Australien.
Einen durchaus gleichartigen Eindruck macht der sehr interessante Bericht, den der bekannte Forschungsreisende Colin Roß über das australische Schulwesen als Sonderberichterstatter der „Berliner Morgenpost“ (Nr. 17 vom 19. Januar 1930) erstattet, und der einen ausgezeichneten Einblick in das Wesen der australischen Erziehung und in die damit erzielte Denk- und Empfindungswelt der australischen Kinder darstellt:
„Was die vierzehnjährige Renate zunächst stark beeindruckte, war, daß sie nicht nur ihren Kameradinnen und Lehrerinnen vorgestellt wurde, sondern diese auch ihr — auch die Lehrerinnen. Noch verblüffender war, daß sie am zweiten Tage durch ein Mädchen aus dem Unterricht gerufen wurde mit der Mitteilung, daß ihr „Cap‘tain“ sie zu sehen wünsche.
Der „Cap‘tain“ war eine Siebzehnjährige, die Renate sehr würdevoll empfing und ihr mitteilte, daß ihr die Ehre zuteil geworden wäre, ins „Prestonhouse“ aufgenommen zu werden, dem sie als Kapitän vorstünde.
Die Geschichte mit den Häusern ist ein raffiniertes Mittel, die ganze Last der Erziehung und Disziplin von den Lehrern auf die Schüler selbst abzuwälzen. Jede Schule ist zu diesem Zweck in eine Anzahl „Häuser“ eingeteilt. Ein „Haus“ stellt im Gegensatz zur Klasse keine horizontale Gliederung der Schule dar, sondern eine vertikale, d. h. es enthält Kinder aller Klassen. Ihm steht ein Schüler der ersten Klasse als „Cap‘tain“ vor, der von Schülern und Lehrern gemeinsam (!) gewählt wird.
Die Aufgabe des „Cap‘tain“ ist in erster Linie, die sportliche Erziehung seines Hauses zu leiten und es für die Wettkämpfe zu trainieren. Darüber hinaus aber ist er für den ganzen Geist seines Hauses und auch für dessen wissenschaftliche Leistungen verantwortlich.
Dazu hat er weitgehende Strafgewalt! Ein Schüler, der einen Ordnungsstrich bekommen hat, wird nicht etwa vor den Direktor, sondern vor den „Cap‘tain“ zitiert, der ihm eine empfindliche Strafarbeit zudiktieren kann. Darüber hinaus aber wird jeder Ordnungsstrich, jeder Tadel, die der einzelne erhält, dem ganzen Hause angekreidet und es damit belastet!
Diese Minuspunkte werden auch bei den sportlichen Wettkämpfen angerechnet. Und schlechtes Betragen einzelner Hausangehöriger und schlechte Schulleistungen können Gewinn oder Verlust in den Sportspielen beeinflussen. Das Abschneiden der einzelnen Häuser in den Wettkämpfen aber ist das Thema, das das ganze Denken der Schulkinder beherrscht!
Nicht nur der „Cap‘tain“, sondern das ganze Haus ist somit an Wohlverhalten und Leistungen jedes seiner Mitglieder interessiert. Andererseits kommen gute Noten des einzelnen gleichfalls dem ganzen Hause zugute. Und der Druck, den die Gesamtheit der Kameraden auf ein räudiges Schaf ausüben kann, ist viel stärker als alle Strafmittel der Schule!
Die furchtbare Drohung, über die der „Cap‘tain“ verfügt, ist der Ausschluß aus dem Hause. Dieser Ausschluß und der damit verbundene Verlust des Haus-Abzeichens ist ungefähr soviel, wie die Degradierung zum Soldaten zweiter Klasse! „So ein Kind kann sich gleich erhängen!“ meinte Renate, als ich mit ihr über diesen Punkt sprach. Wie groß übrigens die Suggestion ist, die so ein „Haus“ ausstrahlt, ersah ich aus dem glühenden Stolz, mit dem Renate sich nach bestandener Probezeit das „Preston-Abzeichen“ an der Schulkleidung befestigte. Sie war entschieden stolzer darauf, als ich auf alle meine Kriegsdekorationen.
Diese Schulkleidung ist ein weiterer Punkt, den Korpsgeist einer Schule zu stärken. Bei Mädchen besteht sie aus einer blauen Tunika, die über einer weißen Bluse getragen wird. Auch Schuhe und Strümpfe sind in Form und Farbe genau vorgeschrieben, und es ist beispielsweise streng verboten, Seidenstrümpfe zu tragen. Das eine Gute hat diese gleiche, einfache Schulkleidling jedenfalls, daß sie jede Toilettenrivalität und ein Abstechen der ärmeren Kinder von den reichen verhindert. Ein Punkt, der sicher mit dazu beiträgt, das die ganze australische Gesellschaft beherrschende allgemeine Gleichheitsgefühl (Züchtung des Schablonenmenschen! D. Vf.) zu festigen und zu sichern.
Was Renate auffiel, war, daß Einsagen und Abschreiben als durchaus unfair gilt, und überhaupt das ganze Verhältnis von Schüler zu Lehrer viel mehr auf gegenseitiger Fairheit beruht als bei uns. (aha!) Der Grund dafür liegt sicher mit darin, daß die wissenschaftlichen Leistungen lange nicht die Rolle spielen wie bei uns, jedenfalls ganz hinter den sportlichen zurücktreten. (Der Zweck der Schule wird hier eben durch andere Mittel besser erreicht, als durch „wissenschaftliche“ Aufgaben, wie in der europäischen Schule. D. Vf.)
„Die Wettkämpfe fielen gerade in die Zeit unseres Aufenthaltes in Sydney: erst die Ausscheidungskämpfe der einzelnen Häuser, dann die Kämpfe der Häuser untereinander, und schließlich die großen Wettspiele aller höheren Mädchenschulen.
Diese Sportspiele der Schulen sind sportliche und gesellschaftliche Ereignisse. Selbst zu den Ausscheidungskämpfen der einzelnen Schulen kommen regelmäßig Reporter und Photographen aller großen Blätter. Die Bilder der Sieger erscheinen in den Zeitungen mit langen Berichten.
An diesen Kämpfen nehmen schon die Allerkleinsten, zu denen Ralph gehörte, teil. Er war mit heiligem Eifer dabei. Und wenn er aus der Schule nach Hause kam. war er nicht zum Essen zu bringen, da er erklärte, erst trainieren zu müssen. Und dann rannte er mit todernstem Gesicht auf dem Rasen im Kreise herum. Und als Renates Haus an der Reihe war. brüllte er aus Leibeskräften: „Preston! Preston! Preston!“ Dieses Zurufen nennt man mit einem unübersetzbaren Ausdruck „barracken!“
Bei den großen Wettkämpfen sind es Hunderte und Tausende von Kindern, die ihre am Wettbewerb teilnehmenden Klassengenossen auf diese Weise „barracken!“ Von dem Geschrei und dem Tumult dabei kann man sich schwer eine Vorstellung machen.
Mit den Sportspielen wurde die Konfirmation von Renates Klassengenossinnen erledigt. Sie fand gerade am Hauptkampftage statt, abends um acht Uhr, nachdem die Mädchen den ganzen Tag auf dem Sportplatz gewesen waren.
Und nach den Sportkämpfen kamen die Prüfungen, die jedes Vierteljahr abgehalten werden. Sie spielen nicht die gleiche Rolle, und die Anforderungen waren nicht so groß, als daß nicht Renate, die doch erst sechs Wochen in der Schule war und alle Fächer in einer fremden Sprache zu erledigen hatte, sie ohne Schwierigkeiten bestand! Immerhin war unter den Prüfungsarbeiten eine Abhandlung über das moderne China, für die wohl allen gleichaltrigen deutschen Kindern die erforderlichen Kenntnisse gefehlt hätten.
Das Prinzip der Rivalität beherrschte auch die unterste Klasse, in die Ralph ging. Da gab es dreierlei Tische und Stühle in verschiedenen Farben, und sein höchster Traum war, es einmal auf die rosa Stühle mit den grünen Beinen zu bringen.
Im übrigen aber war es bewundernswert, in welch fröhlich spielerischem Geiste den Kindern die Elemente des Wissens beigebracht wurden. So wurden sie beispielsweise erst einmal in eine große Autobusgarage geführt. Dann bauten sie sich aus Stühlen einen „Bus“ im Garten auf. Einer war Chauffeur, einer Schaffner, die anderen Passagiere. Sie malten sich Schilder für den Omnibus und Billette und übten so schreiben. Sie kauften Billette mit selbstgefertigtem Spielgeld und übten so rechnen. Gleichzeitig erhielten sie ein Praktikum in Verkehrsregeln.
Ralph ist dann auch mit glühendem Eifer in die Schule gegangen und sehnt sich oft nach ihr zurück. Nur ein Punkt macht ihm mitunter noch Kummer: Er rauft leidenschaftlich gerne und hatte sehr bald alle seine Klassengenossen, die für unorganisierte sportliche Betätigung nicht zu haben waren (!), derart verprügelt, daß die Eltern sich beschwerten. Wollten wir nicht riskieren, daß er aus der Schule geschmissen wurde, mußten wir ihm jedes Raufen untersagen! In der Folge mag er dann manchmal, vor allem wegen seines mangelhaften Englisch, gehänselt worden sein, ohne daß er zuzuschlagen sich traute! Jedenfalls waren wir schon eine ganze Weile von Sydney fort und wieder auf der Tour im Auto durch Queensland, als Ralph erst einige Male schwer aufseufzte und dann meinte: „Am letzten Tag hätte ich sie doch noch alle verhauen sollen!“
Sehr charakteristisch für das innere Wesen der Schule und ihren heimlichen Zweck, die Aufrechterhaltung der Altenherrschaft zu sichern und darum vor allem (unter dem Vorwand von notwendigen Anleitungen und Strafen) die Schüler zu demütigen und entmutigen, scheint mir, daß (nach dem erwähnten Vortrag von Karsen, sowie nach vielen anderen Mitteilungen) selbst in dem auf das Palladium der persönlichen Freiheit in allem so stolzen England die Schüler wie vor alters unter Stock und Rute stehen. „Selbst die Edelsten der Nation“ — sagte Karsen — „wurden und werden heute noch gelegentlich barbarisch gezüchtigt. Die Parole in der Schule lautet: Vor allem Autorität! und: Durch Dienen zum Herrschen! Zu diesem Ziele muß jeder durch die schwersten Weihen gehen! Um dereinst herrschen zu können, müssen alle sich daran gewöhnen, erst dienen zu lernen.“
Robert Michel „Die Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie“, Leipzig 1910, Klinkhardt, S. 149, sagt: „Die Vollmachtsanhäufung in relativ wenigen Händen . . . . führt . . . . zu häufigem Mißbrauch der Macht. Der „Vertreter“ wird, im Vollgefühl seiner Unentbehrlichkeit, aus einem Diener des Volkes leicht zu einem Herrn des Volkes . . . . Auf Druck von oben reagieren die unteren Schichten häufig mit blutigem und heftigem Gegendruck, . . . . den Druck ihrer selbstgewählten Führer spüren sie vielleicht überhaupt nicht. Werden den Massen einmal die Augen über die Vergewaltigungen .... an dem Ideal der Demokratie . . . . geöffnet, so kennt . . . . ihr Erstaunen keine Grenzen.“ Aber „weit entfernt davon, die Fehlerquelle der Oligarchie in der Zentralisation . . . . zu erkennen, glauben sie, zu ihrer Bekämpfung kein besseres Mittel zur Verfügung zu haben, als die Zentralisation noch weiter zu akzentuieren“.
