufblühen, wie die Pflanzenwelt nach längeren trockenen Frühlingswochen im Mai durch das erste Lenzgewitter und seinen Regenschauer. Man kann vielfach beobachten, daß auch schon einmalige durch leichte Erkrankung erzwungene Bettlägerigkeit ähnlich günstige Entwicklung der Persönlichkeit zeitigt, zuweilen selbst bei Kindern, für die diese Kur an sich weniger in Betracht kommt. Die kulturgeschichtliche Erscheinung, daß geistige Kultur stets und überall zuerst in den herrschenden „höheren Schichten“ der Gesellschaft entstanden ist, erklärt sich also, ahne daß man auf eine ursprüngliche rassische Ueberlegenheit der sie repräsentierenden Schicht zu schließen nötig hätte, schon einfach daraus, daß allein sie auf Grund einer zunächst sehr egoistisch und materiell verursachten wirtschaftlichen Ausbeutung der unterworfenen Schichten allein über das Maß von obligatorischer Langeweile verfügten — da in diesen Entwicklungsstadien Arbeit eben schändet und die als standesgemäß allein zulässige Jagd und Kriegführung schließlich nicht ausreicht —, das dann wenigstens bei einem gewissen Bruchteil ihrer Angehörigen zur Knospung seelisch-geistiger Ansätze führt.

Ganz dieselbe Erfahrung habe ich stets im Sommerurlaub gemacht: Wenn ich den neuen Aufenthaltsort und alle seine Reize genügend kennengelernt hatte und an den Mitgästen, wie gewöhnlich, keinen zum Verkehr mit ihm reizenden Daseinskollegen, so begann, wenn ich erst so weit war, daß ich die ganzen Vor- und Nachmittage nur noch ausgestreckt im stillen Wald oder — besser noch — einsam in den Dünen hingestreckt verbrachte, — sich allmählich das im gewöhnlichen Alltagsleben gänzlich erstickte Innnenleben zu regen und ungeahnte Blüten zu entfalten. Darum ging ich auch mit Vorliebe in einsame kleine Nordseebäder, am liebsten nach Dänemark, wo die Sprachverschiedenheit einen lebhafteren Verkehr mit den anderen Gästen erschwerte und mir die Belanglosigkeit ihrer Spatzenhirnchen gnädig verhüllte.

Die Galeere des tagfüllenden Stundenplans, des jahrfüllenden Klassenpensums ist nicht etwa nur ein notwendiges Uebel, eine durch die leidigen Ansprüche des Lebens erzwungene Unerläßlichkeit, sondern ein raffiniert erdachtes Mittel zur Erschöpfung der Spannkraft des Kindes, zur Erdrosselung seiner freien Zeit. Das Kind soll von klein auf erkennen lernen: Das Leben ist nur zur Arbeit da. Der Mensch, jeder Mensch, erhebt sich nicht dann, wenn er von genügendem Schlaf ausreichend erquickt ist, und nicht zu frohem neuem Tag und fröhlichem Leben, sondern zu vorgeschriebener Stunde, um nach schnellem kurzen Frühstück eilig „uff Arbeit“ zu gehen, an fremde Arbeitsstätte, zu einer nicht aus seinem eigenen Antrieb ihm erwachsenen, sondern von fremden Fronvögten ihm auferlegten, von vorgesetzten Aufsehern beobachteten und kontrollierten, von strafgewaltigen Arbeitgebern
vorgeschriebenen freudlosen, keinem ihn interessierenden Zwecke dienenden, von Befehlshabern überwachten Zwangsarbeit. Und so geht es Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr, unabsehbare Zeiten, bis die Kindheit dahin, die Spannkraft der Jugend erschöpft und Du rettungslos ein — „nützliches Mitglied der Gesellschaft“ geworden bist und alsdann dazu gezwungen bist, ebenso im praktischen Leben Deine freud-
lose befohlene Arbeit weiter abzuleisten, — Deinen Vorgesetzten, Deinen Arbeitgebern oder Deinem Amt, Deiner Firma, in deren Dienste Du frondest. Such is life! Cosi fan tutte! Grübele nicht unnötig! — es hilft Dir ja nichts —, ob nicht vielleicht einmal schönere Zeiten kommen, ob nicht vielleicht der alte Germane auf seiner Bärenhaut, der Türke bei seinem Kejf, der Lazzaroni bei seinem „dolce far niente“, der Beduine in der Oase der Wüste unter seinem Dattelbaum, der ihm zugleich Schatten und Nahrung spendet, trotz aller ihrer „Unzivilisiertheit“ glücklicher sind, als wir zivilisierten Mitteleuropäer. Denke nicht darüber nach, ob Du nicht vielleicht bei heroischer Sparsamkeit und Anspruchslosigkeit, bei diogenischem „simple life“ auch Muße und Freiheit erringen könntest und als — wenigstens in den Sommermonaten — froher freier Landstreicher durch die Welt ziehen könntest, wozu die — ach so kümmerlichen — Kosthäppchen dereinst im „Wandervogel“ Dir solche Lust gemacht haben:

. . . . . . . . . . .

„Wir ziehen durch die Velde,

Der Regen ficht uns nicht an,

. . . . . . . . . . .

Und das Wasser aus dem Bronnen

Trinkt der Landsknecht, wenn er will.“

. . . . . . . . . . .

Nein, Freiheit und Mufie sind Phänomene außerhalb unserer europäischen Zivilisation. Hier muß jeder Mensch schuften, schuften, schuften. Und das lernst Du von klein auf, daß es Dir von klein auf ganz in Fleisch und Blut übergeht und Du gar nicht dazu kommst, darüber nachzudenken, ob es denn wirklich unerläßlich ist, daß auch Du, das Kind, schon zur Maschine des Schuftens werden mußt. Die Erwachsenen müssen schuften. Darum heißt das einfache Gesetz des Ressentiments, daß auch das Kind schuften muß von morgens bis abends und von klein an bis zur Reife.

Der „wirtschaftlichen“ Ausbeutung der Kinder durch die „liebevollen“ Eltern hat der Staat zwar ein Ende gemacht. (Nicht etwa aus Güte und Mitleid! Bewahre! Aus triftigem politischem Eigeninteresse: Die
Rekrutierungsergebnisse wurden zu ungünstig!) Die Möglichkeiten eines „arbeitslosen Einkommens“ andrerseits wurde unter dem rauhen Tritt der Arbeiterbataillone immer mehr eingeschränkt. So wurde es immer mehr allgemeine Parole: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! Und da sollten die Kinder eine Ausnahme machen und ein
fideles Leben leben? Das schlug denn doch dem „Gerechtigkeitssinn des Volkes“ (lies: Ressentiment der Erwachsenen) zu schroff ins
Gesicht! Durften die Kinder nicht mehr für das eigene Portemonnaie der Eltern arbeiten, so sollten sie wenigstens dafür arbeiten, daß sie es dereinst desto erfolgreicher für später Erwerbsarbeit tun könnten! Dem Staat kam aber diese Volksstimmung sehr zu Paß: Menschen, die eine richtige glückliche freie Kindheit genossen hatten, würden später ohnehin widerhaarige Untertanen werden. Also her mit der Klinke der Gesetzgebung! Und schon steht heute die „allgemeine Schulpflicht“ fest wie ein Fels im Meer!

Die Schule

Ein Frevel an der Jugend


von: Walther Borgius

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Inhalt:

I. Geschichtliches
Ursprünglich freies Aufwachsen der Kinder.
Der Staat als Wurzel des Gehorsams.
Die Jünglingsweihen.
Anfänge des Schulwesens.
China.
Die Antike.
Die Kirche als Schulherrin.
Die spätmittelalterlichen „Stadtschulen“.
Die Reformation und die Schule.
Streben zur Vereinheitlichung des Volkes.
Staatliche Volksschulen.
Der „Bet-Ernst“.
Der Pietismus.
Die Schuldisziplin.
Die Toleranzidee.
Die Schulen des neueren Frankreichs.
Die Schule des neuen Preußen.
Die Schule als Staatsmonopol. — Die Lehrer als Staatsbeamte.
Das Prüfungs-Unwesen.
Das Berechtigungswesen.
Schule und Revolution von 1789.
Süverns Entwurf eines allgemeinen Schulgesetzes.
Die Reaktion.
Bismarck und der Liberalismus.
Die Schulfinanzen zwischen Zollmisere und Sozialistenangst.
Kampf Kaiser Wilhelms gegen die Sozialdemokratie.
Militärische Vorbereitung der Jugend.
Staatsbürgerliche Erziehung.
Die Fortbildungsschule.
Die Produktionsschule.
Das Ethos der Arbeit.
Die Staatsschule, der Fluch der Kindheit.
Das moderne Ausland.
Vereinigte Staaten von Nordamerika.
Australien.
Italien.
Rußland.
Kollektivunterricht und Individuum.

II. Grundsätzliches
Die Weltgeschichte.
Die Geographie.
Die deutsche Sprache.
Fremdsprachen.
Die Naturwissenschaften.
Die Mathematik.
Turnen.
Kunst.
Interesselose Kinder.
Die künftigen Formen des Aufwachsens der Kinder.
Das Spiel, die natürliche Funktion des Kindes.
Eingriffe der Schule ins Privatleben.
Die Sklaverei des Kindes.
Die Beseitigung der Schule.
Die Finanzierung der Neuordnung.

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