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LeseprobeEin Beispiel für soziale Interaktion:
Zwei Tage im Leben von Benjamin
Mittwoch, 5. Mai 1993
Während Benjamin, vom Trickfilmfieber seines Freundes Mikael angesteckt, vor dem Fernseher sitzt, kommt ihm ein großartiger Gedanke. Unverzüglich blättert er seine Bücher über Indianer durch. Mit der amerikanischen Urbevölkerung fühlt er sich sehr verbunden.
Ja, genauso soll sein Indianerkostüm aussehen. Zufrieden hält er ein Bild von einem Sioux-Häuptling aufgeschlagen. Dann schleppt er Papier, Malstifte, Schere, Leim und andere Utensilien in den Hof und beginnt mit der Arbeit. Endlich tauchen die lang ersehnten Kinder aus der Nachbarschaft auf, die den Morgen in der Schule verbracht haben. Benjamins Begeisterung überträgt sich augenblicklich auf seine Spielgefährten. Reges Treiben herrscht im Hof. Es wird gezeichnet, geklebt, ausgeschnitten und geheftet, bis schließlich alle reich verzierten Indianerkleider tragen. Sogar Schilder haben sie aus Papier gefertigt.
Christine schlägt den Kindern vor, einen Spaziergang in das nahegelegene, so wunderbar verwilderte und überwachsene brachliegende Gelände zu unternehmen, das wie eine Oase inmitten stinkender Straßen und bedrohlicher Überbauung liegt.
Sie bahnen sich ihren Weg durch Brennesseln und Dornen. Da gibt es allerhand zu entdecken: "Da, ein Schmetterling!" - "Schau, ein Käfer!" Immer wieder weisen entzückte Ausrufe der Kinder auf die vielfältigen Schönheiten der Natur hin.
Die Kinderschar versteckt sich hinter dichtem Gebüsch. Plötzlich kommen sie mit lautem Indianergebrüll hervorgestürmt. Am Ende des Geländes begegnen sie einem Mädchen, mit dem sie über ein Gitter hinweg ins Gespräch kommen. Behende klettern sie über das Gitter, das sie von dem Mädchen trennt.
Dann geht es weiter zu den "Bäumen", ihrem Lieblingsplatz. Wie Affen klettern sie herum und erkunden die Gegend. Von diesem Ort sind sie jeweils gar nicht mehr wegzubringen. Sie bewerfen sich mit Pflanzen, die an den Kleidern haften bleiben. Jessica, die Jüngste von allen, weint. Sie hat sich an den Dornen weh getan. Die anderen Kindern wenden sich ihr zu, um sie zu trösten. Nach und nach fallen die papierenen Indianerkleider ab. Christine steckt sie in eine Tasche, die sie vorsorglich mitgenommen hat.
HINWEIS: Dieser Auszug ist dem Kapitel "Die Sozialität des unbeschulten Kindes" von Olivier Keller aus dem Buch "Denn mein Leben ist Lernen - Wie Kinder aus eigenem Antrieb die Welt erforschen" entnommen und für diese Webseite angepasst. Es unterliegt den Bestimmungen des Copyrights und darf ohne schriftliche Genehmigung des Mit Kindern wachsen Verlages in keiner Weise vervielfältigt werden.
304 Seiten |
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zum Buch
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