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Antipädagogik Ekkehard von Braunmühl

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Antipädagogik
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im: tologo verlag
Seiten: 273
erschienen: 2006
ISBN: 978-3-9810444-3-0
Preis: 19,90 EUR
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Leseprobe

Erziehung ~ das Geschäft mit der Angst

Es gilt heute, trotz Margaret Mead, noch schlicht als selbstverständlich, daß Kinder erzogen werden müssen. Obwohl Pädagogen, wenn sie ehrlich sind, zugeben, daß Erziehung Herrschaft, Gewalt, Fremdbestimmung, Unterwerfung bedeutet selbst, wo nur von „vorsichtig lenkenden“ Maßnahmen die Rede ist (wie gleich dreimal in der Reklamebroschüre „Kindergarten und vorschulische Erziehung“ des Hessischen Sozialministers aus dem Jahre 1974, Seiten 4, 9 und 14), beharren sie darauf, daß dies eben nötig sei ~ für die Kinder, versteht sich.
Ich habe im zweiten Kapitel Gieseckes Trick der Gleich- bzw. Kom­plementärsetzung von „Lernen“ und „Erziehung“ Verschleierungsabsichten unterstellt, denn er ist offensichtlich logisch zu unseriös, um nicht auf ganz anders geartete, womöglich unbewußte Motive hinzuweisen. (Mit Gieseckes Trick werden übrigens auch Kindergärtnerinnen und Eltern systematisch verdummt. So heißt es in der eben genannten Broschüre, S. 9: „Lernen im Kindergarten ergänzt die Erziehung der Familie und führt über sie hinaus.“) Außerdem hatte ich angekündigt, in diesem Kapitel die objektiv verbrecherische Zieherei der Erwachsenen zu „entkriminalisieren“: Nur als Opfer der Erziehungsideologie sind sie, wie es bereits mehrfach an­geklungen ist, auch deren Schergen. Man kann in diesem Falle annehmen, daß Erzieher in aller Regel wirklich nicht wissen, was sie tun. Mitscherlich z.B. betonte ja sehr stark, daß Kinder „von ihren Eltern ahnungslos ~ es ist keine Übertreibung ~ völlig ahnungslos im Schutz kollektiver Erziehungsnormen“ gepeinigt werden.
Nun fällt weder individuelle Ahnungslosigkeit noch fallen kollektive Erziehungsnormen einfach vom Himmel, und ebensowenig „schützen“ die letzteren die erstere; genausogut könnte man umgekehrt sagen: die individuelle Ahnungslosigkeit schützt vor dem Durchschauen der kollektiven Normen. Offenbar besteht hier eine komplexe Wechselwirkung, der gründlich nachzuforschen sich lohnen würde. Ich möchte jedoch nur einige Aspekte dieses Komplexes herausgreifen, die unmittelbar zu meinem begrenzten Thema gehören. Und zwar möchte ich den Begriff der „pädagogischen Einstellung“ um eine Dimension erweitern zur „pädagogischen Ambition“, die sowohl primär (individuell-tiefenpsychologisch) als auch sekundär (gesellschaftlich-ideologisch) als auch in jeder denkbaren Mischung motiviert sein kann. Es wird sich zeigen, daß die primäre wie auch die sekundäre pädagogische Ambition Möglichkeiten bietet, das pädagogische Syndrom zu therapieren. Der Leidensdruck vieler Erzieher dürfte stark genug sein (oder demnächst werden), ihnen einige unangenehme Wahrheiten bedenkenswert erscheinen zu lassen. Es sei aber auch gleich eine Schwierigkeit genannt, die dieses Kapitel zu einem besonders heiklen macht: Zwangsläufig wird zum Teil von unbewußten Motiven die Rede sein, welche der Leser (auch der Autor) definitionsgemäß nicht aus eigener Erfahrung bestätigen, nicht in sich wiederfinden kann. An anderen Menschen ist aber das Vorhandensein solcher Motive leicht zu erkennen, und wer gewöhnt ist, von sich auf andere zu schließen, wird dasselbe vielleicht auch einmal in der umgekehrten Richtung versuchen.

...

Aber, sagt der Pädagoge dagegen (und verweist vielleicht auf das „außer bei Kindern“), es geschieht ja um der Kinder willen; sie haben es nötig.
Damit argumentiert der Pädagoge auf der Meta-Ebene, auf der Ebene des Überbaus. Die Gesellschaft, die Kultur, die Zukunft oder gar die Natur des Kindes erfordere seine Unterwerfung. (Später wird man es dann schon in die Freiheit ziehen.) Aber auf dieser Ebene hat noch nie ein Kind irgendetwas gelernt, auf ihr ist noch nicht einmal ein Kind unterworfen worden. Was man über Erziehung sagt, ist eine Sache (Kupffer nennt sie „Fiktion“), was wirklich passiert, eine ganz andere.
Auf der Ebene der basalen, wirklichen Beziehungen zwischen Menschen, auf der Kinder lernen (und sei es Unterwerfung), auf der sie ihr Selbstbild gewinnen, ihre Einstellungen, alle die fundamentalen Eigenschaften, auf denen dann intellektuelle, politische, überpersönliche Interessen und Möglichkeiten aufbauen, auf dieser Ebene der realen zwischenmenschlichen Konstellation finden sich Kinder ~ wenn die nun anzuführenden Beobachtungen nicht aus der Luft ge­griffen sind ~ tatsächlich von einer Mörderbande umgeben (im Sinne der „Little Murders“). Auf dieser Ebene, auf der Kinder keine Erziehung, sondern manchmal Hilfe brauchen wie jeder Mensch, haben nicht sie, sondern die Erwachsenen jenes unwürdige, unfaire, feige Gebaren nötig, das Erziehen heißt.

HINWEIS: Dieser Auszug ist dem Kapitel IV "Die pädagogische Ambition" von Ekkehard von Braunmühl aus dem Buch "Antipädagogik - Studien zur Abschaffung der Erziehung" entnommen und wurde für diese Website angepasst. Der Text unterliegt den Bestimmungen des Copyrights und darf ohne schriftliche Genehmigung des tologo verlages in keiner Weise vervielfältigt werden.

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von: Ekkehard von Braunmühl

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